„Mein Psychiater hat gesagt, dass das alles immer wiederkommen wird“

Noch heute leidet Bakary Jassey unter dem, was er durchlitten hat. Er hat Angst vor Angriffen, er begegnet Polizisten mit Misstrauen, und auch die körperlichen Folgen der Folter machen ihm zu schaffen.

Bakary Jassey
Bakary Jassey
Bakary Jassey – (c) Akos Burg

Wie geht es Ihnen zehn Jahre nach all den Dingen, die Ihnen widerfahren sind?

Bakary Jassey: Es schmerzt noch immer. Man braucht sich nur die Fotos von damals anschauen, die Röntgenbilder, wie ich von den Polizisten behandelt wurde. Mein Psychiater hat gesagt, dass das alles immer wiederkommen wird. Die Polizei hat ihre Macht gezeigt. Sie haben gesagt, dass sie mich umbringen würden. In einem zivilisierten Land wie Österreich – ich konnte das nicht glauben.

Was haben Sie gedacht, als Sie damals von der zunächst doch sehr milden Strafe für Ihre Peiniger gehört haben?

Das Leben eines Schwarzen spielt keine Rolle. Wäre ich Österreicher oder Brite gewesen, wäre das nie passiert.

Haben Sie damals das Vertrauen in die Justiz verloren?

Nein, das Gesetz wird von den Menschen ausgeübt. Das Gesetz kennt kein Schwarz oder Weiß. Es ist immer ein Mensch, der das Gesetz umsetzt. Ein Mensch hat halt immer eine gewisse Voreingenommenheit. Aber mein Fall wurde ja untersucht, und es gab ein Urteil – sonst könnten wir heute gar nicht miteinander reden.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute einen Polizisten sehen?

Ich habe Angst, dass mich jemand angreifen könnte. Wenn ich auf die U-Bahn warte, stelle ich mich deshalb immer an die Wand. Ich denke immer, dass ich verfolgt werde, dass ich ein Ziel bin. Ich weiß, das ist nicht real, aber es ist in meinem Kopf, und das bekomme ich nicht mehr heraus.

Können Sie jemals wieder einem Polizisten vertrauen?

Es ist schwierig. Ich glaube nicht. Das ist sehr schwierig für mich.

Haben Sie viel mit der Polizei zu tun gehabt in den vergangenen Jahren, und wie wurden Sie dabei behandelt?

Ja, es gab ein paar Vorfälle. Aber ich wurde dabei immer freundlich behandelt.

Abgesehen von der Polizei, wie glauben Sie, dass die Österreicher über Sie denken?

Die Österreicher glauben an Transparenz. Dass, wenn etwas passiert, alle gleich behandelt werden sollen. Wenn jemand etwas Falsches macht, soll er dafür verantwortlich gemacht werden. Wenn man nicht gerade von rassistischen Gedanken durchsetzt ist, will man einfach Gerechtigkeit für alle. Ich glaube, die Österreicher standen hinter mir und versuchten zu sehen, dass dem Gesetz genüge getan wurde. Auch in ihrem Interesse. Denn wer ist der Nächste? Diesmal war es ich, aber der Nächste könnte ein Österreicher sein, könnte dein Kind sein.

Haben Sie nach all dem, was passiert ist, je mit einem Ihrer Peiniger gesprochen?

Nein. Aber ich habe gesehen, dass sie böse auf mich sind. Vor Gericht haben sie über mich gelacht. Das ist inakzeptabel. Sie wissen nicht, was ich durchmache. Sie bereuen nicht, was sie getan haben. Sie wollten mich töten. Das macht mich wütend und tut weh.

Würden Sie eine Entschuldigung von ihnen akzeptieren?

Als Mensch natürlich. Aber die Person muss dann natürlich auch akzeptieren, dass sie etwas falsch gemacht hat. Man kann es einfach nur sagen, aber es nicht meinen. Ich erwarte mir eine Entschuldigung vor der Kamera. Dass sie im ORF sagen, es tut ihnen leid. Dass sie mich treffen wollen und sich entschuldigen. Bei mir, bei meiner Frau, bei meinen Kindern.

