Ladenschluss nach über 100 Jahren

Und wieder stirbt ein Stück des alten Wien: Mit Turczynski auf der Wollzeile und Rudolf Waniek am Hohen Markt schließen zwei weitere Innenstadt-Traditionsbetriebe.

Ladenschluss
Ladenschluss
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Es ist ein Laden, wie man kaum glaubt, dass es ihn noch gibt. Da steht der Gummisauger am Boden neben dem kleinen Schemel, darüber hängt eine für den Frühling erstaunliche Auswahl an Keksausstechern, daneben eine Variation Klebstoff. Und als ein Herr ins Geschäft kommt, einen Dichtungsring in der Hand, und sagt, er suche so einen, schickt ihn die Verkäuferin zu einem Glas auf der Budel, in der er genau so einen findet.

Nur noch wenige Tage wird das Geschäft bei Rudolf Waniek an der Ecke Tuchlauben/Hoher Markt so laufen, wie man es seit 1850 kannte. Ende März ist Schluss. Inhaber Heinrich Sommer (seine Mutter hat bei Waniek als Verkäuferin gearbeitet und das Geschäft übernommen, als dessen Sohn das nicht wollte) ist vorigen Herbst verstorben. Seine Witwe und Tochter wollten das Geschäft weiterführen, aber weil die Miete mit dem Tod des Inhabers auf fast 40.000 Euro vervielfacht worden wäre, geht sich das nicht mehr aus. Solche Innenstadtmieten können sich Luxus-Läden oder internationale Ketten leisten, kleine Einzelhändler aber seltener.

166 Jahre, nachdem Waniek ein Etablissement für Kücheneinrichtungen und Hauskomfort gegründet hat, ist Schluss. Geliefert hat er auch an den Hof – das „k.u.k. Hoflieferant“ über dem Eingang des Geschäfts erinnert daran. Solche Schilder werden in Wien weniger, Traditionshändler sperren zu, weichen Geschäften, wie man sie überall findet. „Auf der Kärntner Straße sind so gut wie alle Familienbetriebe weg. Irgendwann ist im Ersten Bezirk nichts mehr, außer Gewand-Ketten“, sagt die Verkäuferin bei Waniek, die nun die letzten Kunden bedient. Wer das Geschäft danach mieten wird, ist noch offen.

Ein paar Hundert Meter weiter, in der Wollzeile 18, sind die Regale, Originale aus dem 19. Jahrhundert, schon leer. Christl Binder-Krieglstein, die Turczynski in vierter Generation geführt hat, und ihre Mutter Ilse Merz warten auf Handwerker. „Was habe ich Rotz und Wasser geheult“, erzählt Binder-Krieglstein vom Entschluss, das Bekleidungsgeschäft, das einst als Jagd- und Safariausstatter gegründet worden war, aufzulassen. Aber, „wenn meiner Mutter etwas passiert, würde die Miete erheblich erhöht und wäre nicht zu finanzieren. Meine Söhne arbeiten in der Wirtschaft und haben am Geschäft kein Interesse. Und der Druck von Firmen, höhere Mengen zu bestellen, wird immer größer“, sagt Binder-Krieglstein. Ihr Geschäft habe davon gelebt, dass sie jeden (und vor allem mit Titel) kannte. Stammkunden kamen seit Generationen, verließen sich auf ihre Beratung. „Es war ein richtiges Gesellschaftstreff.“

 

Nur Luxus und Masse bleibt

„Mein Großvater, Franz Turczynski, kam aus Polen und hat das Geschäft 1882 gegründet“, erzählt Merz. Seither wurde es als Familienbetrieb geführt, stattete Aristokraten aus, schickte diesen Jagdkleidung in alle Welt nach. Im Londoner Freud-Museum hängt heute ein Turczynski-Lodenmantel. „Professor Freud hat hier auch seinen letzten Rucksack vor der Emigration gekauft“, erzählt Merz. Sie, 93 Jahre, verspüre keine Wehmut mehr, sagt sie. „Die Frauen haben heute nicht mehr so viel Zeit zum Einkaufen, sie sind auch nicht mehr so eitel. Dafür sind die Kunden heute angenehmer, früher hatten die Frauen nichts zu tun und haben einen sekkiert.“

Trotzdem, viele haben Blumen oder Bonbonnieren zum Abschied gebracht, Binder-Krieglstein hat ein ganzes Büchlein voll von Abschiedswünschen. Folgen soll in wenigen Wochen übrigens ein exklusives Papierwaren-Geschäft – das war ihr wichtig, dass nicht irgendein Filial-Geschäft nachkommt. „Es ist deprimierend, wie viele Geschäfte zusperren. Es bleiben nur der Luxus und die Massenware übrig.“ Allein in der Wollzeile sperrt mit Ende Mai auch Kirchenbedarfshändler Janauschek zu. Auch das Geschäft von Kreps Lederwaren steht seit Kurzem leer.

ABVERKAUF

Die Traditionsgeschäfte der Inneren Stadt werden weniger: Mit Ausstatter Turczynski und Haushaltswaren Rudolf Waniek am Hohen Markt sperren wieder zwei Geschäfte zu, die es schon im Wien des 19. Jahrhunderts gab. Wenn die Inhaber versterben, steigen die Mieten auf ein Vielfaches – und heutige Innenstadtmieten können sich vielleicht internationale Ketten und Luxus-Labels, kaum aber ein Einzelunternehmer, leisten. Ein Schicksal, wie es viele Händler der Innenstadt trifft, die damit den Charakter des alten Wien zunehmend verliert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2016)

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