Wandern über den Dächern der Altstadt

Mönchsberg, Kapuzinerberg, Festungs- und Rainberg: Das sind die grünen Oasen in der Stadt Salzburg. Wanderungen lohnen sich hier auch im Herbst, literarische Spurensuche von Thomas Bernhard bis Peter Handke inklusive.

Austria: Salzburg's Historic Centre
Austria: Salzburg's Historic Centre
Ob Festungsberg (Bild) oder Mönchsberg: Mitten in Salzburg lässt es sich abseits der Touristenströme in Ruhe wandern – Daniel Kalker/DPA/picturedesk.com

Die Wildnis beginnt gleich hinter dem Großen Festspielhaus. Dunkel ragt die Wand des Mönchsbergs hinter dem Salzburger Kulturbezirk auf. Keine fünf Minuten und schon lässt man den Trubel der Stadt hinter sich.

Auf dem Berg ist Salzburg anders. Hier oben ist nichts zurechtgestutzt und herausgeputzt. Die Touristen bleiben bei den Aussichtsplattformen beim Museum der Moderne oder auf der Festung. Der Wald und die versteckten Wiesen mit den grasenden Kühen gehören den Einheimischen. Den Spaziergängern, Wanderern, Läufern, Kletterern, den Kindern und den Hunden. Zwischen den stattlichen Buchen, Eichen, Ahornen und Eschen liegen morsche Äste, das Gestrüpp darf wuchern. Turmfalken, Uhus, Dohlen, Eichelhäher, Spechte haben hier ihr Revier. Es zwitschert, raschelt und knackst im Unterholz. Die Stadt ist nur mehr ein entferntes Rauschen, Geruch von feuchter Erde statt von teurem Parfum. In so mancher Mulde und Nische haben sich Kinder aus Ästen, Gräsern und Steinen ihre Abenteuerspielplätze gebaut.

Der schnellste Fußweg aus der Stadt in die Höhe führt über den Toskaninihof und die Clemens-Holzmeister-Stiege auf den Berg. Doch für eine längere Wanderung eignet sich der Aufstieg über den Stadtteil Mülln besser. Die zum Teil schon aus dem 13. Jahrhundert stammenden Wehranlagen und Bastionen durchziehen den gesamten Bergrücken von der Festung bis nach Mülln. Sie gliedern den Berg in Gebiete: Müllner Schanze, Bürgerwehr, Richterhöhe.

Von Beruf Bergputzer. In früheren Jahrhunderten wurden große Quader aus den Konglomeratfelsen geschnitten, um senkrechte und damit von Feinden nicht einnehmbare Abstürze zu schaffen. Der Berg ist unberechenbar. Im Jahr 1669 starben bei einem Bergsturz südlich des Klausentors 230 Menschen, die in den Häusern unterhalb der Felswand gewohnt hatten. Insgesamt 13 Häuser und zwei Kirchen wurden verschüttet. Seither gibt es in der Stadt Salzburg einen ungewöhnlichen Berufsstand: die Bergputzer. Sie seilen sich an den steilen Flanken des Mönchsbergs ab, um die Wand von losen Steinen zu säubern, Büsche zurückzuschneiden oder Wurzeln zu entfernen. Rund 300.000 Quadratmeter Felswand werden von den Bergputzern in Handarbeit pro Jahr gesäubert.

Gleich hinter der Monikapforte nach der Müllner Schanze führt ein schmaler Pfad direkt auf der Bergkante entlang in Richtung Festung. Ein kleiner Abstecher und man steht auf der nach Alexander von Humboldt benannten Terrasse, auch das Teil der alten Wehranlagen. Ein schauriger Ort mit Altstadtblick, der verzweifelte Menschen immer wieder magisch anzieht. Thomas Bernhard hat ihn in der „Ursache“ literarisch verewigt.

Apropos Schriftsteller. Die Stadtberge sind auch Orte der Dichter. H. C. Artmann hat in seiner Salzburger Zeit einige Jahre am Fuß des Mönchsbergs, in der Augustinergasse, gewohnt. Peter Handke verbrachte seine Salzburger Jahre auf dem Mönchsberg – im Turm des Kuppelwieserschlössls. Zuvor hatte schon Bertold Brecht 1949 einige Monate in diesem Haus gewohnt. Der Kapuzinerberg auf der anderen Seite der Salzach ist untrennbar mit Stefan Zweig verbunden. Er lebte von 1919 bis 1934 im Paschingerschlössl, ehe er die Stadt wegen der Nationalsozialisten verließ.

