Kaprun: Die Wucht der Katastrophe

Zehn Jahre nach Kaprun fühlen viele Angehörige der Opfer den Schmerz, "wie wenn es gestern gewesen wäre". Niemand hat bisher die Verantwortung übernommen. Ein Vater bitter: "Schuld sind also unsere Kinder".

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Er hat ihr Skifahren beigebracht. Und jetzt fährt die Sechsjährige schon so gut in seiner Spur, dicht hinter ihm, dass beide stolz sind. Der Vater ebenso wie die Tochter.

11. November 2000, 9.02 Uhr. Mit einem leichten Ruck setzt sich die mit 162 Personen voll besetzte Zugsgarnitur „Kitzsteingams“ in Bewegung. 3900 Meter soll die Standseilbahn bis zum Alpincenter am Kitzsteinhorn zurücklegen. Der Großteil der Strecke führt durch einen Stollen im Berg. Christian ist an diesem Samstagmorgen ohne seine Tochter zum Skifahren aufgebrochen. Ausnahmsweise. Die Kleine wollte nämlich noch ein bisschen im Bett bleiben. Christians Zug sollte nie oben ankommen.

„Christian war Kindertrainer im Skiklub Kaprun. An den Wochenenden trainierte er mit seiner Gruppe“, erzählen die Eltern. Zehn Jahre sind seit dem Unglückstag vergangen. Für Christians Vater, Karl Hulka (64), fühlt es sich an, „wie wenn's gestern gewesen wäre“. „So muss ich tun“, zeigt der gelernte Elektriker, indem er mit dem Zeigefinger eine leicht kratzende Bewegung über den Handrücken macht, „nur so muss ich tun – und alles ist wieder da.“

11. November 2000. Christian, 32 Jahre alt, unter der Woche als Elektrotechniker für die Tauernkraftwerke im Dienst, will eigentlich schon einen Zug früher auf den Gletscher kommen. Alle Kinder seiner Gruppe sind da. Bis auf seine Tochter, die ist ja im Bett geblieben. Und noch ein Kind fehlt. Ein achtjähriger Nachzügler. Die Gruppe fährt schon einmal nach oben. Christian wartet auf den Nachzügler und steigt mit dem Buben in den nächsten Zug ein. In jenen um 9.02 Uhr.

Feuer. Es sind immer zwei Zugsgarnituren gleichzeitig auf der Strecke, die „Kitzsteingams“ und der „Gletscherdrachen“. Fährt ein Zug hinauf, fährt der andere hinunter und hält so das Gegengewicht. Beide Züge haben jeweils vorne und hinten einen Führerstand. Im hinteren, beim Hinauffahren unbesetzten Führerstand von Christians Zug, steigt unvermutet Rauch auf. Plötzlich schlagen Flammen aus dem Heizlüfter. Eine Hydraulikleitung des Zuges platzt, Öl wird mit hohem Druck in die Flammen gesprüht: Hydrauliköl als teuflischer, hoch effektiver Brandbeschleuniger.

Der Zug mit den 162 Menschen bleibt abrupt im Tunnel stehen. Der Zugsführer öffnet die Türen. Mit Skiern und Skistöcken werden Scheiben eingeschlagen. Tödlicher Qualm wird in dem schräg ansteigenden Stollen wie in einem Kamin nach oben gesogen. Christian läuft nach oben. So wie die meisten anderen, mit schweren Skischuhen, auf einer schmalen Notstiege, in der Dunkelheit.

„Er muss den achtjährigen Buben am Arm gehabt haben“, sagt sein Vater. „36 Meter ist er vom Zug weggekommen. Er lag 36 Meter weit weg. Dicht daneben lag das Kind.“ Am weitesten, 100 Meter, schaffte es ein Japaner.

In diesen Minuten kommen 155 Menschen ums Leben. Die meisten aus Österreich, Deutschland, Japan und den USA. Von den 162 Menschen im Todeszug sterben 150. Nur zwölf Passagiere, die sich im untersten Bereich des Zuges befinden und nach unten flüchten, überleben. In dem nach unten fahrenden Zug sind der Zugsführer und ein Tourist. Beide werden getötet. Sogar oben im Alpincenter erleiden weitere drei Personen tödliche Rauchgasvergiftungen.


Tränen. Der Tag der Katastrophe: Der Skiklub ruft Christians Frau an. „Christian sitzt drinnen, in dem Zug, aber mach dir keine Sorgen.“ Die Kunde von Überlebenden macht die Runde. Ein Krisenzentrum wird eingerichtet. Noch weiß niemand, dass es so viele Opfer gibt. Alle hoffen. Karl und Elfriede Hulka, Christians Eltern, treffen im Krisenzentrum ein. Die Hoffnung sinkt. Bangen und Warten auf die Namen der Überlebenden. Es wird 17 Uhr. Endlich werden die Namen der Geretteten mittels Aushang bekannt gegeben. Nur zwölf Personen stehen auf der Liste. Der Name Christian Hulka – er fehlt.

