Murkraftwerk: "Auf brutale Weise Fakten schaffen"

Seit die Rodungsarbeiten zum umstrittenen Murkraftwerk begonnen haben, gehen die Emotionen hoch. Am Freitag wurde ein Protestcamp von Polizei und Securitypersonal geräumt.

Wer nicht ging, wurde weggetragen: Die Räumung des Protestcamps „Murcamp“ am Freitag.
Wer nicht ging, wurde weggetragen: Die Räumung des Protestcamps „Murcamp“ am Freitag.
Wer nicht ging, wurde weggetragen: Die Räumung des Protestcamps „Murcamp“ am Freitag. – (c) APA/ELMAR GUBISCH (ELMAR GUBISCH)

Graz. „Die Mur soll ewig fließen, laut, stark und wild“, singen Demonstranten im Murcamp. Begleitet werden sie bei Minusgraden am Freitagmorgen von zwei Mitstreitern mit Geige und Blockflöte. Ein paar Meter weiter tragen Securityarbeiter Aktivisten, die sich an Bäumen festgebunden haben, vom Areal des Camps.

Rund 70 Kraftwerksgegner halten sich am Freitag im Murcamp nördlich des Puchstegs auf, um die Rodung von Bäumen zu verhindern. Ihnen gegenüber stehen ebenso viele Polizisten und mehrere Dutzend Securitymitarbeiter. Seit am vergangenen Montag um sechs Uhr früh mit den Arbeiten begonnen wurde, werden ebendiese von Protesten begleitet.

Am Thema Murkraftwerk reiben sich die politischen Akteure in Graz seit Jahren. Ein erster Antrag auf eine Volksbefragung wurde 2011 abgewiesen, zuletzt ist die Grazer Stadtregierung an der Frage einer Volksbefragung gescheitert. Weil die KPÖ ihr Ja zum Budget an die Durchführung einer solchen Befragung gekoppelt hatte. Ursprünglich war auch Bürgermeister Siegfried Nagl gegen den Bau der sogenannten Staustufe Puntigam, in den letzten Jahren hat er sich aber zu einem Verfechter des 80-Millionen-Euro-Projektes entwickelt. Dem Vernehmen nach, weil sich die Stadt Graz bei der Errichtung des notwendigen Speicherkanals (Kosten: 80 Mio. Euro) durch den Bau des Kraftwerks Geld spart.

 

Jobs für 1800 Menschen

Nagl selbst argumentiert seine Unterstützung für das Projekt mit der Förderung erneuerbarer Energiequellen sowie den positiven Effekten für die regionale Wirtschaft. „1800 Menschen haben zwei Jahre lang einen Job“, so Nagl im Gespräch mit der „Presse“. Den Auftrag (Volumen: zehn Mio. Euro) für Produktion und Montage der Turbinen hat die Energie Steiermark an die Grazer Andritz AG vergeben. Einen gültigen Baubescheid gibt es seit 2012, vollständig finanziert ist das Projekt bislang noch nicht. In den kommenden Wochen sollen laut Energie Steiermark weitere Investoren bekannt gegeben werden.

Seinen Betrieb aufnehmen soll das Kraftwerk im Sommer 2019. Bis dahin wird sich das Landschaftsbild entlang der Mur enorm verändert haben. 8000 Bäume werden insgesamt gerodet, und daran entzünden sich aktuell die Emotionen. „Gefällt Ihnen dieser traurige Anblick?“, fragt eine Aktivistin Urs Harnik-Lauris, Pressesprecher der Energie Steiermark. „Die Bäume werden wieder gepflanzt, und hier, wo wir gerade stehen, wird ein Stadtstrand entstehen“, antwortet Harnik. „Ja, aber nur kleine Fuzzi-Bäume“, antwortet die Demonstrantin.

 

Viele Studien

„Die Energie Steiermark will auf brutale Art und Weise Fakten schaffen“, sagt Clemens Könczöl, Sprecher der Plattform Rettet die Mur. Seit Jahren kämpft die Plattform für eine Volksbefragung. Im Zuge der Rodungen habe der Energiekonzern zudem Auflagen des Baubescheides, wie die artgerechte Umsiedlung von Würfelnattern und Fledermäusen, nicht erfüllt, so Könczöl. Ein Vorwurf, den Harnik zurückweist.

Beide Seiten werfen mit Studien zu Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit des Kraftwerks nur so um sich. 80 Gigawattstunden sollen pro Jahr produziert werden, zu wenig in den Augen der Gegner, um die Rodung von 4,7 Hektar zu rechtfertigen. Ein weiteres Gutachten bescheinigt dem Kraftwerk, den teuersten Strom aus Wasserkraft zu produzieren.

Die Energie Steiermark wirbt – mit Unterstützung des Bürgermeisters – mit aufwendig produziertem Werbematerial in den Regionalmedien für das Kraftwerk. So ist es für die Grazer kein Leichtes, sich ein objektives Bild zu machen. Zwei Umfragen, die von einem renommierten überregionalen Unternehmen im Laufe des Jänner durchgeführt wurden, bilden die Spaltung der Grazer ab: Einmal gab es 45 und einmal 50 Prozent Zustimmung zum Kraftwerksbau.

„Ich habe leider das Gefühl, dass dieses Kraftwerk vielen Menschen einfach egal ist“, sagt Lisa Rücker, scheidende Stadträtin der Grazer Grünen, am Rande des Murcamps. Könczöl will das so nicht stehenlassen. „Wir werden weiterkämpfen, noch ist nicht alles verloren.“ Das Camp selbst wurde am Freitag geräumt. Für heute, Samstag, ist ein weiterer Protestmarsch angekündigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2017)

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