Kunst im Wald. Doch wir bleiben noch auf dem Mönchsberg. Ganz unvermittelt taucht mitten im Wald Kunst auf. Der Iglu aus Metallstäben, in dem in der Abenddämmerung 21 Neonzahlen leuchten, gehört zu jenen zeitgenössischen Werken, die die Salzburg Foundation der Stadt gestiftet hat. Der italienische Künstler Mario Merz hat „Ziffern im Wald“ 2003 für diesen stillen Ort an der Bergkante geschaffen. Es war eines der wenigen Kunstwerke im öffentlichen Raum, die keinen Proteststurm im Boulevard ausgelöst haben. Im Wald stört die Kunst niemanden.

Am Museum der Moderne vorbei geht es weiter über die Bürgerwehr und den nächsten Aussichtspunkt zur Richterhöhe. Hier gibt es eine kleine Hütte mit Ausschank, das Imbissstüberl für die Mönchsberggemeinde: urige Gastlichkeit mitten im Wald. Über das Bürgermeisterloch gelangt man wieder hinunter ins Tal zum Krauthügel. Hier haben Generationen von Salzburgern ihre ersten Skiversuche gemacht. Wer noch weiter die Höhe genießen will, wandert an der Katze – dem wohl schönsten Pfadfinderplatz Mitteleuropas – vorbei zum Festungsberg und hinunter ins Nonntal.

Auf der anderen Seite der Salzach erhebt sich der Kapuzinerberg. Er ist höher und einsamer als der Mönchsberg. Er verdient ob seiner schroff in die Salzburger Neustadt abfallenden Flanken die Bezeichnung Berg sogar tatsächlich.

Auf der Nordseite des Kapuzinerbergs gibt es kleinklimatische Verhältnisse wie im Hochgebirge. Das beweisen auch die Gämsen, die hier ihren Lebensraum haben. Beim Joggen in der Früh oder in der Dämmerung kann man sie mit etwas Glück beobachten. Eine besondere Begegnung mitten in der Stadt. Die Bewohner der nahen Linzergasse, die ihre Fenster in Richtung Kapuzinerberg haben, können den Tieren im steilen Gelände beim Frühstück zuschauen. Im Jahr 1948 hat sich ein Gamsbock auf den Kapuzinerberg verirrt. Woher er kam, ist unklar. Jäger haben dem einsamen Tier vier Jahre später eine halbzahme Geiß aus der Steiermark mitgebracht. Seither gibt es die kleine Kolonie von Wildtieren mitten in der Stadt.

Schöner als die asphaltierten Wege über den Berg ist der manchmal recht verwachsene Pfad entlang der Bastei, der alten Befestigungsanlage aus der Zeit von Fürsterzbischof Paris Lodron. Auch noch so ernsthafte Bemühungen der Stadtpolitik, die Stadtstreicher und Obdachlosen hier heroben aus den ehemaligen Wehrtürmchen zu vertreiben, haben nichts gefruchtet.

Immer wieder fanden die Bergbewohner eine Möglichkeit, sich hier ihre zugigen Schlafplätze einzurichten. Auf dem höchsten Punkt steht das abgelegene Franziskischlössl – mit einem Rundblick über ein von Straßen, Bahngleisen und Gewerbegebieten geprägtes Salzburg, das wenig mit dem Postkartenbild der Altstadt zu tun hat.

Nach der Tour

Wer wandert, will auch einkehren: Auf dem Mönchsberg bieten sich das Restaurant M32 (www.m32.at) mit Panoramaterrasse sowie das etwas rustikalere Naturfreundehaus Stadtalm (www.stadtalm.at) an. Das Augustinerbräu in Mülln hat viel Lokalkolorit. Auf dem Kapuzinerberg lockt das Franziskischlössl mit Hausmannskost und toller Aussicht: franziskischloessl.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2016)

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