Pabneukirchen: Die Utopie vom rauchfreien Dorf

Eine Woche nach dem freiwilligen Raucherfasten zieht ein Ort Bilanz: In Pabneukirchen wurden mehr Zigaretten verkauft als sonst, nur drei Teilnehmer einer Hypnosetherapie sollen die ersten sieben Tage durchgehalten haben.

Pabneukirchen Utopie rauchfreien Dorf
Pabneukirchen Utopie rauchfreien Dorf
(c) Georgia Meinhart

Eine halbe Stunde von der nächsten Kleinstadt, eine Stunde von Linz entfernt, liegt der 1800-Seelen-Ort zwischen grünen Hügeln im Mühlviertel. Auf dem leicht verwitterten Holzschild an der Ortseinfahrt, die man nach gewundenen, schmalen Straßen erreicht, steht: „Willkommen im lebenswerten Pabneukirchen“.

Die ÖVP stellt zwölf der 19 Gemeinderatsmitglieder, mittwochnachmittags haben alle Geschäfte geschlossen, auf dem Platz mit der Durchzugsstraße liegt der „Markt“, an dessen Seiten sich die Nahversorger – Drogerie, Tankstelle, Trafik, Elektrofachhandel, Fleischer, Wirtshäuser, Café – auffädeln, und an dessen Ende, etwas erhaben, die Kirche liegt. Traktoren kreuzen den Markt, auf Anhängern wird Holz transportiert. Vor dem Greißler, an den Eingängen zu den Wirtshäusern und an der Tankstelle stehen Gruppen älterer Frauen in Jeans und Strickwesten mit Körben in den Händen. Männer mit grünen Hüten im „Blaumann“ grüßen sich von Weitem. Friedhelm Nowak, 66, wartet vor der Kirche auf seine Frau, die Lebensmittel bei „Nah & Frisch“ nebenan kauft und dreht sich in den Windschatten, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dass sich Pabneukirchen im Bezirk Perg nun schon zum sechsten Mal eine rauchfreie Woche verordnet, lässt ihn kalt. Graublauer Dunst strömt aus seinen Nasenlöchern: „Im Großen und Ganzen ist mir das wurscht. Es muss jeder selber wissen, was er tut.“


Tradition.Zum sechsten Mal hintereinander gab es in den Wirtshäusern während der Karwoche keine Aschenbecher, in den Bauernhäusern und Wohnungen der Pabneukirchner rauchfreie Zonen, für 30 Raucher in der Gemeinde hat der Ausschuss für Gesundheit und Familie außerdem eine kostenlose Hypnosetherapie organisiert: ein freiwilliges Rauchfasten für die ganze Gemeinde, also? Nicht ganz: Nowak rauchte auch in der Karwoche seine täglichen ein bis zwei Schachteln. Er meint, aufhören könne man ohnehin nur durch eines: „Willensstärke.“ So habe er es geschafft, etliche Male schon, und dann aber immer wieder angefangen. Immerhin: Vier Jahre dauerte die längste Phase der Abstinenz in seiner 45-jährigen Raucherkarriere. Auch Franz Kurzmann denkt nicht ans Aufhören: Ein paar Zigaretten am Vormittag, ein paar nach der Arbeit im Stall, ein paar nach dem Essen, das lasse er sich nicht nehmen. Der Altbauer kauft am Samstagvormittag eine Stange Zigaretten in der Trafik, auf dem hellblauen Papier steht schwarz umrandet: „Rauchen lässt ihre Haut altern.“ Für den Altbauer mit dem von der Sonne gegerbten Teint zählt die Warnung ebenso wenig wie das von der Gemeinde forcierte Raucherfasten: „Der Pfarrer hat gesagt, über 65 muss man die Fasttage nicht mehr einhalten. Und an das halte ich mich.“ Er kenne auch einen der Teilnehmer an der Hynosetherapie, den Franz, einen schweren Raucher, der habe schon wieder begonnen zu rauchen. Viel bringe die Hypnose nicht, gibt ihm Josef Pilz recht. „Zehn Prozent ist die Erfolgsquote. Von 30 Teilnehmern haben nur drei durchgehalten“, sagt der Besitzer von „Landtechnik Pilz“, einem Familienunternehmen, das der Mittvierziger genauso übernommen hat wie die Trafik. Er kennt „seine“ Raucher: „30 Prozent der Einwohner sind es“, schätzt er, er selbst gehört dazu: „Die Initiative ist für Nichtraucher sicher gut, aber es will sich bei uns niemand bevormunden lassen.“


Mehr Zigaretten verkauft.Von der kleinsten Schraube bis zum Steyr-Traktor kann man bei Pilz so ziemlich alles kaufen: Zeitschriften, Zeitungen, Treibstoff, kühle Getränke, Automatenkaffee und nun eben auch Zigaretten. „Wir haben in der Karwoche weniger Zigaretten bestellt als sonst, dann haben wir aber sogar um einige Stangen Zigaretten mehr verkauft und mussten nachbestellen.“ Warum gerade zu Zeiten der selbst verordneten Rauchentwöhnung deutlich mehr gequalmt wurde, darüber kann der Unternehmer nur spekulieren: „Es war schönes Wetter, da wird generell mehr geraucht, weil unabhängig von der Aktion in der Gemeinde ja heutzutage kaum noch jemand in seinen eigenen vier Wänden raucht. Und wenn es regnet, bleibt man halt eher zu Hause. Außerdem hatten viele in Pabneukirchen in dieser Woche Urlaub, waren im Ort, und haben dann auch die Zigaretten bei uns gekauft.“ Den Franz, der nach der Hypnose nach nur einer Woche wieder raucht, kennt Pilz auch, im Gasthof Schartmüller kennt die Seniorchefin einen Peter, „bei dem hat's auch nichts genützt“.

Ein paar Häuser weiter, in dem mit einer Fleischerei verbundenen Wirtshaus der Familie Samböck stehen wieder die Aschenbecher auf den Holztischen. Chefin Maria Samböck (34) hält die Aktion für sinnvoll: „Die Stammgäste sind in dieser Woche nach draußen gegangen, um zu rauchen. Das war kein Problem und die Luft war viel besser.“ Nur eine Gruppe Jugendliche wollte trotzdem in der Gaststube rauchen, denen habe sie eben einen Aschenbecher hingestellt: „Es ist ja freiwillig und wir wollen die Raucher nicht verärgern.“ Auch Schwager Rudi, der die Fleischerei leitet, kurz zuvor noch ein Schwein zerteilt hat und sich an der Schank ein kleines Bier einschenkt, sagt: „Das ist eine sehr gute Idee mit dem Raucherfasten in der Karwoche.“ Von ihm aus könnte man das beibehalten: „Eine lustige Gesellschaft wird sich nicht auflösen, nur weil nicht mehr geraucht werden darf“, sagt der 48-Jährige. Allerdings weiß er nicht, ob er noch vor vier Monaten nicht anders gedacht hätte: Da habe er die Zigaretten noch „gefressen“ – mehr als zwei Schachteln am Tag seien es gewesen, 33 Jahre lang. Er wünscht sich, dass es mehr geschafft hätten, mithilfe der Hypnose aufzuhören, allein die neue Lebensqualität schätzt er: „Kein Vergleich. Ich kriege leichter Luft und im Bett geht's jetzt auch besser.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.04.2010)

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