Fall Josef F.: Gutachterin von Liste gestrichen

Psychiaterin Heidi Kastner war mit der Begutachtung von Josef F. aus Amstetten beauftragt. Seit April ist sie von der Liste der allgemein beeideten Sachverständigen gestrichen. Wegen chronischer Überlastung.

(c) EPA (ROBERT JAEGER/POOL)

Linz. „Im April dieses Jahres wurde Heidi Kastner von der Liste der allgemein beeideten Gerichtssachverständigen gestrichen“, bestätigt der Sprecher des Oberlandesgerichts Linz gegenüber der „Presse“. Und fügt hinzu: „Es hatte aber keine fachlichen Gründe.“

Wie nun erst bekannt wurde, kann die renommierte Forensikerin, die mit Josef F. auch einen der bekanntesten Häftlinge der heimischen Kriminalgeschichte begutachtete, damit nur noch „ad hoc“, also auf einen speziellen Fall bezogen, vom Gericht beeidet und bestellt werden. Für Kastner selbst sei die Streichung von der Liste „die beste Lösung“ gewesen: „Ich habe auch mit dem Präsidenten des Oberlandesgerichts darüber gesprochen. So wie es jetzt ist, ist es mir nicht unangenehm.“ Grund für den dennoch ungewöhnlichen Vorgang sei eine „ständige Überlastung“ gewesen: „Es gab Fristversäumnisse, ich bin mit der Bearbeitung der Fälle einfach nicht mehr in den gegebenen Fristen zusammengekommen.“ Wenn man sich einmal vor Gericht profiliert habe, erklärt Kastner, werde man so mit Arbeit eingedeckt, „dass es nicht mehr bewältigbar ist“.

Hintergrund dieser Entwicklung sei die fehlende Ausbildung im Bereich der forensischen Psychiatrie: „Es gibt weder einen Lehrstuhl dafür noch einen anderen Ausbildungsweg. Andererseits ist die Materie hochkomplex – sich hier einzuarbeiten ist für jemanden, der nicht hauptberuflich mit Forensik zu tun hat, extrem schwierig, und die Gutachtertätigkeit ist im internationalen Vergleich zudem schlecht bezahlt.“

Die wenigen renommierten Sachverständigen, die im Ruf stünden, ihre Arbeit für das Gericht ordentlich zu machen, würden so zwangsläufig in einer Überlastungssituation landen, meint Kastner. Als Chefärztin für Psychiatrie an der Landesnervenklinik Linz und Leiterin des Forensischen Ambulanzverbundes für Niederösterreich, Salzburg und Oberösterreich sei ihr Arbeitsalltag auch nach der Streichung von der Liste jedenfalls mehr als ausgefüllt, sagt Kastner.

 

Standespflichten verletzt?

Gerüchte, dass auch öffentliche Aussagen Kastners zum Fall Josef F. etwas mit der Streichung zu tun haben könnten, verneint die Psychiaterin: Konkret geht es um den Vorwurf der Verletzung der Standespflichten, der nach einem ORF-Interview im März 2009 auftauchte. Kastner antwortete auf die Frage, ob F. suizidgefährdet sei: „Diese Frage muss man bejahen. Es ist jetzt sicher der Moment gekommen, wo er seine Sicht der Dinge nicht mehr als die einzig richtige sehen kann.“

Kastner: „Es hat nichts mit F. zu tun. Was ich gesagt habe, war keine sittenwidrige Behauptung und die Behandlung zudem bereits abgeschlossen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2010)

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