"Grüne hören nicht auf die Radfahrer"

Hans Doppel, einer der prominentesten Kämpfer für den Radverkehr, schießt sich auf die Grünen und Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou ein. Unter Vassilakou sei für Radfahrer sehr wenig weitergegangen.

Fahrradlobby: „Grüne hören nicht auf die Radfahrer“
Fahrradlobby: „Grüne hören nicht auf die Radfahrer“
Fahrradlobby: „Grüne hören nicht auf die Radfahrer“ – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Maria Vassilakou ist Kritik gewöhnt. Immerhin sorgt die grüne Verkehrspolitik (Kampf gegen den Autoverkehr, Fokussierung auf die Radfahrer) für heftige Reaktionen in Wien. Gingen aber bisher vor allem die Autofahrer bzw. Autofahrervertreter auf die Barrikaden (Stichwort: 150.000 Unterschriften gegen die Parkpickerl-Ausweitung), kommt nun harsche Kritik von unerwarteter Seite – von einem der prominentesten heimischen Radfahrvertreter.

„Unter Vassilakou ist für Radfahrer sehr wenig weitergegangen“, sagt Hans Doppel, graue Eminenz der österreichischen Radlobby und Gründungsmitglied der bekanntesten Radvereinigung Argus. Unter SP-Bürgermeister Helmut Zilk und den SP-Stadträten Hannes Swoboda und sogar Fritz Svihalek hätten Radfahrorganisationen deutlich mehr durchbekommen als unter der grünen Verkehrsstadträtin Vassilakou. Der Grund? „Die Grünen sind leider beratungsresistent“, klagt Doppel. „Sie machen alles unter sich aus und hören zu wenig auf die Radfahrer.“

Was den Radveteranen besonders stört: Die Grünen würden über die Mobilitätsagentur der Stadt (früher: Radfahragentur) nun viel Geld in Werbung stecken – was dem Wiener Radfahrer wenig bringe: „Wieso wird dieses Geld nicht in die Infrastruktur investiert? Hier gibt es noch genug zu tun“, kritisiert Doppel die Verwendung des Sieben-Millionen-Euro-Budgets der Mobilitätsagentur.

Mit den Vorstößen der grünen Verkehrsstadträtin hat Doppel ebenfalls ein Problem. Dass Vassilakou Radwege grün einfärben will, ist für den Radexperten „hart an der Grenze zur Lächerlichkeit“. Anstatt eine Scheinsicherheit zu produzieren, sollten die Radstreifen, die neben parkenden Autos verlaufen, lieber breiter werden.

Lieber breiter als grün gefärbt

Auf den derzeit schmalen Streifen müssten die Radfahrer so knapp an den parkenden Autos vorbeifahren, dass es sofort zu einem Unfall kommt, wenn ein Lenker unbedacht die Türe öffnet. Ein grüner Radstreifen ändere überhaupt nichts daran, dass Radfahrer einer plötzlich aufgehenden Autotüre nicht ausweichen können, kritisiert Doppel.

Für Kopfschütteln sorgt bei dem Radexperten ein weiteres, aufsehenerregendes Projekt, das der grüne Radverkehrssprecher Christoph Chorherr forciert: Der Wiener Ring bzw. eine Fahrspur soll für den Radverkehr freigegeben werden, obwohl gleich daneben ein Radweg verläuft. „Bitte hören Sie damit auf“, meint Doppel sehr direkt. Dieser Vorschlag sei einfach schlecht. Denn im Sommer, wenn die meisten Radfahrer unterwegs sind, würden Fiaker und Reisebusse auf der ersten Spur unterwegs sein. Die Folge: Radfahrer würden auf dem Ring langsamer als auf dem Radweg sein. Wenn sie deshalb auf dem Ring überholen müssten, würde der Druck auf die zweite Spur steigen – Konflikte zwischen Rad- und Autofahrern wären die Folge. Nur unter einer Bedingung könnte laut Doppel der Ring für Radfahrer geöffnet werden: wenn Tempo 30 verordnet wird. Nur: Die Radfahrer wollen das nicht. Zumindest hat eine Argus-Befragung ergeben, dass Wiens Radfahrer nicht im Verkehr mitschwimmen, sondern auf baulich getrennten Radwegen fahren wollen. „Weil sie sich dort sicherer fühlen.“

Besonders empört ist der Radexperte über eine weitere Aktion der Grünen: Es sei unvorstellbar, dass in einer unabhängigen NGO wie Greenpeace oder VCÖ ein Parteipolitiker im Vorstand sitze – ansonsten könnte der Verein nicht aus dem Parteien-Hickhack herausgehalten werden. Seit April sitze aber ein grüner Parteipolitiker im Argus-Vorstand: „Die Grünen haben diesen Verein parteipolitisch vereinnahmt.“ Nachsatz: „Peinlicher geht es nicht.“

„Politik schadet Radler-Image“

Für die Radvereine sei die Politik der Grünen derzeit sowieso ein Problem, hält Doppel fest: Die Radfahrorganisationen hätten nie eine Anti-Autofahrer-Politik betrieben: „Denn der Wiener ist nicht nur Autofahrer. Aber den Grünen haftet jetzt der Makel an, dass sie so massiv gegen das Auto sind.“ Und das schade wiederum vor allem dem Image der Radfahrer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2013)

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