Die vier Verkehrsmythen Österreichs

Erstmals seit 1995 wurde wieder in einer umfassenden Studie befragt, wie das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung aussieht, wie es sich verändert hat, und wo die verkehrsmäßige Kluft in Österreich liegt.

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Archivbild – Clemens Fabry / Die Presse

Wie viele Wege legen die Österreicher jährlich zurück? Und welche Verkehrsmittel benutzen sie? Diesen Fragen ging die Mobilitätsstudie „Österreich unterwegs“ nach, die im Auftrag des Verkehrsministeriums erstellt wurde. Diese sogenannte Modal-Split-Erhebung, die auf einer Befragung im Jahr 2013/2014 beruht und nun präsentiert wurde, zeichnet die langfristige Entwicklung des Verkehrs in Österreich nach – weil sie mit der vorigen Modal-Split-Erhebung aus dem Jahr 1995 verglichen werden kann. Dadurch lassen sich Rückschlüsse über eine Änderung des Mobilitätsverhaltens ableiten – womit die Politik entsprechend darauf reagieren kann.

Die Kernaussagen der Befragung fasste Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) nun so zusammen: Der Durchschnittsösterreicher fährt im Vergleich zu vor 20 Jahren mehr Auto, aber ebenso mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und mit dem Rad – nur zu Fuß legt er seine Wege weniger häufig zurück. Für ihn sei es ein „Reality Check“, der die geänderten Lebensrealitäten aufzeige, so der Minister.

Besonders auffällig bei der Studie, die nicht auf Zählungen oder Messungen, sondern auf einer Befragung von 17.000 Haushalten beruht: Das Stadt-Land-Gefälle hat seit 1995 deutlich zugenommen. Dazu hat sich in der Generation 65 plus die Pkw-Verfügbarkeit mehr als verdoppelt – zwei Drittel dieser Altersgruppe besitzen nun ein Fahrzeug, während es vor rund zwei Jahrzehnten nur ein Viertel war. Vier Mythen der österreichischen Verkehrspolitik wurden durch die Studie enttarnt:

1. Die Österreicher verabschieden sich von ihrem Auto.

Das Gegenteil ist wahr. An einem durchschnittlichen Werktag legt jede Person in Österreich statistisch gesehen rund 36 Kilometer zurück. Fast jeder zweite Weg wird dabei am Steuer eines Pkw absolviert (46,8 Prozent) – womit die Zahl der Fahrten mit dem Auto seit dem Jahr 1995 um 22 Prozent gestiegen ist. Die Zahl der Pkw ist in diesem Zeitraum gleichfalls um 31 Prozent gestiegen – auf rund 550 Pkw je 1000 Einwohner.

Wobei es hier geschlechterspezifische Unterschiede gibt. Für Männer ist das Auto weiterhin deutlich das beliebteste Verkehrsmittel: 54 Prozent ihrer Wege legen sie damit zurück. Bei Frauen dagegen ist dieser Wert mit 40 Prozent deutlich geringer. Frauen legen ihre Wege auch deutlich öfter (21 Prozent) zu Fuß zurück als Männer (14 Prozent).

2. Am Land verbessert sich das öffentliche Angebot, die Kluft zur Stadt verringert sich.

Das Gegenteil ist wahr. Ein Landbewohner legt an Werktagen durchschnittlich 56 Prozent seiner Wege motorisiert zurück (Pkw oder Motorrad). Das entspricht einer Steigerung von einem Viertel innerhalb von rund 20 Jahren. In Wien dagegen legten die Fahrgastzahlen öffentlicher Verkehrsmittel im selben Zeitraum um ein Viertel zu. Konkret werden in der Bundeshauptstadt 38 Prozent der Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt, 25 Prozent der Wege per Auto oder Motorrad. Die Steigerungen im ländlichen Raum sind durch Einkaufszentren am Ortsrand begründet, was längere Wege zum Einkaufen bedeutet.

(c) Die Presse

3. Durch Internet und „Stadt der kurzen Wege“ verringern sich die zurückgelegten Kilometer.

Das Gegenteil ist wahr. Seit dem Jahr 1995 ist die Zahl der (von allen Österreichern) jährlich zurückgelegten Kilometer in der Alpenrepublik um 33 Prozent auf 285 Millionen gestiegen – obwohl es in dieser Zeit ein Bevölkerungswachstum von nur sieben Prozent gab. Den größten prozentuellen Zuwachs bei den zurückgelegten Kilometern gab es bei den Fahrrädern mit einem Plus von 128 Prozent gegenüber dem Jahr 1995.

Auch die Zahl der per Bahn zurückgelegten Kilometer stieg um 49 Prozent. Erst auf Platz drei folgen die per Pkw zurückgelegten Kilometer, die um 37 Prozent über dem Wert von 1995 liegen.

4. Über 65-Jährige fahren lieber mit dem Bus oder gehen zu Fuß.

Das Gegenteil ist wahr. Fast 40 Prozent ihrer Wege legt die Generation 65 plus am Steuer eines Autos zurück – ergab die österreichweite Befragung. Diese 40 Prozent entsprechen dabei einer Steigerung des motorisierten Individualverkehrs bei Senioren um 106 Prozent im Vergleich zum Jahr 1995. Und auch die Zahl jener Senioren, die ihre Wege als Mitfahrer in einem Pkw erledigten, ist um 63 Prozent gestiegen.

Dieses geänderte Mobilitätsverhalten geht zulasten des öffentlichen Verkehrs (minus 18 Prozent) und jener Wege, die zu Fuß zurückgelegt werden. Wobei gerade die Zahl der Fußwege in dieser Altersklasse radikal gesunken ist – um 50 Prozent innerhalb von zwei Jahrzehnten. Damit erledigen nur noch 26 Prozent der Senioren ihre Wege im Alltag zu Fuß. (stu)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16. Dezember 2016)

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