Kirche verliert die Treuesten der Treuen

Eine absolute Mehrheit der ehrenamtlichen Mitarbeiter in den Pfarren lehnt den Zölibat ab, jeder siebente befürwortet die Priesterweihe für Frauen. "Unter Engagierten existiert eine Kirchendepression", sagt eine Studie.

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Symbolbild – (c) Www.BilderBox.com (Www.BilderBox.com)

WIEN. Selbst die allerengsten Mitarbeiter versagen der katholischen Kirchenleitung in wichtigen Bereichen die Gefolgschaft. So lehnt eine absolute Mehrheit von 50,3 Prozent der Pfarrgemeinderäte den Zölibat ab, also gleichsam die treuesten der treuen Laien, ohne die Priester auf verlorenem Posten stünden.

15 Prozent befürworten sogar die Priesterweihe von Frauen, und das, obwohl der Vatikan eine Art Diskussionsverbot zu diesem Thema verhängt hat. Zur Erinnerung: Papst Johannes Paul II. hat in einem eigenen Apostolischen Schreiben im Jahr 1994 dekretiert, alle Gläubigen hätten sich „endgültig" an die Entscheidung zu halten, dass nur Männer zu Priestern geweiht werden dürfen.

Die neuen Daten wurden in einer Studie erhoben, an der sich 7400 Personen beteiligt haben - was einem Viertel aller Pfarrgemeinderatsmitglieder Österreichs entspricht. Der Autor, der renommierte Pastoraltheologe Paul M. Zulehner, fasst die Ergebnisse im Gespräch mit der „Presse" so zusammen: „Wir verlieren die besten Leute. Unter den Engagierten existiert eine beträchtliche Kirchendepression. Man hat den Eindruck, dass sich die Pfarrgemeinden von der Kirchenleitung im Stich gelassen fühlen."

Kirchgänger, Kinder fehlen

Befragt, wie sie sich die Zukunft ihrer Pfarre in zehn Jahren vorstellen, antworten 24 Prozent der Mitarbeiter, es werde nicht mehr so gut gehen wie heute, 22 Prozent rechnen überhaupt mit einer Katastrophe, es werde nur noch weiter abwärts gehen, der Niedergang sei nicht mehr aufzuhalten. Zulehner: „Die Pfarrgemeinderäte sind hoch motiviert mitzuarbeiten - aber nicht um jeden Preis. Sie haben fünf Megasorgen: keine Kirchgänger, keine Kinder und Jugendliche, keine Ehrenamtliche, keine Priester am Ort, keine eigene Pfarrgemeinde. Überschrift darüber wäre: Keine Zukunft."

Den Pfarrgemeinderäten sei die Eucharistiefeier persönlich und für ihre Gemeinde sehr wichtig. Gebe es wegen des Priestermangels keinen Pfarrer mehr, erwartet fast eine Zweidrittelmehrheit (62 Prozent) einen Rückgang der Zahl der Kirchgänger am Sonntag. Zulehner: „Durch die Beibehaltung der Zulassungsbedingungen für Priester opfert man die Feier der Eucharistie. Das verstehen die Leute nicht."

Wenn die Kirche nicht den Untergang verwalten will, dann muss sie handeln.

Theologe Paul M. Zulehner

Der Studienautor ruft dazu auf, die Verantwortung der Laien zu stärken, statt sie zu bremsen. Man dürfe den Engagierten nicht die Lust, die Freude an der Kirche nehmen. Die Schlussfolgerungen Zulehners aus den Zahlen und den 6000 Seiten Antworten auf offene Fragen: „Es braucht eine tiefe Reform und keinen Neoklerikalismus, der da durch manche nachkommende Priester wiederkommt, die relativ wenig Gespür für synodale Vorgänge in der Kirche haben. Wenn die Kirche nicht den Untergang verwalten will, dann muss sie handeln. Wenn man das Bestehende festschreibt, treibt man die Verelendung voran." Das Zeitfenster sei klein, denn das Durchschnittsalter der Pfarrgemeinderäte sei signifikant höher als im Rest der Bevölkerung.

Je jünger die Befragten waren, umso höhere Ansprüche formulierten sie an eine professionelle Arbeitskultur und verlangten die Möglichkeit mitzuentscheiden, nicht bloß zu beraten. Derzeit hat der Pfarrgemeinderat laut Kirchenrecht lediglich in finanziellen Angelegenheiten eine Entscheidungskompetenz. In allen anderen Fällen berät er den Pfarrer. Zulehner: „Die Leute wollen keine fade Beratung, die derzeit das Kirchenrecht ermöglicht. Die Leute wollen nicht ihre Zeit vergeuden."

Brisantes Pilotprojekt

Brisant auch die Skepsis der Mitarbeiter, Pfarren zu Seelsorgeräumen zusammenzulegen. 68 Prozent sehen dies durch den Priestermangel begründet, acht Prozent durch den Wunsch, die Seelsorge zu verbessern. Dabei wird gerade dieses Argument für derartige Maßnahmen angeführt. Kardinal Christoph Schönborn hat erst jüngst per Dekret die ersten drei Seelsorgeräume als Pilotprojekt errichtet (Schwechat, Altenmarkt an der Triesting, Sollenau). Die Studienergebnisse wurden Schönborn präsentiert. Sie sollen Grundlage des Pfarrgemeinderatskongresses von 13. bis 15. Mai in Mariazell sein.

Auf einen Blick

■ Die Bischofskonferenz hat am Donnerstag ihre Frühjahrskonferenz in St. Pölten abgeschlossen. Das Treffen war überschattet von Fällen sexuellen Missbrauchs. Ein Maßnahmenkatalog soll am Freitag vorgestellt werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2010)

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