Die Neos holen einen Spindoktor und SPÖ-Kenner

Wiener Wahlkampf. Der israelische Kampagnenprofi Tal Silberstein arbeitete für Ehud Barak und Julia Timoschenko. Michael Häupl und Alfred Gusenbauer verhalf er zu Wahlsiegen. Für die Wiener SPÖ sind das keine guten Nachrichten.

Beate Meinl-Reisinger
Beate Meinl-Reisinger
(c) Die Presse - Clemens Fabry

Wien. Der Dauerkonflikt der rot-grünen Wiener Regierung hat zuletzt wenig Raum für andere Parteien gelassen. Das haben auch die lange Zeit mit Aufmerksamkeit verwöhnten Neos zu spüren bekommen. Es ist stiller geworden um die pinke Truppe rund um Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger, die sich vorgenommen hat, das beste Landesergebnis – die Latte liegt bei 6,9Prozent in Vorarlberg – einzufahren. Doch mit ihren zentralen Anliegen, Bildungsfragen und der Kritik an der „strukturell korrupten Stadtpolitik“, dringen die Neos derzeit kaum durch.

Dafür tut sich hinter den Kulissen Spannendes. Meinl-Reisinger hat für ihren Wahlkampf einen prominenten Berater zur Seite gestellt bekommen: Tal Silberstein. Auch wenn sein Name nicht vielen ein Begriff sein wird – jene, die er beraten hat, kennen alle: den früheren Ministerpräsidenten Israels, Ehud Barak, zum Beispiel. Oder die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin, Julia Timoschenko (wenn auch im wenig erfolgreichen Präsidentschaftswahlkampf 2014).

Außerdem – und das ist das Wesentliche für die Neos – hat Silberstein für die SPÖ gearbeitet. Gemeinsam mit dem früheren Spindoktor Bill Clintons, Stanley Greenberg, konzipierte er die Kampagnen für Michael Häupl vor der Wien-Wahl 2001 und für Kanzlerkandidat Alfred Gusenbauer in den Jahren 2002 und 2006.

Mit Sprüchen wie „There is no democracy in campaigns“ sei Silberstein bei den Wahlhelfern der SPÖ zur Legende geworden, schreibt der Politikberater Thomas Hofer in seinem Buch „Spindoktoren in Österreich“. Der Israeli gilt als Spezialist für das Negative Campaigning, eine Methode, die mehr das Negative des Gegners als die eigenen Vorzüge herausstreicht. Wolfgang Schüssel hat dieses Talent im Wahlkampf 2006 zu spüren bekommen und am Ende das Kanzleramt an Gusenbauer verloren. Und das, obwohl nach dem Bawag-Skandal eigentlich niemand mehr in der SPÖ (und in der ÖVP) an den Wahlsieg geglaubt hat.

 

Raubeiniger Stil

Mit Silberstein sei den Neos ein Coup gelungen, sagt Hofer zur „Presse“. „Er kennt die Wiener SPÖ sehr gut und weiß daher, wie man ihr wehtun kann.“ Spannend werde allerdings zu beobachten sein, wie sich Silbersteins durchaus raubeiniger Stil mit dem Saubermannimage der Neos vereinbaren lasse. Meinl-Reisinger sagt dazu nur: „Es bleibt meine Entscheidung, wie hart es wird.“ Sie werde sicher „in der Sache hart angreifen“, aber das Versprechen, nicht unter die Gürtellinie zu gehen, gelte weiterhin.

Wie sie in Kontakt mit diesem international arbeitenden Kampagnenprofi gekommen sind, geben die Neos nicht preis. Zwei Gespräche hat es bereits gegeben, ein weiteres steht nächste Woche an. Unter anderem berät Silberstein die Wiener Partei bei der Konzeption und Auswertung von Marktforschung. „Er hat einen sehr interessanten, sehr anderen Blick auf die Dinge“, sagt Meinl-Reisinger.

Ein offizieller strategischer Berater sei er jedoch nicht, betont sie. Dafür spricht auch seine Entlohnung, nämlich: null. „Er macht das gratis“, versichert die Wiener Neos-Chefin. Was beachtlich ist, wenn man nämlich bedenkt, wie viel Silberstein sonst eigentlich nimmt. In Branchenkreisen ist da schon einmal von sechsstelligen Euro-Beträgen die Rede, wenn sein Name fällt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2015)

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