Individualpsychologe Adler kehrt in Urne nach Wien heim

Mehr als 70 Jahre nach seinem Tod ist der Begründer der Individualpsychologie in seine alte Heimat zurückgekehrt: Er wurde am Dienstag am Zentralfriedhof beigesetzt.

URNE ALFRED ADLERS
URNE ALFRED ADLERS
Die Urne von Alfred Adler – (c) APA/GEORG HOCHMUTH (Georg Hochmuth)

Dienstagnachmittag wurde die Urne von Alfred Adler, dem Wiener Begründer der Individualpsychologie, 74 Jahre nach seinem Tod am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. Dies erfolgte im Vorfeld des 25. Internationalen Kongresses für Individualpsychologie (14. bis 17. Juli) in Wien. Adler war am 28. Mai 1937 in Aberdeen in Schottland verstorben und in Edinburgh begraben.

An der Urnenbeisetzung nahmen rund 150 Personen teil, unter ihnen Margot Adler, Enkelin des Verstorbenen. "Hundert Jahre nach ihrer Grundlegung ist die Individualpsychologie eine produktive Wissenschaft der menschlichen Psyche mit zahlreichen Weiterentwicklungen und Forschungsgegenständen", hatte Margot Matschiner-Zollner, Präsidentin des Österreichischen Vereins für Individualpsychologie aus diesem Anlass resümiert. Am Zentralfriedhof hatten sich auch zahlreiche Vertreter von Adlers Schule versammelt, darunter Giansecondo Mazzoli, Generalsekretär der internationalen Gesellschaft für Individualpsychologie.

Theorie des Minderwertigkeitskomplexes

Alfred Adler zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten Österreichs, die das Wissen um die Psyche des Menschen von Grund auf revolutionierten. Seine Theorien wie jene über den Minderwertigkeitskomplex oder das Gemeinschaftsgefühl sind zum allgemeinen geistigen Erbe geworden, das in Medizin, Kunst und Wissenschaft Eingang gefunden hat.

Der spätere Arzt wurde 1870 in Wien-Fünfhaus geboren. Aus bürgerlich-liberalem Elternhaus stammend, interessierte er sich bereits früh für sozial Benachteiligte und die damals erstarkende Arbeiterbewegung.

Vom Krankheitsverständnis der damaligen Schulmedizin unbefriedigt, traf Adler auf die Ideen Sigmund Freuds und nahm schließlich auf dessen Einladung 1902 an der "Mittwochgesellschaft" teil, in die er durch eigenständige Überlegungen und Theorien zu einem der wichtigsten Mitarbeiter Freuds wurde. Die "Studie über die Minderwertigkeit von Organen" (1907) setzte einen Meilenstein in der Erkenntnis zur Psychosomatik. Als Freud allerdings durch die Arbeiten Adlers seine Libidotheorie infrage gestellt sah, kam es 1911 zum Bruch zwischen den beiden. Adler gründete den Österreichischen Verein für Individualpsychologie (ÖVIP).

Emigration wegen Austrofaschismus

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte die Individualpsychologie eine große Blüte, die in Wien bis weit in die sozialpolitischen Fragen der Zeit hinein reichte: So waren grundlegende Reformen im Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesen des "Roten Wien" eng mit dem Engagement Adlers und der Vertreter seiner Schule verknüpft. 1924 wurde Adler zum Professor am Pädagogischen Institut ernannt.

Nach der Machtübernahme durch den Austrofaschismus emigrierte Adler 1934 in die USA. Am 28. Mai 1937 brach er im Rahmen einer internationalen Vortragstournee während eines Spaziergangs in Aberdeen in Schottland tot zusammen.

(APA)

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