Wer hat Angst vor der Scharia?

Umfrage: Die Hälfte der österreichischen Türken kann sich Teile des islamischen Rechts in Österreich vorstellen. Debatte um das neue Selbstbewusstsein der Muslime in Europa – und seine Auswirkungen.

(c) AP

WIEN. Die Scharia als Bestandteil der österreichischen Rechtsprechung – die Hälfte der in Österreich lebenden Bevölkerung mit türkischen Wurzeln ist dafür, sagt zumindest die jüngst vom Innenministerium präsentierte Studie „Integration in Österreich“. Ein Zeichen des erstarkten muslimischen Selbstbewusstseins in Europa, wie der umstrittene muslimische Denker Tariq Ramadan (Interview) es formuliert?

Fakt ist, dass 50 Prozent der Befragten der Frage zustimmten, ob „Teile des islamischen Rechtes, z. B. Ehe-, Familien- und Erbrecht, in die österreichische Rechtsprechung Eingang finden“ sollten. Und dass der Anteil bei besonders religiösen Muslimen und jenen mit niedriger Bildung noch höher ist. Welcher Rechtsordnung – der islamischen oder der österreichischen – in jenen Bereichen der Vorzug gegeben werden sollte, in denen die beiden in Konflikt geraten würden, wurde nicht erhoben. Und auch nicht, was überhaupt unter Scharia verstanden wird.

Strafrecht im Blickpunkt

Denn die Scharia ist kein kodifiziertes Regelwerk, sondern die Gesamtheit der islamischen Glaubensgrundlagen und Regeln, denen sich ein Moslem unterwerfen muss. Als Quellen gelten zunächst der Koran und die Sunna (Erzählungen über und Aussprüche des Propheten Mohammed) und der Konsens der Gelehrten. Im Lauf der Jahrhunderte bildeten sich einzelne Rechtsschulen heraus.

Besonderes Augenmerk in der westlichen Welt gilt dem islamischen Strafrecht, in dem Hände abzuhacken, Steinigungen und Todesstrafe als Sanktionen möglich sind. Im Großteil der islamischen Staaten existiert allerdings ein duales Rechtssystem, in dem nur Familien- und Erbrecht nach islamischen Regeln behandelt werden. Nur wenige muslimische Länder (Iran, Saudiarabien, kleinere Golfstaaten, teilweise Sudan und Nigeria) wenden die Scharia überhaupt im Strafrecht an – Länder, die Ramadan als Diktaturen bezeichnet, die den Islam „politisch instrumentalisieren“.

Aber welches Verständnis des islamischen Rechts haben nun die in der Integrationsstudie des Innenministeriums befragten Menschen mit türkischen Wurzeln? Eine Frage, der in der Studie nicht nachgegangen wurde – und damit viel Unsicherheit, aber auch Interpretationsspielraum freilässt. Und das, obwohl explizit nur zu Ehe-, Familien- und Erbrecht gefragt wurde. Dass es einen großen Spielraum bei den Befragten gibt, zeigen jene 16 Prozent, die angaben, es käme darauf an, welche Bestandteile der Scharia angewendet werden sollten.

Auch in anderen Bereichen der Studie bleiben Fragen offen – etwa bei der Einstellung zu Demokratie und Meinungsfreiheit. Zwar gibt es bei einigen Punkten einen Vergleich mit der österreichischen Mehrheitsbevölkerung – die dezidierte Ablehnung der Demokratie ist in beiden Gruppen mit 6 (Österreicher) und 7 Prozent (Türken) übrigens etwa gleich hoch –, in anderen Fragen fehlt er allerdings.

0Eine Tatsache, die Studienleiter Peter Ulram vom Meinungsforschungsinstitut GfK bedauert: „Die Studie hatte schon so gigantische Ausmaße, da konnten wir manche Themen nur anreißen.“ Er geht jedenfalls davon aus, dass es bei einigen Fragen auch in der Mehrheitsbevölkerung Vorbehalte gibt.

Seine These, die unter anderem durch eine im Juni veröffentlichte Wertestudie gestützt wird, laut der immerhin 46 Prozent der Österreicher unzufrieden mit der Demokratie sind und sich 21 Prozent einen „starken Mann“ wünschen, „der sich nicht um ein Parlament und um Wahlen kümmern muss“ – bei aller Vorsicht, dass diese Antwort vielleicht nur die Unzufriedenheit mit den Parteien abbildet.

Türken in der Opferrolle

Ein interessanter Aspekt der Integrationsstudie ist die Frage nach negativen Erfahrungen mit der Mehrheitsgesellschaft. Hier gaben 53 Prozent der türkischen Migranten an, dass sie das Gefühl haben, vom Staat benachteiligt zu werden – mehr als die Hälfte fühlt sich also in der Opferrolle. Eine Konstellation, die in der Logik von Tariq Ramadan erst recht zu Problemen führt: „Der schnellste Weg zu extremistischer Gewalt ist das Opferbewusstsein: Ihr wollt uns nicht, jetzt zeigen wir es euch.“

Dementsprechend ermutigt er alle Muslime, diese Opferrolle aktiv abzulegen und selbstbewusster aufzutreten. Die österreichische Bevölkerung brauche davor allerdings keine Angst zu haben: Denn, so Ramadan, „Selbstvertrauen zu haben heißt nicht stolz oder gar arrogant zu sein.“ Und: „Wer Selbstvertrauen hat, braucht keine Gewalt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.11.2009)

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