Schwanberg: Gürtelschläge für Pflegeheim-Patienten?

Erste Einvernahmen erhärten die Vorwürfe gegen die Leitung im Pflegeheim Schwanberg. BZÖ-Obmann Grosz spricht von mehr als 40 Personen, die in den vergangenen Jahren Opfer von Übergriffen geworden sind.

Pflegeheim Guertelschlaege fuer Patienten
Pflegeheim Guertelschlaege fuer Patienten
(c) APA/MARKUS LEODOLTER (MARKUS LEODOLTER)

GRAZ. Es sind erschreckende Details, die den Missbrauchsvorwürfen gegen Bedienstete des Pflegeheims in Schwanberg zusätzliche Dramatik verleihen. In einem dem steirischen BZÖ-Obmann Gerald Grosz zugespielten und der „Presse“ vorliegenden Polizeiprotokoll werden Übergriffe von Pflegern auf Patienten des von der landeseigenen Spitalsgesellschaft Kages betriebenen Heimes penibel aufgelistet.

So soll in einem Fall ein Patient im Winter für etwa zehn Minuten „nur mit einer Unterhose bekleidet ins Freie“ gestellt worden sein. Zudem protokolliert sind ein Übergriff, der mit einem Nasenbeinbruch des Patienten geendet hat beziehungsweise Ohrfeigen, Fußtritte und ein Fall einer Vergewaltigung einer Patientin durch einen Patienten. Es wird zudem über Diebstahl von Lebensmitteln, die für Patienten vorgesehen waren, berichtet. Aber auch der Pflegedirektor und seine Stellvertreterin werden direkt beschuldigt. So soll der Direktor – für ihn und alle genannten gilt die Unschuldsvermutung – einen Patienten „mit einem Hosengurt geschlagen haben“, die Stellvertreterin sei ihm dabei „auch noch behilflich“ gewesen.

 

„Lassen uns nicht instrumentalisieren“

Seitens der ermittelnden Behörden wurden bis Donnerstagnachmittag 21 Personen einvernommen. Deren Aussagen bestätigen deckungsgleich die Anschuldigungen. Die Einvernahmen von involvierten Personen sollen noch zwei bis drei Wochen dauern.

BZÖ-Obmann Grosz will von mehr als 40Personen wissen, die in den vergangenen acht Jahren Opfer von Übergriffen geworden sind. Die Kages würde zumindest seit November 2009 von den Vorgängen wissen. Tatsächlich ging man damals einer eineinhalbzeiligen Randnotiz über angebliche Missbrauchsvorwürfe nach, die sich in einem anonymen Beschwerdebrief über den Führungsstil des Pflegedirektors fanden. Ohne Ergebnis.

Dass es zwischen der Pflegeleitung und einzelnen Mitarbeitern massive klimatische Probleme gegeben hat, habe man aber gewusst, heißt es in der Kages. Auflistungen über die Mitarbeiterfluktuation in der weststeirischen Pflegeeinrichtung scheinen das zu belegen. So hat es zwischen 1995 und 2002 fünf Austritte gegeben, seit der neue Pflegedirektor 2002 sein Amt antrat, ist diese Zahl bis heute auf 34 angestiegen. Auch die Krankenstandsmeldungen nahmen zu. Die Patientenanwältin des Landes, Renate Skledar, drängt nach den jüngsten Vorfällen, das Kriseninterventionsteam nach Schwanberg zu schicken. Sie selbst führt eine Expertenrunde an, die im Auftrag von Gesundheitslandesrätin Bettina Vollath (SPÖ) die Vorfälle aufarbeitet. Grosz fordert indes, den beschuldigten Pflegedirektor wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft zu nehmen. „Zwischenrufe eines Politikers interessieren mich nicht“, lässt Hansjörg Bacher von der Staatsanwaltschaft Graz wenig beeindruckt ausrichten. Auch bei der Polizei ärgert man sich über das Einmischen der Politik: Der mit dem Fall betraute Chefinspektor Anton Kiesl: „Wir lassen uns nicht parteipolitisch instrumentalisieren.“

AUF EINEN BLICK

Pflegeheim-Skandal. Nach ersten Einvernahmen durch die Behörde erhärten sich die Missbrauchsvorwürfe gegen Bedienstete und die Pflegedirektion des Pflegeheims im weststeirischen Schwanberg. Es soll jahrelang zum Teil schwere körperliche Übergriffe auf die psychisch schwer beeinträchtigten Patienten gegeben haben. Die Spitalsgesellschaft als Betreiberin der Einrichtung untersucht die Vorwürfe intern, parallel ermittelt die Polizei, und eine Expertenrunde des Landes vermittelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2010)

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