Polizei erschießt 14-Jährigen: Warum?

Ein jugendlicher Einbrecher wurde in Krems tödlich getroffen, sein Komplize verletzt. Laut Staatsanwalt geschah der Zwischenfall in „völliger Dunkelheit“. Dennoch feuerten die Polizisten mehrmals. Ob dies gezielt möglich sei? „Kein Kommentar.“

(c) REUTERS (STRINGER/AUSTRIA)

Krems. Dürfen Polizisten auf zwei mit Schraubenzieher und Gartenharke bewaffnete Einbrecher schießen? Und macht es einen Unterschied, ob die auf frischer Tat ertappten Straftäter Erwachsene, oder – wie im konkreten Fall – fast noch Kinder sind? Schwer zu beantwortende Fragen wie diese sind es, mit denen sich die Behörden im niederösterreichischen Krems in den nächsten Wochen beschäftigen müssen.

Anlass ist der Einbruch durch einen 14- und einen 16-jährigen Teenager. Die beiden Burschen wurden in der Nacht auf Mittwoch von zwei Polizisten ohne Beute, aber auf frischer Tat ertappt. Die beiden Beamten griffen zur Dienstwaffe und feuerten mehrmals auf die Verdächtigen. Der Ältere erlitt dabei Durchschüsse beider Oberschenkel. Er liegt im Krankenhaus und ist nicht vernehmungsfähig. Der Jüngere der beiden wurde von einem Projektil in die Brust getroffen und verstarb nach der Einlieferung ins Krankenhaus. Einmal mehr debattiert die Öffentlichkeit nun, ob die Polizisten zu Recht von der Schusswaffe Gebrauch gemacht haben.

 

„Wir wissen nicht viel“

Die involvierten Behörden haben darauf entweder tatsächlich noch keine Antworten gefunden oder versuchen es dieses Mal bewusst mit Zurückhaltung. Noch nicht vergessen ist in Niederösterreich nämlich die von manchen als allzu freizügig kritisierte Öffentlichkeitsarbeit der Exekutive während der Kriminalfälle von Amstetten (Josef F.) und Spitz (Mordversuch an Bürgermeister Hannes Hirtzberger), bei denen man mit der Bekanntgabe pikanter Details auch Fettnäpfchen nicht ausließ.

„Wir wissen noch nicht viel“, lautet die wenig zufriedenstellende Antwort von Staatsanwalt Friedrich Kutschera. Rekonstruiert werden konnte der Hergang des Zwischenfalls bisher nur in groben Zügen.

Es war um Punkt 2.28 Uhr, als im Stadtpolizeikommando in der Rechten Kremszeile 56 Alarm ausgelöst wurde. Sofort rückten zwei „erfahrene Kollegen“ (so beschreibt das Landespolizeikommando die beiden Beamten) aus, rasten zu dem nur 500 Meter Luftlinie entfernten Merkur-Markt in der Landersdorfer Straße 8, von wo aus der Alarm ausgelöst worden war. Kurze Zeit später traf auch ein via Alarmanlage informierter Marktmitarbeiter ein. Gemeinsam kontrollierten sie die Eingänge, bemerkten, dass die Einbrecher wohl durch den Rollladen der Laderampe ins Gebäude gelangt waren. Dann betraten die Polizisten das laut Staatsanwaltschaft „völlig dunkle“ Gebäude. Verstärkung forderten sie nicht an.

Was dann wirklich geschah, muss nun ein Sachverständiger klären. Nach Angaben der Polizei attackierten die beiden Jugendlichen aus einer Nische heraus um Punkt 2.55 Uhr die Beamten. Zumindest einer von beiden sei maskiert gewesen. Anschließend kam es „zu drei bis vier Schüssen“, sagt Roland Scherscher vom Landespolizeikommando Niederösterreich. Ob diese gerechtfertigt waren, soll eine Sonderkommission aus Oberösterreich klären.

 

Verdächtige „amtsbekannt“

Laut Waffengebrauchsgesetz ist ein Schusswaffeneinsatz nur dann zulässig, wenn weniger gefährliche Maßnahmen ungeeignet sind. Auf die Frage der „Presse“, ob es denn überhaupt möglich sei, in völliger Dunkelheit gezielte Schüsse abzugeben, hieß es seitens der Polizei: „Kein Kommentar.“ Ebenfalls nicht kommentieren will die Exekutive die Frage, woher man all diese Details wisse, wo doch die beiden handelnden Polizisten bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vernehmungsfähig sein sollen.

Die Staatsanwaltschaft erwarten jedenfalls langwierige Ermittlungen, denn auch der schwer verletzte 16-Jährige, der wie sein getöteter Komplize „amtsbekannt“ sein soll, ist noch nicht vernehmungsfähig. Er steht unter schwerem Schock. Auch die Hoffnung, dass der Vorfall von der Videoüberwachungsanlage des Großmarktes aufgezeichnet wurde, bestätigte sich nicht. Er ereignete sich nämlich abseits der überwachten Verkaufsflächen vor dem Fleischlagerraum. Sowohl die niederösterreichische Polizei als auch Innenministerin Maria Fekter „bedauern“ den Zwischenfall. Justiz und Exekutive kündigten gemeinsam eine „lückenlose Aufklärung“ an. Kommentar Seite 27

AUF EINEN BLICK

In der Nacht auf Mittwochertappte die Polizei in Krems zwei jugendliche Einbrecher auf frischer Tat. Der Jüngere der beiden (14) wurde von einer Kugel tödlich getroffen, der Ältere (16) erlitt zwei Oberschenkel-Durchschüsse. Die beiden waren mit einem Schraubenzieher und einer Gartenharke „bewaffnet“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2009)

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