Auf der Spur der Orgelbauer

Versteckt in einem Seitenraum der Franziskanerkirche, führt die älteste Orgel Wiens ein Schattendasein: die 366 Jahre alte Wöckherlorgel. Jetzt soll der Schweizer Orgelbaumeister Wolfgang Rehn dem historischen Stück neues Leben einhauchen.

(c) Die Presse (Teresa Zötl)

Nur wenige Eingeweihte kennen das Geheimnis der Franziskanerkirche. Hinter dem hölzernen Hochaltar, an dem drei Mal täglich Messen zelebriert, Hochzeiten und Taufen gefeiert werden, verbirgt sich ein einzigartiges Stück Musikgeschichte.

Hier, nur wenige Schritte vom Stephansdom entfernt, steht die älteste Orgel Wiens. Gut gesichert durch verschlossene Türen und erreichbar nur über Umwege durch die steinernen Gänge des benachbarten Franziskanerklosters, hat die Wöckherlorgel mehr als dreieinhalb Jahrhunderte überdauert – vor den Ambitionen übereifriger Modernisierer geschützt durch den Hochaltar, der den Orgelraum von der Kirche trennt.

Einer der wenigen, die die halbrunde Orgelkammer kennen, ist Wolfgang Rehn. Der 61-jährige Schweizer werkt gemeinsam mit fünf Kollegen in dem düsteren Raum, der – eingeklemmt zwischen der Rückseite des hölzernen Altars und dem steinernen Abschluss des Kirchenschiffs – an den Boden einer tiefen Kaverne erinnert. Durch die hochgelegenen Rundfenster fällt nur wenig Licht, und so behelfen sich die Arbeiter mit Scheinwerfern, die die Kammer mit fast mystischen Schemen füllen.

Wolfgang Rehn ist gekommen, um dem Instrument neues Leben einzuhauchen. Auf den Arbeitstischen, die Rehn zwischen ausgemusterten Kirchenbänken aufgestellt hat, liegt, fein säuberlich seziert, das Innenleben der Orgel: Pfeifen, von filigran-kleinen bis klobig-großen, neben Kisten mit Holzteilen und Lederelementen, die das Instrument von 1643 an zusammengehalten haben. Rehns Augen glitzern, während er die Einzelteile begutachtet, jedes Einzelne von tausenden Elementen vermisst und inventarisiert.

Rehn hat das Instrument, das der Wiener Orgelbauer Johann Wöckherl vor 366 Jahren in eine Nische der Kirche gebaut hatte, zum ersten Mal 1987 kennengelernt. Seitdem hat der auf Restaurierung spezialisierte Orgelbaumeister mit den Franziskanern des Klosters für eine Wiederherstellung des bis zur Unspielbarkeit heruntergekommenen Instrumentes geworben. Ein Vorhaben, das lange Zeit mangels Notwendigkeit scheiterte: Im Hauptraum der Franziskanerkirche steht eine neuere Orgel, die für die kirchlichen Zeremonien ausreicht. Die Wöckherlorgel spielte im Vergleich eine Nebenrolle. Erst im vergangenen Jahr haben die Mönche die Entscheidung getroffen, die Restaurierung anzugehen. „Wir haben mit diesem Stück eine Verantwortung übernommen, das kulturelle Erbe zu erhalten“, sagt Gottfried Wegleitner, als Guardian Vorsteher des Wiener Franziskanerkonvents.


Instrumentenbauer als Detektive. 1,15 Millionen Euro kostet die Restaurierung der Orgel, dauern wird sie rund zwei Jahre. Bis Ostern 2011, hofft Pater Gottfried, soll sie wieder einsatzbereit sein, dann will man das historische Instrument mit einem Wettbewerb berühmter Orgelmusiker einweihen.

Bis dahin liegt einiges an Arbeit vor Wolfgang Rehn: In den vergangenen Wochen haben er und seine Mitarbeiter die Orgel Stück für Stück auseinandergenommen, die Position jedes Teiles verzeichnet und in einer Computerskizze erfasst. „Jede Orgel ist anders aufgebaut“, sagt Rehn, „jedes Stück ein Unikat. Am Anfang jeder Restaurierung steht daher einmal richtige Detektivarbeit“. Zur Illustration greift der Handwerker in den Sand, der sich unter dem ausgehöhlten Holzskelett der Wöckherlorgel angesammelt hat. „Da drin haben wir Schrauben, Verbindungsstücke und sogar alte Partituren gefunden“, erzählt der Schweizer, während ihm der Sand durch die Finger rieselt.

