Entwicklung: „Biologie befasst sich nicht mit Gott“

Gerd Müller, Mitglied der „Altenberg 16“, die die Evolutionstheorie vorantreiben, wundert sich, dass zur Darwin-Feier der Akademie auch Kardinal Schönborn eingeladen ist. Er selbst referiert den Forschungsstand.

(c) Gerd Müller

Am Dienstag feiert die Akademie der Wissenschaften das Darwin-Jubiläum – am 12. Februar war der 200.Geburtstag –, mit leichter Verspätung und gröberem Knirschen im Vorfeld: „Ich finde es nicht richtig, in eine naturwissenschaftliche Tagung die Schöpfungslehre hineinzubringen“, kritisiert gegenüber der „Presse“ Gerd Müller, theoretischer Biologe an der Uni Wien und einer der Vortragenden bei der Akademie.

Er meint die Einladung eines anderen Vortragenden, des Wiener Kardinals Christoph Schönborn, der unter dem Titel „Schöpfung und Evolution – zwei Paradigmen und ihr gegenseitiges Verhältnis“ referiert. „Religiöse Vorstellungen können bei der Erklärung der Natur nicht mitsprechen“, grenzt Müller weiter ab: „Das setzt ein falsches Zeichen, so als ob die christliche Schöpfungslehre wissenschaftlich hoffähig geworden wäre. ,Zwei Paradigmen‘? In Bezug auf die Biologie kann es keine zwei Paradigmen geben.“

Also eines, aber welches? Freund und Feind der Evolutionstheorie gehen mehrheitlich davon aus, dass derzeit das Paradigma der „neuen Synthese“ gilt. Die wurde Mitte des 20. Jahrhunderts von den damals Großen des Fachs erarbeitet, sie brachte Darwins Grundidee von Variation und Selektion in Verbindung mit der mendelschen Genetik und konzentrierte sich darauf, die Verteilung von Genen in Populationen statistisch-mathematisch zu erfassen, zentral und kausal in der Entstehung von Neuem in der Evolution waren die Gene. So steht es heute noch in den Lehrbüchern, „aber was gegenwärtig in der Forschung gemacht und diskutiert wird“, berichtet Müller, „ist längst darüber hinaus“. Worüber hinaus? Über den „Reduktionismus“, der vor lauter Genen keine Komplexität mehr sieht.

 

Über Genreduktionismus hinaus, ...

Vor allem: keine Umwelt. Aber es gibt etwa die „Nischen-Vererbung“, in der Organismen selbst eine Umwelt erzeugen – Termiten einen Bau, Ameisen einen Hügel –, die „vererbt“ wird und als selektive Kraft auf die nächste Generation der Termiten/Ameisen wirkt. Und es gibt die Epigenetik, in der etwa der Dauerhunger einer werdenden Mutter die spätere Gesundheit der Kinder auf der Gen-Ebene beeinflusst (nicht durch Veränderung der vererbten Gene selbst, das geht nicht, aber durch eine chemische Markierung, die die Genaktivität modifiziert). Und es gibt, drittens, das weite Feld von EvoDevo, dort arbeitet Müller, es geht um das Zusammenspiel von großer Evolution („Evo“) und individueller Embryonalentwicklung (Development: „Devo“): „Die Mechanismen der Entwicklung unterliegen der Evolution, aber umgekehrt haben die Entwicklungssysteme auch Auswirkungen darauf, wie die Evolution verlaufen kann.“ Und zwar nicht nur über Genmechanismen: Zellen sind Umwelt füreinander, sie beeinflussen einander (und ihre Gene) auch durch Physik – Zug, Druck etc. –, und ganze Gewebe beeinflussen ihre Zellen (und deren Gene) durch ihre Topografie, Biomechanik etc.: „EvoDevo betrachtet die Dynamik dieser Interaktion in Bezug auf ihre evolutionären Konsequenzen.“

