Kulturerbe: Ein Titel wackelt – vier sind neu

Die Unesco hat das Rundtanzen auf dem Eis, das Stegreifspiel der Tschauner Bühne, die Dombauhütte zu St. Stephan und das seltene Handwerk des Goldschlägers in ihr Kulturerbe-Verzeichnis aufgenommen.

Seit 1868 wird das Rundtanzen auf dem Eis in Wien ausgeübt – das Foto stammt aus den 1920ern.
Seit 1868 wird das Rundtanzen auf dem Eis in Wien ausgeübt – das Foto stammt aus den 1920ern.
Seit 1868 wird das Rundtanzen auf dem Eis in Wien ausgeübt – das Foto stammt aus den 1920ern. – (c) Gustav Kapral/Verein Rundtanz am Eis

Wien. Es ist ein durchaus bemerkenswerter Zufall: Während der Wiener Innenstadt wegen der umstrittenen Hochhauspläne am Heumarkt der Verlust des Titels Unesco-Weltkulturerbe droht, wurde das Rundtanzen auf dem Eis, das ausgerechnet direkt am Heumarkt im Wiener Eislaufverein praktiziert wird, soeben von der Unesco zum Immateriellen Kulturerbe erklärt.

Neben dem Rundtanzen wurden aber auch drei weitere Wiener Bräuche und Traditionen in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

 

Rundtanzen

Seit rund 150 Jahren schon wird in Wien auf dem Eis getanzt: Paartänze wie der Walzer, aber auch Gruppentänze wie der Killian. Die große Zeit – zeitgleich mit den Wiener Bällen erlebte auch das Eistanzen Ende des 19. Jahrhunderts seinen Aufschwung – ist zwar lang vorüber, aber noch immer wird das Tanzen zu Walzer-, Marsch- oder Polkaklängen vor allem beim Wiener Eislaufverein (WEV), aber auch auf der Kunsteisbahn Engelmann praktiziert.

Damit diese von Generation zu Generation weitergegebene Tradition wieder bekannter und im Idealfall von mehr Menschen ausgeübt wird, hat der Verein Rundtanz am Eis – Eistanzen am Wiener Eislaufverein im Vorjahr die Bewerbung an die Unesco eingereicht.

Von dem Unesco-Titel erhofft sich nun Vereinsobmann Reinhard Lederer, dass sich mehr Menschen im Rundtanzen – das im Unterschied zum wettbewerbsmäßigen Eistanzen als reines Freizeitvergnügen praktiziert wird – versuchen.

Die Hemmschwelle sei nämlich hoch: „Viele Leuten glauben, dass das wahnsinnig schwierig ist“, sagt Lederer. „Tatsächlich kann man die ersten Tänze relativ leicht lernen, sofern man sicher vorwärts und rückwärts eislaufen kann.“

Eine Handvoll Wiener Familien übt das Rundtanzen immer noch aus und hat die Tradition – eine Voraussetzung, um zum Immateriellen Kulturerbe ernannt zu werden – über drei Generationen weitergegeben. Mit Saisonstart des Wiener Eislaufvereins am 20. Oktober kann man den Eistänzern samstags und sonntags wieder bei ihren Paar- und Gruppentänzen zuschauen – oder auch gleich mitmachen. Anmelden muss man sich nicht, „einfach vorbeikommen und uns ansprechen“.

 

Stegreif

Auch die Tschauner Bühne im 16. Bezirk – konkret das dortige Stegreifspiel – findet sich nun auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes. Denn die Tschauner Bühne gilt als letzte Stegreifbühne Europas, jedes Stück ist also quasi eine Uraufführung.

Auf ihrer Website schreibt die Unesco dazu: „Zu den Stücken gibt es zwar grobe, zum Teil jahrhundertealte Vorlagen“, die Schauspieler „entwickeln ihre Dialoge jedoch selbstständig im Rahmen von wechselseitigen Interaktionen auf der Bühne und mit dem Publikum, so ist jede Aufführung ein Unikat“.

Zu den – im Wiener Dialekt gesprochenen – Stücken gibt es fast keine schriftlichen Aufzeichnungen, die mündliche Weitergabe ist auch eines der Kriterien, um überhaupt als Immaterielles Kulturerbe infrage zu kommen.

 

Dombau

Die Dombauhütte zu St. Stephan ist seit dem zwölften Jahrhundert für die Errichtung und Erhaltung des Wiener Stephansdoms verantwortlich, die Dombauhütte Mariendom in Linz besteht seit 1862: Das Dombauhüttenwesen beider Kirchen wurde nun ebenfalls zum Immateriellen Kulturerbe erklärt – weil die Handwerkstechniken, die zur Restaurierung und Pflege des jeweiligen Doms nötig sind, seit Generationen weitergegeben werden und somit erhalten bleiben. Unter dem jeweiligen Dombaumeister arbeiten Steinmetze und Bildhauer an der Restaurierung und Neuanfertigung beschädigter Teile.

 

Goldschläger

Es gibt in ganz Österreich nur noch zwei Betriebe, in denen das Goldschlägerhandwerk praktiziert wird. Einer befindet sich in Schwechat (die Firma Dungl), der andere, die Firma Wamprechtsamer, besteht seit dem Jahr 1906 im 14. Bezirk in Wien.

Die (wenig bekannte) Tätigkeit von Goldschlägern ist die Erzeugung von hauchdünnem Blattgold für die Vergolder. Das jahrtausendealte Handwerk ist nicht nur in Österreich sehr selten geworden, in ganz Europa sinkt die Zahl der Goldschlägereien. Um das Handwerk sichtbarer zu machen, wurde es nun zum Kulturerbe erklärt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2018)

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