Die Tradition des Orgelbaus hat mit der Industrialisierung einen Bruch erlebt: Bis zu dieser Zeit fertigte jeder Orgelbauer alle Teile des Instruments selbst – von den Pfeifen über Schrauben bis hin zu Blasebälgen. Mit dem Einsetzen der Massenfertigung wurden dann mehr und mehr Teile „von der Stange verwendet“, die Individualität der Orgeln und ihrer Töne wich einer Standardisierung. Restaurateure wie Wolfgang Rehn müssen heute in der Lage sein, auch die individuell gefertigten Einzelteile der alten Orgelbauer nachfertigen zu können. „Es ist einfach schön, sich in die alten Instrumente und Materialien einzuarbeiten – die Eigenheiten jeder Orgel zu erkennen, darauf zu reagieren, damit zu arbeiten“, strahlt der 61-Jährige.

Auf Laptops haben er und sein Team eine komplizierte Skizze der Orgel angefertigt: Wo haben sich die Pfeifen befunden, wo die 20 Register, die beiden Manuale, und wie spielen all diese Elemente zusammen, um den einzigartigen Ton zu erzeugen, der das historische Instrument auszeichnet? Auch in den Archiven hat Rehn den Aufbau der Orgel erforscht: Bis zum Werkvertrag, mit dem die Franziskaner Johann Wöckherl 1642 verpflichtet haben, geben Rechnungen und andere Dokumente Auskunft über die Anatomie der Orgel – und die vielen kleinen Eingriffe, die in den vergangenen Jahrhunderten zur Wartung vorgenommen worden sind.

Musikhistorisch ist die versteckte Lage der Wöckherlorgel ein Glücksfall: Weil sie seit dem 18. Jahrhundert hinter dem Altar verborgen geblieben ist, kam keinem der Kirchenherren die Idee, sie durch ein neues, moderneres Instrument zu ersetzen – was in vielen anderen Kirchen passiert ist. Dadurch blieb die Wöckherlorgel mit ihrem einzigartigen Klang im Wesentlichen erhalten. Freilich, kleinere Reparaturen und Anpassungen wurden auch hier vorgenommen, sagt Wolfgang Rehn – aber die Orgel sei immer noch dieselbe. Es gehe jetzt darum, wie viele dieser nachträglich vorgenommenen Änderungen man bei der Restaurierung übernehme und welche man rückgängig mache, um den originalen Charakter der Orgel im Sinne Wöckherls zu erhalten.

Mit der Erforschung und Dokumentation der Orgel ist die Arbeit von Wolfgang Rehn freilich noch lange nicht getan. In den kommenden Monaten wird er in seiner Stammwerkstätte, dem Unternehmen Kuhn, das seit 1864 am Zürichsee Orgeln und Orgelteile fertigt, manche Teile der Wöckherlorgel instand setzen und nachbauen.

Ein großer Teil der Elemente steht bereits fein säuberlich beschriftet und abgepackt in Plastikkisten auf dem Steinboden der Franziskanerkirche. Im kommenden Jahr wird Rehn dann nach Wien zurückkehren und damit beginnen, die Wöckherlorgel wieder zusammenzusetzen: Stück für Stück, Schraube für Schraube, wie es Johann Wöckherl vor 366 Jahren getan hat. Wenn das Instrument dann zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder erklingt, hofft Rehn, wird der Ton genau wie 1643 klingen: ein Hauch der Geschichte.

Auf einen Blick

1643 hat Johann Wöckherl in der Wiener Franziskanerkirche ein Instrument hergestellt, das heute die älteste erhaltene Orgel der Stadt ist.

Im 20. Jahrhundert war die Orgel – inzwischen versteckt hinter dem Hauptaltar der Kirche – dem Verfall preisgegeben. Für Zeremonien wurde eine neue Orgel im Hauptschiff verwendet.

Bis 2011 soll die Wöckherlorgel restauriert werden. Der Schweizer Orgelbaumeister Wolfgang Rehn analysiert die Bauweise des Instruments und soll den ursprünglichen Klang wiederherstellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2009)

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