Döbling und der „Tiller-Faktor“

Adi Tiller ist 71 Jahre alt und seit 32 Jahren Bezirksvorsteher des Neunzehnten. Der Bezirk hat einen schwarzen Langzeitchef und wenig Großprobleme. „Wir haben keinen einzigen Cent Schulden“ , sagt Tiller.

Döbling und der ''Tiller-Faktor''
Döbling und der ''Tiller-Faktor''
Döbling und der ''Tiller-Faktor'' – Adi Tiller (c) APA (Techt Hans Klaus)

Wien. Mitte vergangener Woche hatte Adi Tiller Geburtstag. Den 71sten. Das wäre an sich eine nette Privatangelegenheit, wäre Tiller nicht Bezirksvorsteher in Döbling (19. Bezirk) – und dies seit 32 Jahren. Tiller ist nicht nur der längstdienende Bezirkschef Wiens, sondern auch der älteste. Und er denkt nicht im Geringsten daran, in Pension zu gehen. „Entscheiden tut der Herrgott, wann ich aufhöre“, sagt er gern.

Im laufenden Wahlkampf ist der VP-Bezirkschef erneut munter unterwegs, um für seine Partei Stimmung zu machen und seine bequeme Mehrheit zu verteidigen. 2005 stimmten 40,7 Prozent der Döblinger Wähler auf Bezirksebene für die VP und damit für Tiller; die SPÖ kam damals auf 34,3 Prozent. Beide Parteien liegen weit vor den Grünen mit 14 und der FPÖ mit 8,5 Prozent.

Auch diesmal wird die VP höchstwahrscheinlich wieder vorne sein – dank „Tiller-Faktor“. Das liegt aber auch an der schwächelnden Opposition. Die SPÖ hat erst seit einem Jahr einen neuen Chef in Döbling – seinem Vorgänger werden finanzielle Unregelmäßigkeiten vorgeworfen. Die Grünen wiederum leiden am „Schennach-Syndrom“: Der prominente Grün-Abgeordnete war auf der Döblinger Liste abgewählt worden und aus Ärger darüber zur SPÖ übergetreten. Und die FPÖ ist in dem vergleichsweise weltoffenen Bezirk, in dem Diplomaten und Prominente wohnen, nicht stark verankert. Sie geht derzeit in klassischen Ausländer-kritischen Gebieten Döblings, rund um den roten Karl-Marx-Hof, auf Stimmenfang.

Tillers Kinder „strudeln sich ab“

Finanziell ist der Bezirk gut aufgestellt – dank eines günstigen Verteilungsschlüssels der städtischen Gelder für die Bezirke und eines hohen Durchschnittseinkommens der Bezirksbewohner. Und guten Managements, wie Tiller meint: „Wir haben keinen einzigen Cent Schulden.“ Die Probleme sind überschaubar – zumindest die größeren. Da ist etwa der Streit um Grinzing, das klassische Heurigendorf, in dem mittlerweile nicht mehr die Winzerhäuser, sondern die Apartments dominieren.

Der Bezirk schiebt die Schuld auf das Rathaus, das Flächenwidmungen gebilligt habe, die solches erlauben. Und aus dem großangelegten Leitbild, das eine Zeitung gemeinsam mit Experten und dem Rathaus initiiert hat, ist bisher nur wenig geworden. Klagen gibt es über Verkehrsprobleme, die betreffen den Gürtel und die Gegend um die Heiligenstädter Straße. Das Rathaus will Parkpickerl-Zonen, der Bezirk nicht. Er setzt auf mehr Parkgaragen.

Doch auch Tiller ist vor parteiinternen Querelen nicht sicher. So hat er bei der Listenerstellung der VP Döbling einige Streichungen hinnehmen müssen. Nicht ganz neu der Vorwurf, er sei bei Entscheidungen zu autoritär. Kritik gibt es auch daran, dass beide Töchter auf der Liste stehen. Tiller: „Ich bin sehr stolz, dass sich meine Kinder in der Freizeit für den Bezirk abstrudeln.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 1. Oktober 2010)

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