Wien erhält ein neues Dorf

Von der Idee bis zur Umsetzung hat es 14 Jahre gedauert – aber nun ist es so weit: In wenigen Tagen wird in Wien Meidling Wiens erstes VinziDorf für Obdachlose eröffnet.

Ulrich Wanderer, der Obmann des VinziDorfs, und Regine Gaber, die Koordinatorin der Wiener VinziWerke, zwischen den Eternit-Wänden der Wohnmodule.
Ulrich Wanderer, der Obmann des VinziDorfs, und Regine Gaber, die Koordinatorin der Wiener VinziWerke, zwischen den Eternit-Wänden der Wohnmodule.
Ulrich Wanderer, der Obmann des VinziDorfs, und Regine Gaber, die Koordinatorin der Wiener VinziWerke, zwischen den Eternit-Wänden der Wohnmodule. – (c) Marlies Plank

In Hetzendorf, dem schönsten Teil Meidlings, an der Grenze zu Hietzing, entsteht ein neues Dorf. Geplant von stadtbekannten Architekten, mit großzügigem grünen Garten, nagelneu gebaut, und trotzdem will hier niemand hin. Zumindest hätte niemand geplant gehabt, hier einmal zu landen. Denn wer das tut, ist ziemlich unten. Diese Männer haben lange Geschichten hinter sich. Schicksalsschläge, Krankheiten, Sucht, Verfall – bis sie hier ein neues Zuhause finden.

Für diese Menschen (in dem Fall nur Männer) gibt es in Wien einen neuen Ort, das erste VinziDorf nach Grazer Vorbild. Am Donnerstag wird feierlich eröffnet, ab Dezember sollen 24 Männer einziehen und einen warmen Winter in eigenen kleinen Wohneinheiten verbringen. Neun dieser Einheiten sind im Hauptgebäude, 16 in acht Wohnmodulen entstanden – in den kleinen Häuschen in Holzriegelbauweise, verkleidet mit farbigem Eternit, die den Dorf-Charakter ausmachen. Die Zimmer sind klein, nicht größer als die Container, aus denen das Dorf in Graz gebaut wurde, und zweckmäßig eingerichtet. Ein altes gespendetes Bundesheerbett, ein Tisch, ein Schrank, eine Nasszelle mit Waschbecken und WC, viel mehr Platz ist nicht. Aber für die, die hier einziehen werden, ist es viel mehr Platz, Wärme und vor allem Privatsphäre, als sie lang hatten.

Nach den Plänen des Architekturbüros Gaupenraub wurde auch das Hauptgebäude umgebaut: Waschräume, Gemeinschaftsküche, Aufenthaltsraum, Büros der (wenigen) hauptamtlichen Mitarbeiter. Regine Gaber, die Koordinatorin der Wiener VinziWerke, spricht vom zentralen Raum als Gasthaus, „jedes Dorf braucht ein Gasthaus“, und für den Garten, um den das Dorf gebaut wurde, gibt es diverse Pläne, Gemüseanbau etwa. Der Grund, auf dem das Dorf steht, gehörte zum Marianneum, dem Exerzitienhaus der Lazaristen. Mit den Lazaristen sind die Eigentümer jener Orden, dem auch Pfarrer Wolfgang Pucher angehört.

Mit der Eröffnung geht ein Ringen zu Ende, das 16 Jahre gedauert hat. So lange haben Pucher und seine Mitstreiter um ein VinziDorf für Wien gekämpft. Etliche Standorte waren im Gespräch, Aspern oder der Donaukanal etwa, sogar der damalige Bundespräsident Heinz Fischer hatte sich für ein VinziDorf eingesetzt – aber niemand wollte es. Ein Standort ist gescheitert, weil Hunderte Anrainer gedroht hatten, aus der Kirche auszutreten, wenn ein Obdachlosendorf in die Nachbarschaft komme. Auch in Hetzendorf hatten die Nachbarn keine Freude – gelinde gesagt. Sie haben sich mit allen Möglichkeiten gewehrt, nach etlichen Einsprüchen und jahrelangem Aufschub entschied das Verwaltungsgericht 2015, dass gebaut werden darf.

