Junge-Muslime-Studie „Anlass zur Sorge“

Die Ergebnisse seiner Jugendstudie überraschen Studienautor Kenan Güngör nicht. Mittlerweile gibt es zahlreiche, zum Teil heftige Reaktionen auf diese Studie.

Themenbild: Jugendliche
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Themenbild: Jugendliche – (c) Michaela Bruckberger

Wien. „Ich bin nicht überrascht, wir haben die Studie nicht von ungefähr gemacht.“ So kommentiert Kenan Güngör im Gespräch mit der „Presse“ die Ergebnisse jener Studie, an der er mitgearbeitet hatte. Und die am Montag heftig diskutiert wurde. Immerhin hat die Studie, in deren Rahmen rund 400 Teenager in der offenen Jugendarbeit befragt wurden (also in Jugendzentren und Parks), gezeigt: Gerade junge Muslime sind gefährdet, radikal zu werden. Nur 42 Prozent können als gemäßigt bezeichnet werden, mehr als ein Viertel zeigen Sympathien für den Jihad. „Die Presse“ berichtete in der Montagsausgabe.

„Es sind ja Experten der Jugendarbeit an uns herangetreten“, erklärte Güngör. Die hätten erzählt, dass die Themen Religion und Abgrenzung bei Jugendlichen immer stärker würden: „Und das gibt Anlass zur Sorge.“ Zwei Bereiche findet Güngör bei der untersuchten Gruppe, die traditionell aus einer sozial schwächeren Schicht kommt, besorgniserregend: einerseits, dass die ethnische Diskriminierung, Homophobie und Antisemitismus sehr stark sind. Andererseits, dass katholische Jugendliche eher moderater, die Ansichten serbisch-orthodoxer deutlich problematischer und die muslimischer Jugendlicher um noch eine Stufe problematischer seien.

 

Etablierte Flüchtlinge gegen Flüchtlinge

Eine valide Erklärung dafür hat Güngör nicht. Der Soziologe verweist aber darauf, dass in jenem Zeitraum, in dem die Studie lief, der islamistische Terroranschlag auf die Redaktion der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ erfolgte, auch dominierte der IS die Berichterstattung. Ein Großteil der befragten Jugendlichen seien Kinder im Alter von 14 und 15 Jahren gewesen. In diesem Alter würden Jugendliche versuchen, die Welt zu interpretieren, sie würden von Ideologien beeinflusst „und agieren nicht auf Basis einer Ideologie wie z. B. ein 25-Jähriger“, so Güngör. Deshalb sei in der Studie die Rede von „gefährdeten Jugendlichen“ und nicht von „Gefährdern“. Denn diese Jugendlichen würden niemand anderen gefährden, sie seien vielmehr gefährdet, in einen radikalen Bereich abzudriften. Dazu komme, dass sich etablierte Flüchtlinge stark gegen neue Flüchtlinge abgrenzten. Um gegenzusteuern, sei die Stärkung der Medienkompetenz „unheimlich wichtig“, so Güngör: „Das Internet ist hier problematisch und besitzt einen Verstärkereffekt.“ Wenn sich Jugendliche in einem Freundeskreis mit islamistischem Gedankengut bewegten, würden sie auch im Internet in diese Welt eintauchen, aus der sie kaum herauskommen könnten. Was die Stadt tun kann? Güngör: in Schulen und Kindergärten auf heterogene Freundeskreise achten, bei denen Jugendliche auch andere Meinungen hören würden.

Die Befragung lief vom November 2014 bis Februar 2015. Einerseits bedeutet das: Die Einstellung Zehntausender Flüchtlinge, die im Vorjahr kamen, konnte nicht erfasst werden. Andererseits gab es Kritik, dass die Ergebnisse erst eineinhalb Jahre nach der Befragung veröffentlicht wurden. Dass die Studie unter Verschluss gehalten wurde, wird im Büro von Integrationsstadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ) dementiert: Die wissenschaftliche Auswertung habe lang gedauert, mit Experten hätten vor Veröffentlichung Maßnahmen besprochen werden müssen, auch eine Tagung der Jugendarbeiter sei fixiert worden.

 

Heftige Reaktionen auf Studie

Die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) zeigte sich am Montag über die Wiener besorgt. Ein „oberflächliches und auf Äußerlichkeiten beschränktes Islamverständnis“ stelle ein Problem dar. Das sei eine Grundlage für abwertende Einstellungen und ein Nährboden für religiös motivierten Fanatismus. Die grüne Menschenrechtssprecherin im Parlament, Alev Korun, forderte eine Analyse „mit kühlem Kopf“, um konkrete Gegenmaßnahmen zu entwickeln. ÖVP und FPÖ orteten ein Scheitern der rot-grünen Stadtregierung, die von SPÖ-Gemeinderätin Tanja Wehsely verteidigt wurde: Mit dem Netzwerk für Deradikalisierung und Prävention arbeite die Stadt seit 2014 daran, Jugendliche vor radikalen Einflüssen zu schützen.

AUF EINEN BLICK

Die Studie „Jugendliche in der offenen Jugendarbeit“, die im Auftrag der Stadt Wien erstellt wurde, schlägt hohe Wellen. Immerhin ergab die Befragung von rund 400 Jugendlichen, die niederschwellig in Jugendzentren oder Parks betreut werden, dass gerade junge Muslime gefährdet sind, radikal zu werden. Einer der Studienautoren, Kenan Güngör, zeigt sich von dem Ergebnis nicht überrascht – es hätte damals auch entsprechende Hinweise von Jugendarbeitern aus dieser sozial herausfordernden Gruppe gegeben, denen man nachgegangen sei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2016)

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