Glauben Sie denn, dass sie sich jemals bei Ihnen entschuldigen werden?

Nein, das glaube ich nicht.

Immerhin hat sich das Innenministerium entschuldigt. Wie wichtig war das für Sie?

Der Staat hat sich entschuldigt, hat akzeptiert, was passiert ist, obwohl er nichts dafür kann – er hat ja den Polizisten nicht gesagt, dass sie das mit mir tun sollen. Das hat mir Hoffnung gegeben. Es war eine Distanzierung von dem, was die Polizisten getan haben. Das war mir wichtig.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ich bekomme viele Behandlungen, bin in Psychotherapie, nehme Medikamente, ich muss Gymnastik machen. Ich kann nicht lange sitzen, in der Nacht rolle ich im Bett hin und her. Es ist schwierig für mich. Die Ärzte sagen, das sind chronische Schmerzen, und ich muss akzeptieren, dass ich die für immer haben werde. Und dann ist da die ständige Angst. Es ist wirklich nicht einfach.

Und nun arbeiten Sie das Ganze in einem elektronischen Buch auf. Wie kam es zu diesem Projekt?

Viele Menschen, die an Gerechtigkeit glauben und wollen, dass alle gleich behandelt werden, haben sich beteiligt. Sie haben mir den Mut gegeben, meine Texte zusammenzustellen. Die erste Idee war, ein normales Buch zu schreiben. Aber über das Internet erreicht man mehr Menschen. Darum haben wir ein E-Book daraus gemacht.

Glauben Sie, dass das Buch etwas für Sie ändern wird?

Ja, es wird eine befreiende Wirkung haben. Viele Menschen wissen nicht, was wirklich passiert ist. Es wird die Meinung vieler ändern, die bisher eine negative Meinung hatten. Im Fernsehen waren vielleicht ein paar Minuten über den Fall zu sehen, in den Zeitungen wurde ein bisschen geschrieben, aber im Buch sieht man alles, was damals passiert ist.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Ich suche einen Job, den ich in meiner gesundheitlichen Verfassung machen kann. Ich hoffe, dass einige Dinge sich verändern, wenn dieses Kapitel geschlossen ist.

Welchen Job?

Ich habe als Portier gearbeitet. Aber das geht schlecht wegen meines Rückens, also musste ich kündigen. Ein Doktor hat mir gesagt, ich dürfte 20 bis 25 Stunden pro Woche arbeiten. Und ich sollte mich bewegen. Sitzen und Stehen ist schlecht, aber schwere Dinge kann ich auch nicht tragen.

Wovon leben Sie jetzt?

Ich bekomme Mindestsicherung. Aber ein Job hilft nicht nur finanziell, sondern auch psychologisch. Dass man nicht immer nur daheim ist und nachdenkt. Deswegen will ich eine Arbeit haben, verschiedene Menschen treffen. In Afrika habe ich am Flughafen gearbeitet. Das ist die Art von Job, nach der ich suche. Und generell: Körperlich und mental wäre ein Job gut für mich.

Steckbrief

Bakary Jassey wurde 1973 in Gambia geboren. Er arbeitete als Beamter – doch nachdem das Militär die Macht übernommen hatte, beschloss er 1996, das Land zu verlassen. Er landete in Österreich, heiratete eine Österreicherin und bekam mit ihr zwei Kinder. Mittlerweile ist er geschieden.

Wegen Drogenbesitzes saß er 17 Monate in Haft. Kurz danach sollte er abgeschoben werden, doch wehrte er sich dagegen. Daraufhin wurde er von Polizisten in einer leeren Lagerhalle misshandelt und fast getötet. Erst Jahre später entschuldigte sich das Innenministerium bei ihm.

Heute lebt Bakary Jassey in Simmering, er leidet nach wie vor unter den Folgen der Folter und ist auf der Suche nach einem Job.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2017)

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