Was lang währt, wurde nun gebaut. Und ganz vorbei sind die Konflikte offenbar nicht. Als das Dorf bzw. die Baustelle im September im Zuge der Aktion „Open house Vienna“ geöffnet und von den Architekten hergezeigt wurde, kamen auch Gegner, um ihren Unmut auszudrücken. Wie sich das Zusammenleben gestaltet, werde sich im Betrieb zeigen. Ulrich Wanderer, Obmann des Trägervereins, hofft, dass sich die Probleme, wie so oft bei Institutionen dieser Art, legen, wenn die Männer erst einmal eingezogen sind.

Aber dass die Klienten der VinziWerke oft nicht gern gesehen sind, das ist nicht neu. Aktuell läuft etwa um die Notschlafstelle VinziBett mit 47 Plätzen (Ottakringer Straße) ein Kündigungsprozess, seit Nachbarn versuchen, die Notschlafstelle hinauszuklagen.

Nachdem es allerdings im Sommer schien, als müsse VinziBett bald ausziehen, wurde nun Zeit gewonnen: Der Prozess, so Gaber, werde noch ein, zwei Jahre dauern. Die Suche nach einem Ausweichquartier läuft trotzdem. Wie auch für VinziPort: Diese Notschlafstelle mit 55 Plätzen am Rennweg muss einem Immobilienprojekt weichen. Hier war aber stets klar, dass die Mietdauer befristet ist. Das Dorf ist für deren Klienten keine Alternative. In den Notschlafstellen gibt es keine Einschränkungen, aber das Dorf ist Menschen vorbehalten, die nach dem Wiener Sozialhilfegesetz anspruchsberechtigt sind, also Österreichern oder gleichgestellten Ausländern. Schließlich erhalten die VinziWerke für das Dorf erstmals Geld vom Fonds Soziales Wien, das bedingt Einschränkungen.

Ansonsten sollen die Männer im Dorf leben, wie es ihnen entspricht. Es muss sich jeder einbringen, etwa, indem 15 Prozent des Nettoeinkommens an das Dorf gehen, oder per Mithilfe beim Putzen oder im Garten. „Das soll ein Dorf, kein Heimbetrieb sein. Wie in einem Dorf oder einer Familie muss jeder etwas beitragen“, sagt Gaber.

Wer einziehen wird, steht noch nicht fest. Bald starten Vorgespräche mit Männern, die sich direkt oder über Institutionen gemeldet haben. Wer einen Platz bekommt, kann weitgehend selbstbestimmt leben, Alkohol ist erlaubt, sollte es Haustiere geben, sind es auch diese. Schließlich kommen hierher Männer, bei denen Dinge wie Entzug, Suchttherapie oder Versuche, in eine „Normalität“ zurückzukehren, gescheitert sind. Auch, wenn in die Situation niemand jemals kommen wollte – Interessenten gibt es mehr als genug.

Geschichte

1990 ist die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg in Graz entstanden. Weltweit besteht die Vinzenzgemeinschaft aus 51.000 Gruppen.

Pfarrer Wolfgang Pucher hat die Vinzenzgemeinschaft Eggenberg gegründet, 1991 hat er das Projekt VinziBus gestartet, bei dem Tee und Brot an Hilfsbedürftige verteilt wurden. 1993 wurde die erste dauerhafte Wohneinrichtung eröffnet.

39 VinziWerke sind seit 1990 aus der ersten Gemeinschaft in Graz entstanden. Dort finden täglich bis zu 450 Personen Unterkunft und 1.400 Personen werden mit Essen bzw. Lebensmitteln versorgt. Als Betreiber des Wiener Dorfs wurde die Vinzenzgemeinschaft Hl. Lazarus gegründet.

In Wien gehören etwa die Einrichtungen VinziRast (Notschlafstelle und Übergangswohnheim), VinziRast – Mittendrin (WG-Haus für frühere Obdachlose und Studenten, Lokal Mittendrin), VinziBett, VinziPort (Notschlafstellen) oder VinziShop zur Vinzenzgemeinschaft Eggenberg.

 


[OXVOF]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Wien erhält ein neues Dorf

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.