Analyse: Warum die Kampusch-Kommission nicht aufgibt

Die Kampusch-Evaluierungskommission stieß im Akt auf Details, über die sie nicht sprechen darf. Die logischen Schlussfolgerungen trägt Ludwig Adamovich vor, der dafür von seinen Kollegen nun Rückendeckung erhält.

(c) APA (Montage

Was treibt den ehemaligen Präsidenten des Obersten Gerichtshofs, Johann Rzeszut, dazu, Natascha Kampusch vor Übergriffen möglicher Mittäter ihrer Entführung zu warnen? Und warum spekuliert der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofs, Ludwig Adamovich, öffentlich über die Qualität der Beziehung von Kampusch zu ihrer Mutter? Liegt es, wie Kritiker meinen, an der Profilierungssucht zweier unterbeschäftigter Ex-Höchstrichter, oder gibt es im prominentesten Entführungsfall der österreichischen Kriminalgeschichte tatsächlich noch etwas zu ermitteln?

Seit über einem Jahr liegt der 58 Seiten starke Endbericht der von Adamovich geleiteten Evaluierungskommission vor, die Pannen (und nicht die Existenz möglicher Komplizen des Entführers Wolfgang Priklopil) aufdecken sollte. Und Pannen fand das sechsköpfige Team wahrlich zuhauf. Glaubwürdige Augenzeugen, die auf zwei Entführer hinwiesen, wurden von den Ermittler nicht ernst genommen, konkrete Hinweise auf Priklopil als Täter verschlampt. Da passt es nur ins Bild, dass die Ermittler nach Kampuschs Flucht (vermutlich wichtiges) Beweismaterial auf Druck ihrer Berater unausgewertet zurückgaben. Alles Details, die nur den Schluss zuließen, dass der Fall noch nicht abgeschlossen sein kann.

Konflikt Polizei–Justiz

Die zuständige Staatsanwaltschaft sah das bis zuletzt jedoch anders – und zog sich damit den Groll der Kommission zu. Die ist nämlich der Meinung, dass die Ermittlungsarbeit – ob bewusst oder nicht, ist unklar – behindert wurde. „Es gab und gibt eine Auseinandersetzung zwischen Justiz und Polizei“, sagt ein Mitglied der Kommission, das in diesem Zusammenhang nicht genannt werden will. Oder deutlicher formuliert: Die Anklagebehörde habe die Zusammenarbeit mit der Exekutive streckenweise verweigert. „Im Zuge von Ermittlungen gibt es seit der Reform der Strafprozessordnung Schritte, die nur die Staatsanwaltschaft setzen darf.“ Ob notwendige Schritte zur Klärung des Entführungsfalles Kampusch im konkreten Fall unterblieben? „Offenbar hat die Anklage Schritte, die die Polizei setzen wollte, nicht gesetzt.“ Welche das waren? „Kein Kommentar.“ Die Staatsanwaltschaft wies Kritik an ihrer Arbeit in diesem Fall bisher stets zurück.

Adamovich hat sich mit seinen fünf Mitstreitern (Rudolf Keplinger, Leiter Landeskriminalamt Oberösterreich; Thomas Müller, Kriminalpsychologe; Susanne Reindl-Krauskopf, Professorin für Strafrecht; Johann Rzeszut, ehem. Präsident des OGH; Mathias Vogl, Sektionschef Innenministerium)bereits bei der Einberufung der Kommission darauf geeinigt, dass er als Leiter auch die Kontakte zur Öffentlichkeit wahrnimmt. Als sich – nach der Veröffentlichung des Berichts – aufseiten der Anklage nichts tat, wandte er sich frustriert an Medien – und umgekehrt. Seine zentrale Botschaft: Die Chance, dass Priklopil ein Einzeltäter war, sei „sehr, sehr unwahrscheinlich“. Dafür erntete der 77-Jährige nicht nur aus dem Kampusch-Umfeld Kritik, das, wie das Opfer selbst, die Existenz weiterer Täter bestreitet. Ohne Folgen war die Kritik der Kommission jedoch nicht. Immerhin erhielten die Sonderermittler des Bundeskriminalamts erstmals Einblick in das Protokoll jener Einvernahme Kampuschs, die unmittelbar nach ihrer Flucht in der Polizeiinspektion Deutsch-Wagram stattfand.

AUF EINEN BLICK

Im Juni 2008 legte die sechsköpfige Kampusch-Kommission ihren Endbericht vor. Die zentralen Kritikpunkte gelten bis heute.

www.diepresse.com/kampuschbericht

Rückendeckung für Adamovich

Und auch an einer anderen Front wird den Äußerungen von Kommissionschef Adamovich nun mehr Gehör geschenkt. Das beständige Festhalten an der Mehrtäterthese ist seit dem vergangenen Wochenende nämlich nicht mehr seine alleinige One-Man-Show. Nach der Warnung Rzeszuts vor Übergriffen möglicher Mittäter stellen sich nun nämlich auch die übrigen Kommissionsmitglieder hinter die beiden Exrichter. „Ja, wir unterstützen geschlossen diese Meinung“, sagt Rudolf Keplinger. Eine Tatsache, die umso mehr an Bedeutung gewinnt, wenn man sich in Erinnerung ruft, wer sonst noch in der Kommission sitzt. Nämlich keine „Lausbuben“, wie es Adamovich einmal launig in einem Interview nannte, sondern anerkannte Experten, die allesamt einen Ruf zu verlieren haben.

Was umgekehrt auch erklärt, warum alle bei ihren Äußerungen zu den familiären Umständen des Opfers sowie möglichen Mittätern in Rätseln sprechen: Sie kennen Vernehmungsprotokolle und Indizien, über deren Inhalt sie öffentlich nicht sprechen dürften. Sehr wohl sprechen dürfen sie jedoch über die Schlüsse, die sie daraus ziehen. Schlüsse, mit denen sich derzeit der neu hinzugezogene Oberstaatsanwalt aus Graz, Thomas Mühlbacher, beschäftigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2009)

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