Sisi-Stern: Der Dieb kam mit dem Fallschirm

1998 wurde der Sisi-Stern, ein mit Diamanten besetztes Schmuckstück der Kaiserin, aus dem Schloss Schönbrunn gestohlen. Jetzt tauchen spektakuläre Details über den Diebstahl auf.

Dieb Fallschirm
Dieb Fallschirm
(c) APA

Man strapaziert den Vergleich gern, aber die Geschichte klingt wirklich wie aus einem Hollywoodfilm: Der Meisterdieb, der in der Nacht mit dem Fallschirm abspringt, auf dem Dach landet, sich abseilt, das wertvolle Diamantschmuckstück stiehlt und unerkannt entkommt. Aber genau so soll es passiert sein, und nicht irgendwo, sondern im Schloss Schönbrunn in Wien. Vor zwölf Jahren.

26. Juni 1998. Weil Personalmangel herrscht, muss der Chefrestaurator an diesem Tag durch die Ausstellung „Schönheit für die Ewigkeit“ anlässlich des 100. Todestages von Kaiserin Sisi führen. Er erklärt den Besuchern die verschiedenen Stücke, bis er plötzlich erstarrt: Was hinter dickem Panzerglas liegt, schaut nicht aus wie der originale „Sisi-Stern“: das mit einer Perle und vielen Diamanten besetzte Schmuckstück der Kaiserin, von dem es weltweit nur noch drei Stück gibt.

Angefertigt hatte den Diamantstern Hofjuwelier Köchert. Eine Privatperson aus Wien hat ihn für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Der ideelle Wert sei „unschätzbar“, versichert ist er mit 100.000 Schilling (7267 Euro).


Eine Kopie aus dem Shop. Der Restaurator alarmierte die Chefs von Schönbrunn und bald wimmelte der erste Stock von Polizei. Tatsächlich: Was man hier in Händen hält, ist eine billige Kopie des Sisi-Sterns. Sogar eine aus dem eigenen Museumsshop, wo man sie für 300 bis 800 Schilling verkauft. Das Original war weg – vermutlich schon seit Tagen oder Wochen. Wie der Dieb in das Schloss kam, wie er das Schmuckstück entwendet hat, das wurde nie geklärt. Bis jetzt.

„Das Flugzeug wurde langsamer und pendelte etwa eine Meile über dem Boden aus.“ So beginnt eine Geschichte in der neuesten Ausgabe des US-Magazins „Wired“, das spektakuläre Details über den Diebstahl vor zwölf Jahren in Schönbrunn enthüllt. Unter dem Titel „Die Kunst des Stehlens: Auf den Spuren des genialsten Diebes der Welt“ berichtet das Magazin ausführlich über das Leben von Gerald Blanchard und eines seiner Meisterstücke – den Diebstahl des Sisi-Sterns in Wien.

Blanchard sprang laut der Schilderung in der Nacht mit dem Fallschirm über Schloss Schönbrunn ab. Geflogen wurde das Flugzeug von einem befreundeten Piloten aus Deutschland. Der Kanadier landete auf dem Dach des Schlosses und seilte sich in die Ausstellungsräume im ersten Stock ab.

Über ein Fenster, das er bei einem Besuch der Ausstellung am Vortag aufgesperrt hatte, drang er in das ehemalige Frühstückszimmer der Kaiserin ein. Die Schrauben der Vitrine, in der der Stern lag, hatte er ebenfalls schon am Tag zuvor gelockert.

Blanchard entnahm den Sisi-Stern, platzierte das Replikat und entschwand über den Schönbrunner Schlossgarten. Das wertvolle Schmuckstücke schmuggelte er in einer Druckluftflasche seiner Tauchausrüstung in seine Heimat Kanada.

Wochen später bemerkte man durch den zufälligen Personalmangel den Diebstahl – und hielt ihn geheim. Die Polizei ermittelte, fand aber nach all der Zeit keine verwertbaren Spuren mehr. Erst neun Jahre später tauchte das Schmuckstück wieder auf, als Polizisten den Dieb in Vancouver festnahmen. Im August 2008 wurde der Stern zurück nach Österreich gebracht. Mittlerweile gehört er der Schönbrunn Betriebsgesellschaft und ist ständiges Exponat im Sisi-Museum.

Die Aussagen Blanchards über seinen Diebstahl, die er auch bei den Verhören in Kanada machte, entlocken dem damals ermittelnden Beamten in Wien vor allem eines: Gelächter. „Das klingt mir zu abenteuerlich“, meint der Polizist zur „Presse am Sonntag“. Ausschließen könne man zwar nichts, aber „es lebten ja Menschen im Schloss. Die hätten etwas merken müssen“. Es habe auch keine Einbruchsspuren gegeben. Sein Verdacht über den Tathergang: „Der Dieb hat sich bei einer Führung zurückfallen lassen, die Schrauben aufgedreht und den Stern gestohlen.“ Dafür hätte er nicht viel Zeit gebraucht: „In drei, vier Minuten ist das gemacht.“


Hightech-Dieb. In den Lebenslauf Blanchards würde ein solch spektakulärer Diebstahl allerdings passen. Bei seinem Prozess in Kanada schilderte der Staatsanwalt einen „Hightech-Dieb“, der unter anderem heimlich Überwachungskameras auf der Baustelle einer Bank installierte, um so später an die Daten von Bankomatkarten und Tresoren zu kommen.

Den Sisi-Stern stahl er damals in Wien übrigens für seine Ehefrau, mit der er durch Europa reiste. Die trug ihn einige Zeit. Als sie sich scheiden ließen, verlangte Blanchard den Stern zurück und versteckte ihn im Haus seiner Großmutter in Winnipeg.

Drei Stück
der originalen Sisi-Sterne gab es im Jahr 1998: Einer war im Besitz einer Dame aus Hietzing, zwei weitere gehörten einem Wiener Innenstadt-juwelier.

Die Versicherung
bezahlte nach dem Diebstahl 100.000 Schilling (7267 Euro) an die Besitzerin. Sie kaufte ihn 2008, nachdem der Stern wieder zurück nach Österreich geschickt worden war, von der Versicherung zurück.

Sisi-Museum

Mittlerweile ist der zehnzackige Stern im Besitz der Schloss Schönbrunn Kultur- und BetriebsgesmbH und ständiges Exponat im Sisi Museum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

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