Grünes Idyll als Kampfzone

Bisher kannten ihn nur wenige. Doch seit öffentlich wurde, dass der Tiergarten Schönbrunn den Botanischen Garten pachten will, wird in Hietzing ums Grün gestritten.

„Der Botanische Garten muss weiter frei zugänglich sein.“ Die Hietzinger Bewohnerin Hellia Mader-Schwab kämpft gegen die Eingliederung.
„Der Botanische Garten muss weiter frei zugänglich sein.“ Die Hietzinger Bewohnerin Hellia Mader-Schwab kämpft gegen die Eingliederung.
„Der Botanische Garten muss weiter frei zugänglich sein.“ Die Hietzinger Bewohnerin Hellia Mader-Schwab kämpft gegen die Eingliederung. – (c) Markus Reitler

Die meisten gehen vorbei, streng geradeaus, und steuern den Haupteingang des Tiergartens an. Dabei könnte man hier, gleich nach dem Wüstenhaus, auch rechts abbiegen – in eher unbekanntes Terrain des Schönbrunner Schlossparks: den Botanischen Garten.

Es ist der vielleicht ruhigste der öffentlich zugänglichen Teile des riesigen Areals: Touristen verirren sich kaum hierher, auch vielen Wienern ist der Botanische Garten, vor mehr als 250 Jahren angelegt, kein Begriff. Wobei der Name täuscht: Hier findet man keine Blumenbeete oder Rosengärten, dafür mächtige, uralte Bäume.

Dass das lauschige Rückzugsgebiet den Hietzingern gefällt, kann man verstehen. Dass der Tiergarten hierhin expandieren will, auch. Der Garten verläuft (siehe Grafik) direkt am Zoogelände entlang, hier ließe sich der Tiergarten bestens erweitern. In der Theorie. Praktisch ist es nicht so einfach. Erstens, weil zwei Ministerien mitreden: Gepflegt wird der Garten von den Bundesgärten, die dem Landwirtschaftsministerium unterstehen. Verwaltet wird er aber wie das Schloss von der Schönbrunner Kultur- und Betriebsgesellschaft (SKB). Diese steht im Eigentum der Republik. Für die SBK ist das Wirtschaftsministerium zuständig. Das gilt auch für den republikeigenen Zoo.

Weltkulturerbe. Heikel ist die Sache zweitens aber auch, weil die Gartenanlage denkmalgeschützt ist. Sie zählt wie das gesamte Schlossareal seit 1996 sogar zum Unesco-Weltkulturerbe. Darüber hinaus – das wäre drittens – regen die Zoopläne auch deshalb auf, weil öffentlicher Grünraum kommerzialisiert werden soll: Ein Zugang wäre nur noch mit Tiergarten-Eintrittskarte möglich.

All das hat dazu geführt, dass die Zoopläne – die von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) als Aufsichtsratschef des Zoos forciert werden sollen – auf breiten Widerstand stoßen. „Joseph II. hat den Park für die Wiener geöffnet“, sagt Hellia Mader-Schwab, „und jetzt soll er gesperrt werden?“ Mader-Schwab hat Unterschriften gegen die Eingliederung gesammelt, die Petition wird im zuständigen Ausschuss im Parlament behandelt. Auf Bezirksebene treten alle Fraktionen gegen die Eingliederung auf, „formal können wir aber wenig tun“, sagt Bezirksvorsteherin Silke Kobald (ÖVP). Die Eingliederung ist für sie „ein absolutes No-go“ – auch „weil das der wirkliche Erholungsteil von Schönbrunn ist“. Die Österreichische Gesellschaft für historische Gärten hat die Unesco auf den Plan gerufen. Icomos, der der Unesco berichtende Rat für Denkmalpflege, hat einen Brief an die zuständigen Minister verfasst, in dem er auf zwei Seiten „ernste Vorbehalte“ gegen die Eingliederung äußert.

Für den Zoo gibt es trotzdem „keine Alternativen“, wie Gerhard Kasbauer, kaufmännischer Leiter sagt. Wenn der Zoo räumlich wachsen wolle – und das will er –, brauche er den Botanischen Garten als zusätzliche Pacht. Genutzt werden soll er als Ruhezone und für Vögel wie kleine Säuger (Ziesel etc.). Man werde keine neuen Gebäude errichten – „wir würden auch gar keine Baumaßnahme genehmigt bekommen, die gegen den Denkmalschutz verstößt“, sagt Kasbauer. Aber möglicherweise gegen die Auflagen für das Weltkulturerbe. Genau hier hakt Franz Sattlecker, Geschäftsführer der SKB, ein. „Die Diskussion ist per se schlecht für Schönbrunn“, sagt er. Bisher habe er die Pläne des Zoos „zur Kenntnis genommen“, nun, da es ein Schreiben von Icomos gebe, „mit Begründungen, die durchaus schlüssig sind, sollte man die Diskussion so schnell wie möglich beenden“. Als Geschäftsführer habe er dafür zu sorgen, dass der Weltkulturerbestatus erhalten bleibt. Die Zoopläne könnten diesen gefährden, das Projekt solle daher beendet werden. Sattlecker hätte auch einen Alternativvorschlag: Ein Teil des Fasangartens könnte für den Tiergarten geöffnet werden, ein anderer für die Besucher des Schlossparks. Der Fasangarten hinter der Gloriette (s. Grafik) ist bisher nicht zugänglich, macht aber einen großen Teil des Schlossparks aus. Er steht aber unter Naturschutz: Trotzdem hält Sattlecker es für „durchaus möglich“, dass bestimmte Wege für die Öffentlichkeit freigegeben werden. Für den Tiergarten kommt Sattleckers Alternatividee nicht infrage. „Das ist zu weit weg.“ Überhaupt versteht Kasbauer die Kritiker nicht: Der Garten werde von Joggern oder Menschen auf dem Weg zur U-Bahn-Station genutzt: „Es ist eine schöne Laufstrecke. Aber das ist nicht die vordringlichste Aufgabe des Botanischen Gartens. Er könnte hübscher und bekannter sein.“

Zoo versus Schloss.Kasbauer hofft auch, dass es noch heuer zu einem Abschluss kommt. Vorsichtiger Nachsatz: Am Ende sei es natürlich eine politische Entscheidung. Wie sie ausfallen wird, ist unklar – zumal sich schon jene beiden, Schloss und Zoo, für die das Wirtschaftsministerium zuständig ist, uneins sind. Im Büro von Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter etwa will man wenig sagen. Nur: Es gebe „noch keine detaillierten Pläne“. Ziel sei es aber, „dass der historische Garten erhalten bleibt und weiter von uns gepflegt wird“.

Letzteres sei ja fix geplant, so Kasbauer. Im Unterschied zu früher würde diese Leistung aber mit etwa 150.000 Euro pro Jahr entlohnt werden. Denn bisher, so Kasbauer, besteht das Entgelt der Bundesgärten darin, dass sie den Park wirtschaftlich nutzen dürfen, etwa zur Verpachtung von Gastro-Ständen – dabei schaue aber nicht viel heraus. Das neue Arrangement, so sieht es Kasbauer, würde also das Budget der Bundesgärten stark entlasten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2016)

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