Schule: Vater schießt Sohn in den Kopf

Ein 37-Jähriger holt seinen Sohn aus dem Volksschulunterricht, bringt ihn in den Keller des Gebäudes und schießt ihm eine Kugel in den Kopf – danach erschießt er sich selbst.

(c) APA/PAUL PLUTSCH (PAUL PLUTSCH)

Man muss schon sehr nahe herangehen, um zu erkennen, worum es sich bei den regelmäßigen, dunklen Punkten am Beton vor der Volksschule im St. Pöltner Ortsteil Wagram handelt. Es sind Bluttropfen – eine ganze Spur, die vom Vorplatz, über eine Rampe, hinunter in den Keller des Schulgebäudes führt, bis hinunter, in die Schülergarderobe.

Genau dort unten hat am Freitag ein 37-jähriger Mann türkischer Abstammung seinem siebenjährigen Sohn eine Neun-Millimeter-Kugel in den Kopf geschossen. Der Mann war kurz nach acht Uhr in der Schule erschienen und hatte den Zweitklässler unter dem Vorwand aus dem Unterricht geholt, ihm Geld geben zu wollen.

Er führte den Schüler in die Garderobe – und schießt dort auf seinen Sohn. Die Kugel dringt in den Kopf ein. Das Kind überlebt den Angriff mit lebensgefährlichen Verletzungen. Der Siebenjährige wird stundenlang im St. Pöltner Krankenhaus notoperiert. Sein Zustand ist am Freitagabend weiter kritisch.

 

Rettung war in der Schule

Dass das Kind überhaupt eine Chance hat, den Durchschuss zu überleben, rührt daher, dass zum Zeitpunkt der Tat Sanitäter in der Schule sind: Vier Rotkreuzmitarbeiter haben einen Rettungswagen vor der Schule abgestellt, um Schülern von ihrer Arbeit zu erzählen. Auch ein Notarzt ist rasch vor Ort. Sie kümmern sich sofort um den lebensgefährlich verletzten Buben und sorgen für einen raschen Transport ins Spital.

Der Vater, der einen Kebabstand unweit der Schule betrieben haben soll, ist zu diesem Zeitpunkt bereits geflüchtet. Er lässt seinen blutüberströmten Sohn in der Garderobe liegen und rast mit seinem Wagen davon. Knapp eine Stunde nach dem Schuss tötet er sich auf einem Feldweg, keinen Kilometer von der Schule entfernt, selbst.

Die Polizei, die per Handy-Ortung nach dem Mann fahndet, findet seinen Wagen gegen zehn Uhr nahe der Kremser Schnellstraße (S33). Der Pkw liegt auf dem Dach, im Inneren die Leiche des Mannes. „Offenbar hat sich der Mann während der Fahrt einen Kopfschuss verpasst“, sagt ein Mitarbeiter der Rettung zur „Presse“.

Seine siebenjährige Tochter, die der Mann nach einer kolportierten, aber nicht bestätigten Version der Ereignisse ebenfalls aus ihrer Klasse geholt haben soll, lässt der 37-Jährige unbehelligt. Verwandte holen das verstörte Mädchen dann unmittelbar nach der Tat von der Schule ab.

Knapp eine Stunde nach dem Vorfall diskutieren am Freitagvormittag aufgebrachte Eltern, die von Lehrern telefonisch verständigt worden sind. Sie sind in Sorge um ihre Kinder, wollen sie von der Schule abholen. Spekuliert wird aber auch über das Motiv des Täters. Was zuvor genau passiert ist, ist hier niemandem klar. Eine Mutter erzählt, dass ihr von einem „Amokläufer“ berichtet worden sei, eine andere will nur gehört haben, dass die Schule wegen „eines Unfalls“ geschlossen sei.

Diejenigen, die sich besser informiert fühlen, spekulieren über eine Trennung des Täters von der Mutter. Auch wird unter den Anwesenden – vorrangig stammen sie aus der türkischen Community der niederösterreichischen Landeshauptstadt – über einen vor Kurzem neu entflammten Streit zwischen den Eltern getratscht.

Im Hintergrund stehen Rettungsleute den Dutzenden wartenden Journalisten Rede und Antwort. Währenddessen untersuchen Spezialisten der Tatortsicherung die Schulgarderobe. Ein Familienstreit – das ist eine Erklärungsmöglichkeit, die auch im Fokus der Polizeiermittlungen steht: Denn unmittelbarer Auslöser dafür, dass der 37-Jährige seinen Sohn erschießen wollte, sei ein Streit mit seiner Frau gewesen, berichtet etwa auch Niederösterreichs Sicherheitsdirektor Franz Prucher der „Presse“. Der Mann türkischer Abstammung soll zuletzt von der Mutter seiner Kinder getrennt gelebt haben.

Die Polizei in St. Pölten erklärt unterdessen, der Mann sei für sie kein Unbekannter gewesen. Erst vor einigen Tagen sei ein Streit zwischen dem 37-Jährigen und seiner Familie eskaliert. Der Mann sei gewalttätig geworden. Man musste einschreiten, habe ihn aus der Wohnung verwiesen und ein Rückkehrverbot verhängt, hieß es am Freitag bei der St. Pöltner Polizei.

 

„Scheidungskrieg“ in der Familie

Dass der 37-Jährige gewalttätig gewesen sei, bestätigt auch der Großvater des verletzten Kindes, der sich wenige Stunden nach der Tat vor der Schule einfand. Zwischen seiner Tochter und dem Schwiegersohn habe zuletzt ein regelrechter „Scheidungskrieg“ getobt. Auch von dem Polizeieinsatz in der Wohnung habe er gehört.

Von den Kindern in der Volksschule – sie wird von mehr als 200 Schülern besucht – soll niemand den Schuss mitbekommen haben. Wie die „Presse“ erfuhr, soll die Klassenlehrerin des Buben nach einigen Minuten Nachschau gehalten haben. Sie ging in die Garderobe und fand dort das niedergeschossene Kind.

„Wir haben sofort die Krisenintervention des Landes Niederösterreich und alle verfügbaren Schulpsychologen zu der Volksschule geschickt, um die Schüler zu betreuen. Es sind dort derzeit sicher mehr als zehn Fachleute tätig“, sagte Hermann Helm, Amtsführender Präsident des NÖ Landesschulrats. Aber auch die Lehrer können die psychologische Hilfe in Anspruch nehmen (siehe auch Bericht unten).

In der Schulgarderobe machen sich inzwischen Polizisten in weißen Overalls und Kapuzen an die Spurensicherung. „Boah, wie in CSI“, staunt ein Schüler, den seine Mutter gerade an der Hand von dem Gebäude wegführt. „Und schau, da am Boden – da siehst noch echtes Blut!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)

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