Afrika: Wenn der Aberglaube den Tod bringt

Die Hexenjagd auf Kinder, junge Frauen und alte Menschen ist in machen afrikanischen Ländern fast zur Alltäglichkeit geworden. Ein Buch berichtet von brutalen Ritualen.

Voodoo worshippers dance at shore of Quidah beach during annual voodoo festival in Benin
Voodoo worshippers dance at shore of Quidah beach during annual voodoo festival in Benin
(c) REUTERS (AKINTUNDE AKINLEYE)

WIEN. Magrose wurde lebendig begraben, in Nwaekas Kopf ein Nagel gerammt. Mary wurde mit kochendem Wasser verbrüht und Ekemini mehr als eine Woche lang an einen Baum gefesselt. Sie alle sind kaum älter als zwölf und wurden von ihren Familien zuerst verstümmelt und dann verstoßen, weil sie angeblich Hexen sind. Ihnen werden böse Kräfte nachgesagt, und deswegen wird unbarmherzig Jagd auf sie gemacht.

Kongo, Nigeria, Uganda, Tansania: Magrose und Ekemini, die Betreuung in einem Kinderheim gefunden haben, sind keine Einzelfälle. Die Hexenjagd auf Kinder, junge Frauen und alte Menschen ist in machen afrikanischen Ländern fast zur Alltäglichkeit geworden.

„In Nigeria dreht sich alles um Geisterglaube. Geister beeinflussen alle Bereiche des Lebens“, erklärt die gebürtige Nigerianerin Joana Adesuwa Reiterer in einem Café in der Wiener Innenstadt. „Sie sollen Reichtum, Ruhm und Fruchtbarkeit bringen. Läuft einmal etwas schief, muss jemand gefunden werden, der die Schuld trägt.“ Und das sind immer die Schwächsten der Gesellschaft.

 

Schuld an persönlichem Unglück

Joana Adesuwa Reiterer weiß, wovon sie spricht. Auch sie musste Rituale der Geisteraustreibung über sich ergehen lassen und wurde ausgestoßen. Heute hat die resolute 28-Jährige diese Traditionen der Heimat weit hinter sich gelassen. Mit ihrem Verein „Exit“ weist sie in Wien auf die Zusammenhänge von Hexenverfolgungen, Ritualen und Frauenhandel nach Europa hin. Ihren Weg von der geliebten Tochter zur Ausgestoßenen erzählt sie im Buch „Die Wassergöttin“ (siehe Kasten unten).

Reiterers glückliche Kindheit in einem reichen Haus in Benin-City nimmt ein jähes Ende, als ihr Vater in ihr böse Kräfte zu entdecken glaubt. Diese sollen den beruflichen Misserfolg des Vaters ausgelöst haben und auch daran schuld sein, dass die Stiefmutter keine Kinder bekommt. Das Mädchen wird zu einer Juju-Priesterin – Juju ist die nigerianische Bezeichnung für Voodoo – gebracht. Diese verabreicht ihr Elixiere und schüchtert sie ein, um den Fluch über den Vater zu bannen. Reiterer weigert sich schließlich, weitere Rituale über sich ergehen zu lassen, und nimmt Reißaus.

Eltern führen persönliches Unglück auf magische Kräfte ihrer Kinder zurück. Mit der Hilfe von traditionellen Kulten oder auch von den in Nigeria mächtigen Pfingstkirchen versuchen sie, diese bösen Geister auszutreiben. Sie bringen Kinder zu Juju-Priestern oder zu evangelikalen Geistlichen, die dann schmerzhafte Teufelsaustreibungen und grausame Rituale durchführen. Akzeptieren die Opfer ihre Bestimmung nicht oder schlägt Pech nicht in Glück um, werden sie ausgestoßen. „Die Rituale sind Show und Geschäftemacherei. Dabei handelt es sich um klare Menschenrechtsverletzungen“, klagt Reiterer an.

Wie viele Menschen Opfer der Hexenverfolgungen sind, ist unklar. NGOs schätzen, dass im Niger-Delta in acht Jahren etwa 5000 „Hexenkinder“ ausgesetzt wurden. Von Tansania werden über 20.000 Hexenverfolgungen innerhalb von zehn Jahren berichtet. Ugandas Regierung hat sogar eine Sondereinheit zur Bekämpfung von Ritualmorden eingerichtet.

Vor dem Geister-Kult flüchtet Reiterer in eine Hochzeit und nach Wien. Doch ihre Lage wird immer schlimmer: Ihr Mann, ein Nigerianer, der in Österreich lebt, zwingt sie vor der Abreise zu Juju-Ritualen. Sie dauern sieben Tage. Hunde, Ziegen und Hühner werden geschlachtet. Die Priesterin fertigt einen kleinen Schrein für Reiterer an, der auch im fernen Wien Kraft über sie besitzen und bedingungslos an ihren Mann binden soll.

 

Gefügig machen

In Österreich kommt sie dahinter, dass Menschenhändler mit solchen Praktiken ihre Opfer psychisch unter Druck setzen – Menschenhändler wie ihr Mann. Er bringt Frauen nach Europa und schickt sie auf den Strich. Auch sie soll für ihn arbeiten. Doch Reiterer schafft es, sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Heute kämpft sie dafür, dass Kinder wie Nwaeka oder Mary ihre Zukunft nicht dem Aberglauben opfern müssen.

Zur Person

Joana Adesuwa Reiterer berichtet über ihre Erfahrungen mit Geisterkulten und den Zusammenhang mit Frauenhandel im Buch „Die Wassergöttin. Wie ich den Bann des Voodoo brach“ (Verlag Knaur). Die Nigerianerin lebt in Wien, wo sie den Verein „Exit“ gegründet hat. Sie ist mit einem Österreicher verheiratet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2009)

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