Wien-Landstraße: Der Bezirk um den Rochusmarkt

„Presse“-Serie. Wer sich den Siebten oder Achten nicht leisten kann, aber auf Großstadtflair nicht verzichten will, zieht in den Dritten – und wohnt immer „in der Nähe des Rochusmarkts“.

Der seit vielen Jahrzehnten bestehende Rochusmarkt ist das unumstrittene Zentrum des dritten Bezirks.
Der seit vielen Jahrzehnten bestehende Rochusmarkt ist das unumstrittene Zentrum des dritten Bezirks.
Der seit vielen Jahrzehnten bestehende Rochusmarkt ist das unumstrittene Zentrum des dritten Bezirks. – Clemens Fabry / Die Presse

Wien. Lebt in Wien jemand im dritten Bezirk und hat seine Adresse in der, sagen wir, Keinergasse beim Kardinal-Nagl-Platz, wohnt er zumeist „in der Nähe des Rochusmarkts“. Hat man seine Wohnung irgendwo in der Ungargasse, Landstraßer Hauptstraße oder am Rennweg, ist man ebenfalls „in der Nähe des Rochusmarkts“ zu Hause. Weiter unten am Kanal? Natürlich – „in der Nähe des Rochusmarkts“.

Wer also nicht gerade in Erdberg an der Grenze zu Simmering oder irgendwo beim Arsenal an der Grenze zu Favoriten wohnt, schätzt seine angebliche „Nähe zum Rochusmarkt“ – der mit Abstand urbansten und belebtesten Gegend der Landstraße. Und natürlich auch eine der teuersten. Aber dennoch im Schnitt günstiger als der Siebte, Achte und Fünfte. Deswegen landen Zuwanderer aus den Bundesländern, die das Stadtleben in Wien entdecken wollen, sich aber die eben genannten Bezirke kaum leisten können, sehr oft im Dritten. Das ist auch einer der Gründe, warum die Landstraße nach langer Zeit im städtebaulichen Tiefschlaf insbesondere in den vergangenen zehn Jahren wie kaum ein anderer Innenstadtbezirk in sich wuchs und nach wie vor wächst – an freien Flächen und Baulücken (etwa St. Marx oder die Aspanggründe) mangelt es nicht.

In den kommenden zehn Jahren sollen – so der Plan der Bezirksvorstehung – sämtliche Baulücken geschlossen sein. Denn der Bezirk soll weiterhin stark wachsen und Bewohner anziehen.

Reisnerviertel mit Diplomatensitzen

Gegensätze sind für viele Bezirke in Wien charakteristisch, die enorme Vielfalt im Dritten ist dennoch bemerkenswert. „Die Landstraße ist ein Bezirk von Gegensätzen, wie es sie in Wien anderswo nicht gibt: vom proletarischen Erdberg über das noble Reisnerviertel mit seinen Diplomatenresidenzen, der vom Handel geprägten Landstraßer Hauptstraße bis zum Hundertwasserviertel und St. Marx, einst der Gegend der Lohnschlächter, heute ein Zentrum der Forschung und der Medien. Der Bezirk schöpft aus diesen Unterschieden.“

Mit diesen Worten beschrieb Rudolf Zabrana vor zwei Jahren bei der Präsentation des Buchs „3er-Edition“ in einem Traditionsgasthaus in der Schlachthausgasse das soziale Gefüge der Landstraße, wo er seit 2001 stellvertretender Bezirksvorsteher ist. Das Buch spiegelt diese gesellschaftliche Vielfalt mit Texten von Autoren wider, die im dritten Bezirk wohnen: unter anderem Ernst Molden, Dietmar Grieser, Peter Henisch, Sigrun Höllrigl, Erwin Uhrmann, Alexander Peer, Heinz Unger, Julya Rabinovich und Hugo Portisch.

Weitere bekannte Personen aus der Landstraße sind zudem Sängerin und Schauspielerin Marianne Mendt, Eiskunstlauf-Europameisterin Ingrid Wendl, Josefstadt-Star Sandra Cervik, Blues-Größe Al Cook, Musiker Harald Fendrich sowie die 2007 verstorbene Jazzlegende Joe Zawinul.

Fest in sozialdemokratischer Hand

Politisch ist der Bezirk zwischen Tangente, Donaukanal, Ring und Gürtel durch die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie und den damit verbundenen starken Zuzug von Arbeitern Anfang des 19. Jahrhunderts seit Jahrzehnten fest in sozialdemokratischer Hand. Erich Hohenberger ist seit 1989 Bezirksvorsteher, in ganz Wien ist nur Adolf Tiller (ÖVP) in Döbling länger im Amt als der 67-Jährige.

Bei den bevorstehenden Wahlen im Herbst wird auch jemand eine wichtige Rolle spielen, der in der Landstraße seine politische Karriere begann: Heinz-Christian Strache, der 1991 Bezirksrat und drei Jahre später Landstraßer Bezirksobmann der FPÖ wurde.

Entstanden ist der dritte Bezirk im Zuge von Eingemeindungen der Wiener Vorstädte im Jahre 1850 aus den Gemeinden Weißgerber, Erdberg und Landstraße. Zu seinen berühmten Sehenswürdigkeiten zählt das Schloss Belvedere (mit dem angrenzenden Botanischen Garten) als Ort der Unterzeichnung des Staatsvertrags ebenso wie das Heeresgeschichtliche Museum und das Museum des 21. Jahrhunderts. Für Schlagzeilen in jüngerer Vergangenheit sorgten etwa die Sofiensäle mit ihrer Laufbahn vom Schwimmbad zur Brandruine zum Wohnobjekt und die Errichtung des Bahnhofskomplexes Wien-Mitte mit dem Einkaufszentrum The Mall, das im April 2013 in Vollbetrieb ging. Auf 30.000 Quadratmetern Fläche finden sich mehr als 50 Shops, darunter die Textilriesen H & M, New Yorker, Desigual und S. Oliver sowie ein The-North-Face-Flagship-Store.

Dabei waren es lange Zeit die Märkte, die das Erscheinungsbild des dritten Bezirks ausmachten. Über die Donau und den Marchfeldkanal kamen Lebensmittel in die Hallen und Stände vom Rochusmarkt, dem Landstraßer Markt oder den Märkten in St. Marx. Übrig geblieben ist heute nur noch der Rochusmarkt. Und in dessen Nähe wohnen heute alle.

 

Die Presse

Serie: Wiens Bezirke

Bis zur Wien-Wahl am 11. Oktober porträtiert die ''Presse'' nach und nach alle 23 Wiener Bezirke. Die bisherigen Porträts finden sie unter diepresse.com/bezirke


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 4. Juli 2015)

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