„Weibliche Genitalverstümmelung längst in Österreich präsent“

Bis zu 8000 Frauen, denen in ihrer Heimat die äußeren Geschlechtsorgane entfernt wurden, leben in Österreich.

(c) REUTERS (Peter Nicholls)

Wien. „Das Thema weibliche Genitalverstümmelung ist längst in unserer Gesellschaft präsent“, erklärte Außenministerin Karin Kneissl bei einem Expertengespräch in der Wiener Rudolfstiftung. „Und es handelt sich dabei um schwere Körperverletzung.“

Die Außenministerin hatte anlässlich des bevorstehenden Weltfrauentags in das Spital im dritten Bezirk geladen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. In Österreich sind schätzungsweise bis zu 8000 Frauen von Genitalverstümmelung (kurz FGM für „female genital mutilation“) betroffen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die meisten von ihnen stammen aus Somalia (dort sind 98 Prozent der Frauen verstümmelt) und wurden als kleine Mädchen in ihrer Heimat beschnitten. Betroffen ist auch die zweite Generation: 30 Prozent jener, deren Eltern in Gebieten aufgewachsen sind, in denen FGM praktiziert wird, werden ebenso Opfer.

50 Rückoperation pro Jahr

„Unter den Betroffenen gibt es kaum Wissen über Gesundheit und über Rechte der Frauen“, sagte Umyma El Jelede. „Das wollen wir ändern.“ Die aus dem Sudan stammende Ärztin arbeitet für das Wiener Frauengesundheitszentrum FEM Süd und führt Beratungsgespräche durch. Zu ihr kommen Eltern, die überlegen, ihren Töchtern in ihren Herkunftsländern die Geschlechtsorgane entfernen zu lassen. Oder Frauen, die unter den gesundheitlichen Folgen eines solchen Eingriffs leiden wie etwa ständige Infekte oder Inkontinenz. Ein normales Sexualleben oder eine natürliche Geburt sind für betroffene Frauen unmöglich. „Wir klären sie in ihrer Muttersprache auf“, so El Jelede.

Jene, die sich für eine Rückoperation entscheiden, vermittelt sie weiter an die Rudolfstiftung. Dort gibt es seit 2009 eine an der Ambulanz für plastische-rekonstruktive Gynäkologie angesiedelte Anlaufstelle für FGM-Betroffene. Etwa 40 Patientinnen werden pro Jahr behandelt. Ärzte führen etwa ein Mal pro Monat einen Eingriff zur Wiederherstellung der weiblichen Geschlechtsorgane durch. Neben der Rudolfstiftung machen auch das Wilhelminenspital und das AKH solche Rückoperationen – insgesamt rund 50 pro Jahr.

In Europa 500.000 Betroffene

Weltweit sind mindestens 200 Millionen Frauen von FGM betroffen. Alle zehn Sekunden kommt laut Statistik eine weitere dazu. In 30 Ländern Afrikas, der arabischen Halbinsel und Asiens gehört FGM zum Frauenalltag. Mehr als die Hälfte aller Betroffenen leben in Indonesien, Äthiopien und in Ägypten. Seit Langem schon gilt FGM als Verletzung der Menschenrechte, in vielen Ländern, in denen FGM verbreitet ist, sind solche Eingriffe auch illegal – werden aber dennoch durchgeführt.

In Europa geht man von einer halben Million Opfer aus (die meisten davon in Frankreich). Durch die Zuwanderung von Flüchtlingen rechnen Experten mit einem Anstieg. In Österreich wird FGM als schwere Körperverletzung gesehen, auf die Freiheitsstrafe steht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2018)

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