Die Mutter sagt zehn Jahre danach mit Tränen in den Augen: „Da haben wir gewusst – er ist gestorben.“ Ein halbes Jahr später beginnt die Frau eine Psychotherapie. „Wir waren alle traumatisiert“, sagt sie. Die Eltern ebenso wie Christians Geschwister, ein damals 15-jähriger Bruder und eine 28-jährige Schwester. „Unsere Kinder hatten von einem Tag auf den anderen todtraurige Eltern – und waren selber traurig“, sagt der Vater. Und: „Ein Jahr hat es gedauert, bis wir überhaupt akzeptiert haben, dass unser Kind nicht mehr lebt.“

Siebeneinhalb Jahre nach dem Inferno bekommt Familie Hulka auf Beschluss der „Versöhnungskommission Kaprun“ etwa 40.000Euro Entschädigung ausbezahlt. Doch um Geld geht es nicht. Sondern um Gerechtigkeit. Wie viele Angehörige von Opfern ist auch Familie Hulka tief enttäuscht von der rechtlichen Aufarbeitung der Tragödie. „Das Unglück hat in der Fremdenverkehrswerbung keinen Platz gehabt. Deshalb ist der Kaprun-Prozess mit Freisprüchen ausgegangen“, meint Karl Hulka.

Doch die Frage nach geeigneten Konsequenzen wird unterschiedlich beantwortet. Der Immobilienmakler Benedikt Seilern erzählt: „Ich habe einen Sohn verloren.“ Der Bub war 15Jahre alt. „Es bleibt eine Lücke, die nicht mehr zu schließen ist. Heute wäre er 25, und ich frage mich natürlich: Wie wäre er mit 25?“

Die „Wucht der Katastrophe“ wirke bis heute nach. Und doch seien die Freisprüche, etwa für Mitarbeiter der Gletscherbahnen, „richtig“. Nicht einzelne Personen, sondern „das Unternehmen Gletscherbahnen“ an sich und auch die Republik Österreich hätten zur Verantwortung gezogen werden müssen.

Auch Seilern hat eine Entschädigung bekommen. „Keine sehr große Summe, aber die Angemessenheit liegt im Kopf des Einzelnen.“ Das schon. Nur: Wenn es gar kein Geld gibt, fällt auch die Frage nach den Relationen weg. Die Lehrerin Brigitte Radlingmaier aus Aigen im Ennstal blickt zurück: „Bei mir ist der Bruder gestorben.“ Josef Schaupper war unterwegs zum Skitraining auf dem Gletscher. Der 37-Jährige („er hat so viel Wert auf gesundes Leben gelegt“) war gehörlos – und er war einer der erfolgreichsten Skifahrer des österreichischen Gehörlosensports.

Für den Verlust ihres Bruders sei keine Entschädigung ausbezahlt worden. „Von uns hat die ganze Familie keinen Cent gesehen“, sagt Brigitte Radlingmaier. „Wahrscheinlich, weil wir keinen Anwalt hatten.“ Vergeblich habe man darauf gewartet, dass die Kommission von sich aus aktiv werde.


Licht. Was bleibt? Die Erinnerung. Das Andenken an die Verstorbenen. „Das ist nie vergessen“, sagt Karl Hulka. Seinem Sohn Christian gehört eine der 155 verglasten Nischen in der Gedenkstätte am Fuße des Gletschers. Die Nischen leuchten bunt. „Die Farben wurde nach Feng-Shui ausgewählt, nach dem Geburtsmonat“, weiß die Mutter. „Unser Sohn ist im Mai geboren.“ Dort, wo Christians Platz ist, leuchtet ein kräftiges orangefarbenes Licht.

 

GEDENKEN ZUM 10. JAHRESTAG

AUCH DER KANZLER KOMMT Am 11. November um neun Uhr beginnt bei der Gedenkstätte Kaprun, nahe der Talstation der Gletscherbahnen, eine Gedenkfeier für die Hinterbliebenen der umgekommenen 155 Menschen. Eingeladen wurden auch die Helfer, die am 11. November 2000 vor Ort waren. Zu der Feier werden unter anderen Bundeskanzler Werner Faymann sowie Landeshauptfrau Gabi Burgstaller kommen. Auch Angehörige der Opfer, darunter Ursula Geiger und Werner Kirnbauer, werden zu Wort kommen. Danach findet ein ökumenischer Gottesdienst zum zehnten Jahrestag der Katastrophe mit Superintendentin Luise Müller und Prälat Balthasar Sieberer statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2010)

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