Die reichen auch für die Theorie weit: Letzten Sommer haben sich, auf Einladung Müllers, 16 Große der heutigen Evolutionsbiologie zu einem Workshop in Altenberg zusammengefunden – in der alten Villa von Konrad Lorenz, in der nun ein wissenschaftstheoretisches Institut eingerichtet ist – , um die „neue Synthese“ zu aktualisieren, zur „erweiterten Synthese“. Nicht überall stießen diese „Altenberg 16“ auf Gegenliebe. Manche Biologen halten die Revision der „neuen Synthese“ für überflüssig, andere gar für gefährlich: Kritik am Neodarwinismus spiele nur den Kreationisten in die Hände.

„Ganz im Gegenteil, das kommt ihnen nicht zugute“, entgegnet Müller: „Die Kreationisten behaupten ja, die klassische neodarwinistische Theorie könne das ,Design‘ komplexer Strukturen wie etwa der Augen nicht erklären, so hat auch Kardinal Schönborn argumentiert. Aber EvoDevo zeigt genau, dass man das Entstehen von Komplexität untersucht und erklären kann, wie etwa die unterschiedlichen Augentypen zustande gekommen sind.“

Nicht durch die Gene alleine: Zwar haben Genetiker grundlegende Entwicklungsgene aller Augen gefunden – und in ihnen das „Urauge“ gesehen –, aber für Müller ist das „nicht genug: Dass die regulatorische genetische Basis aller Augen ähnlich ist, heißt ja nicht, dass sich die Augen strukturell in ihren Konstruktionen auseinander abgeleitet haben. Sondern sie sind mehrfach, etwa 30 Mal, unabhängig entwickelt worden. Das ist eine der grundsätzlichen Neuerungen von EvoDevo: Die Richtung der Evolution wird nicht ausschließlich durch Selektion bestimmt wie in der ,neuen Synthese‘, denn Selektion kann nichts erzeugen, sie kann nur auslesen. Und das, was ausgelesen wird, die anatomische Lösung von Problemen, wird vom Entwicklungssystem beigetragen.“

 

... aber nicht zu „Intervention Gottes“

Ist sonst niemand im Spiel, hat nicht gerade ein anderer Spitzenforscher, der Physiker Anton Zeilinger, eine „Intervention Gottes“ in seinem Feld, bei den Quanten und deren Zufällen, „nicht ausschließen“ wollen? „Nur weil man etwas nicht ausschließen kann, kann man es noch nicht zu einem Faktor in der Evolution erklären. Es ist nicht richtig zu sagen, dass die Biologie die Existenz von Göttern ausschließt und Beweise liefert, dass es keine übernatürlichen Eingriffe gegeben hat. Sondern: Die Biologie befasst sich einfach nicht mit übernatürlichen Erklärungen, sie befasst sich einfach nicht mit Gott. Spiritualität ist etwas ganz anderes und gehört in einen ganz anderen Bereich.“

„Und was den ,reinen‘ Zufall anbelangt: Dem wird von den Kritikern der Evolutionstheorie ein noch zu großer Stellenwert eingeräumt: Es gibt natürlich Zufall in der Evolution, aber viel wesentlicher ist, dass die Evolution die Entwicklung zunehmend dem Zufall entzieht, indem sie organismische Ordnungsstrukturen fixiert, die dann weitergegeben und variiert werden.“

Gerd Müller: Einer von 16

1953 in Salzburg geboren, Studien der Medizin, Zoologie und Anthropologie in Wien, dort heute Vorstand der Theoretischen Biologie. Müller war beteiligt am Aufbau der EvoDevo-Forschung, die die Zusammenhänge von Evolution und Entwicklung behandelt. 2008 initiierte er das Treffen der „Altenberg 16“, die die Evolutionstheorie vorantreiben. [Gerd Müller]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2009)

Kommentar zu Artikel:

Entwicklung: „Biologie befasst sich nicht mit Gott“

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen