Drei Mal Flut in einem Ort ohne Bach und Fluss

Mold im Waldviertel stand wegen heftiger Gewitter heuer schon drei Mal unter Wasser. Ein Schicksal, das auch Dutzenden anderen Orten droht

(c) APN (Sebastian Willnow)

Wer heute durch Mold, ein kleines Dorf im Osten des Waldviertels, schlendert, bemerkt auf den ersten Blick nichts mehr davon, dass das Dorf am vergangenen Wochenende überflutet worden ist – und das schon zum dritten Mal in diesem Jahr. Hinter den Mauern der alten einstöckigen Höfe im Ortszentrum bereiten Bauern die Ernte vor, während sich die Ortsjugend rund um das hiesige Schwimmbad, einen ehemaligen Löschteich, breitgemacht hat.

Am Samstag um vier Uhr in der Früh hat es hier wieder zu regnen begonnen – oder besser: zu schütten. Rund 60Liter pro Quadratmeter fielen in knapp zwei Stunden. Mehr Wasser, als der dünne Graben, der in der Mitte des flachen Tals durch Mold führt, fassen kann– an einer Rohrleitung, die die Hauptstraße von Mold unterquert, staut das Wasser zurück und flutet fast die halbe Ortschaft.

„Es ist wirklich, wirklich schnell gegangen – wir sind gerade noch dazugekommen, die Autos aus der Garage zu holen, bevor das Wasser hineingeronnen ist“, sagt Erich Ponstingl, der in einem der neuen, unterkellerten Einfamilienhäuser am Ortsrand lebt – jene Häuser, die von den Unwettern am stärksten in Mitleidendenschaft gezogen worden sind: „Zwei Meter hoch ist das Wasser in unserem Keller gestanden“, sagt Ponstingl, während er feuchte Holzscheite zum Trocknen in den Garten schleppt.

Hochwasser auch ohne Fluss

Erst bei genauerem Hinsehen fallen in Mold die Spuren auf, die das Wasser hinterlassen hat: die hauchdünne Schmutzschicht auf der Straße, die sich nie ganz wegwaschen lässt. Die Sandsäcke, die vor Hauseinfahrten und Kellerfenstern noch von den verzweifelten Versuchen zeugen, der Wassermasse Einhalt zu gebieten. Die Möbel, Geräte und Kleiderbestände, die neben weit aufgerissenen Kellerfenstern aufgehäuft in den Gärten liegen. Und der eigentümliche, tropisch-feuchte Geruch, der sich überall dort breitmacht, wo Wasser und Schlamm über die Ufer treten. Der Graben, in dem sich das Wasser gesammelt hat, wirkt inzwischen wieder harmlos – keine zehn Zentimeter tief plätschert es dort langsam vor sich hin.

Was die Überschwemmungen von Mold – schon Anfang und Mitte Juli ist es heuer zu solchen Ereignissen gekommen – zu etwas Besonderem macht, ist dass es es hier keine offensichtlichen Ausgangspunkt gibt: Von einem Bach- oder Flusslauf ist hier kilometerweit nichts zu sehen – im Gegensatz zu dem rund 20Kilometer entfernten Pulkautal, in dem die über die Ufer getretene Pulkau zwischen Zellerndorf und Obritz am Wochenende ebenfalls Millionenschäden angerichtet hat. In Mold hingegen sammelte sich das Wasser in einem Graben, der nie für solche Mengen ausgelegt war.

 

„Jeder Graben ist ein Problem“

Das ist eine neue Qualität von Hochwassern, auf die sich die Behörden erst einstellen müssen. Auf der Hochwassergefährdungskarte des Landes Niederösterreich etwa ist Mold ein weißer Fleck – dort ist keinerlei Gefahr verzeichnet. „Wir beobachten in letzter Zeit häufiger, dass Regionen von Hochwasser betroffen sind, wo man es nicht vermuten würde“, sagt Norbert Knopf, Leiter der Abteilung Wasserbau des Landes. „Wir bemerken vermehrt punktuelle Starkregen wie jenes Gewitter, das in Mold zur Überflutung geführt hat.“

Eine Beobachtung, die Stefan Eisenbach vom Wetterdienst Ubimet bestätigt: „In den vergangenen drei Jahren bemerkten wir eine starke Häufung intensiver kleinräumiger Gewitter.“ Im Waldviertel etwa habe es allein in der vergangen Woche doppelt so viel Regen gegeben wie in einem durchschnittlichen August.

Entwicklungen, auf die man sich erst einstellen muss: Denn großflächigen Niederschlägen, die Bäche und Flüsse zum Anschwellen bringen, könne man durch entsprechende Schutzbauten am Flusslauf begegnen, sagt Knopf – etwa durch die Entfernung von Wehranlagen und den Rückbau erfolgter Regulierungen, wie sie jetzt bei der Pulkau angedacht sind: Die Arbeiten dort sollen noch im Herbst beginnen.

Durch kurze, starke Gewitter wie jenes über dem Waldviertel am Wochenende könne aber „jeder Graben ein Problem werden“, sagt Knopf. Jede Ortschaft, durch die ein normalerweise unauffälliger Graben führt, der nur auf kleine Durchflussmengen ausgelegt ist, wäre damit einem Risiko ausgesetzt – und davon gibt es allein in Niederösterreich hunderte. So hatte auch das große Hochwasser von St. Pölten, bei dem im Juli vergangenen Jahres der zweitgrößte Bahnhof der Stadt überschwemmt wurde, seine Ursache nicht in der Traisen – sondern in einem Graben, der die Wassermenge nicht bewältigen konnte, die bei einem Gewitter herunterkam.

„Um solchen Überflutungen vorzubeugen, müssten in sehr vielen Gemeinden Maßnahmen getroffen werden“, sagt Landeswasserbauer Knopf: In Mold sei es notwendig, den Graben für große Niederschlagsmengen zu adaptieren und etwa Rückhaltebecken zu schaffen.

AUF EINEN BLICK

Das DorfMold im Waldviertel wurde in diesem Jahr schon dreimal überflutet – eine neue Erfahrung für die Behörden, die das Dorf bisher nicht als gefährdete Region führten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2010)

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