Wer die Regie bei den Wiener Erdoğan-Demos führt

Türkische Flaggen, „Allahu Akbar“-Rufe und ein Angriff auf ein kurdisches Lokal – wer waren die Demonstranten, und wie repräsentativ sind sie für türkeistämmige Österreicher?

Wien. „Wenn ihr so begeistert von Erdoğan seid, warum geht ihr dann nicht in die Türkei zurück?“ Meldungen wie diese gab es häufig auf Facebook und Twitter. Garniert mit Videos und Bildern der Demonstrationen gegen den letztlich gescheiterten Putsch in der Türkei. 4000 Menschen waren in der Nacht auf Samstag durch Wien gezogen, 1200 waren es am Samstagnachmittag. Sie trugen türkische Fahnen und skandierten „Sokaklar Bizim“ – „die Straßen gehören uns“.

Wie diese Demos zustande kamen, darüber gibt es unterschiedliche Erzählungen. Eine ist die der spontanen Initiative. Dass die türkische Diaspora Freitagnacht in Wien von sich aus auf die Straße gegangen ist. Der türkische Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, hatte zuvor zum Widerstand gegen die Putschisten aufgerufen, und dazu, dass „das Volk“ sich versammeln sollte. Es ist dies auch die Erzählung, wie sie die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) wiedergibt. Genau sie, das ist eine andere Erzählung, soll hinter der schnellen Mobilisierung gestanden sein.

Die Organisation gilt als Ableger der regierenden AKP in Europa, wenn sie auch ihre Überparteilichkeit betont. Sie ist es auch, die bei Besuchen Erdoğans in Deutschland oder Österreich Regie führt. Und nun ist sie darum bemüht, das Bild zu zerstreuen, das für so viel Aufregung gesorgt hat – dass hier nämlich türkische Nationalisten „Allahu Akbar“ schreiend durch die Stadt gezogen sind.

 

„Keine Organisation dahinter“

Hakan Gördü, Sprecher der UETD, spricht davon, dass es nicht nur Türken waren. Sondern auch Menschen aus anderen Ländern. Und diese hätten nicht für Erdoğan oder die AKP demonstriert, sondern für die Demokratie, gegen den Militärputsch. Ja, es seien viele AKP-Anhänger dabei gewesen, „aber mindestens genauso viele aus der Opposition“. Und die türkischen Flaggen, die hätten die Menschen spontan mitgenommen, „da war keine Organisation dahinter“. Doch genau die Flaggen, klagt Gördü, würden nun zur Polarisierung verwendet, „um dem rechten Lager einen Schub zu verschaffen“. Das Bild einer „multinationalen Bewegung“, wie es der UETD-Sprecher bezeichnet, sei bei den Demos „leider nicht rübergekommen“.

In der Türkei hatte sich während des Putschversuchs eine Allianz gebildet – auch Gegner der regierenden AKP gingen gegen das Militär auf die Straße. Ob das in Österreich auch so war? Berivan Aslan zweifelt daran. Die grüne Nationalratsabgeordnete mit kurdischen Wurzeln sieht die Demos als Zeichen für „Erdoğans Machtpolitik in Europa“. „Gerade in Österreich gibt es eine große Community von AKP und Grauen Wölfen“, den rechtsextremen Nationalisten.

„Kurden, Armenier oder Aramäer waren da sicher nicht dabei.“ Und auch, dass Anhänger der kemalistischen CHP sich an den Demos in Wien beteiligt haben könnten, hält Aslan für sehr unwahrscheinlich. Und sie sieht noch ein Anzeichen dafür, dass hinter den Demos türkisch-nationalistische Kräfte standen. Dass nämlich am Samstag bei der Demo ein kurdisches Lokal auf der Mariahilfer Straße angegriffen wurde. Etwas, was laut Aslan System habe. UETD-Sprecher Gördü wiederum sieht darin die Tat von „zwei, drei ahnungslosen Möchtegernnationalisten“, von der man sich distanziere.

 

„AKP hat mehr Budget“

Nicht nur in den sozialen Netzwerken, auch in der Politik sorgten die Demos für Befremden. So meinte etwa Integrationsminister Sebastian Kurz, er erwarte von „Menschen, die bei uns leben, dass sie ihrem neuen Heimatland gegenüber loyal sind“. Das seien sie zum Großteil auch, glaubt Berivan Aslan. Insgesamt würde bei den Türkischstämmigen in Österreich die Zahl jener überwiegen, die Erdoğan gegenüber kritisch eingestellt sind. „Die AKP-Leute sind weniger“, meint sie, „aber sie haben mehr Budget, mehr Mobilisierungskraft und sind daher sichtbarer.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2016)

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