Wilhelminenberg: "Kinder sind zu Tode gekommen"

Mehrere Kinder sollen im Erziehungsheim Schloss Wilhelminenberg in Folge von Misshandlungen gestorben sein, berichtet der Anwalt ehemaliger Heimkinder. Ein Verfahren wurde 2010 eingestellt.

SCHLOSS WILHELMINENBERG IN WIEN
SCHLOSS WILHELMINENBERG IN WIEN
Symbolbild: Eine ehemalige Erzieherin im Heim Wilhelminenberg. – (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (Herbert Pfarrhofer)

In dem bereits in den 70er Jahren aufgelassenen Erziehungsheim Schloss Wilhelminenberg in Wien-Ottakring soll es auch zu Todesfällen gekommen sein. Das berichtete Rechtsanwalt Johannes Öhlböck, der zwei mutmaßliche Opfer von systematischen Vergewaltigungen und Misshandlungen vertritt, am Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz in Wien. Die Stadt Wien bestätigte das Vorliegen einer Anzeige, allerdings hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren bereits 2010 eingestellt.

Laut Öhlböck soll eine Frau, die im Schloss Wilhelminenberg untergebracht war, die Schilderungen seiner beiden Mandantinnen "voll bestätigt" und darüber hinaus von Todesfällen berichtet haben. "Kinder sind zu Tode gekommen. Das Opfer hat das sehr authentisch geschildert. Details kann ich dazu heute nicht preisgeben, weil sie noch Gegenstand von Untersuchungen sind", sagte der Anwalt. Die Mandantin war 1948 bis 1953 im besagten Heim. Sie soll ebenfalls Opfer von Gewalt geworden sein, von der Stadt Wien wurde sie bereits mit 35.000 Euro entschädigt.

In einem anderen Fall soll die mittlerweile über 70 Jahre alte Frau unmittelbare Zeugin eines Vorfalls gewesen sein und sowohl den Namen des Opfers als auch den Namen des Täters bekanntgegeben haben, präzisierte Öhlböck auf Nachfrage. Der Tod des betreffenden Kindes sei "unmittelbare Folge einer Misshandlung" gewesen. In einem weiteren Fall habe die Frau von einer "Gruppe von Todesfällen" berichtet, diese aber nicht mit eigenen Augen wahrgenommen.

Verfahren vor einem Jahr eingestellt

Im Vorjahr hatte sich eine Frau mit einem ähnlichen Bericht an die Stadt Wien gewandt. Man habe den Bericht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, wo das Verfahren Anfang September 2010 eingestellt worden sei, hieß es im Büro des zuständigen Stadtrats Christian Oxonitsch (SPÖ). Es sei wahrscheinlich, dass es sich um denselben Fall handelt. Einzelheiten, worum es bei dem angezeigten Fall geht, wollte man jedoch auch im Rathaus vorerst nicht bekanntgeben.

Laut "Kurier" soll in den 1950er-Jahren eine Lehrerin im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg ein Kind in einer Schulklasse zu Tode geprügelt haben. Dies berichtet die Tageszeitung unter Berufung auf eine heute 69-jährige Frau, die als damaliger Zögling die Misshandlung mit eigenen Augen wahrgenommen haben will.

"Mein Gott, wenn jemand atmet... dann sieht man ja, wie sich der Brustkorb bewegt... da war nix", zitiert der "Kurier" die Zeugin. Die Lehrerin soll jemanden gerufen haben, um die Wiener Rettung zu verständigen. Diese soll das Mädchen dann im Klassenzimmer zugedeckt und abtransportiert haben.

"Das ist ein Skandal"

Bereits am Wochenende hatten zwei ehemalige Zöglinge des ehemaligen Kinderheimes im Schloss Wilhelminenberg Missbrauchsvorwürfe gegen die Erzieher der Anstalt erhoben. Demnach gab es in dem Heim Serienvergewaltigungen, bei denen sogar Geld geflossen sein könnte. Die beiden Frauen waren zum Zeitpunkt ihrer Unterbringung sechs und acht Jahre alt. Strafrechtlich sind die Missbrauchsvorwürfe bereits verjährt.

Die Behörden haben aber schon länger von den Vorwürfen gewusst: Am 6. Dezember 2010 hat sich eine der beiden Schwestern an die Opferschutzorganisation Weißer Ring gewandt. Anschließend habe die zweite Betroffene den Kontakt gesucht. Die Fälle wurden in der Sitzung des Gremiums am 28. Juni 2011 behandelt - eine Entschädigung für beide wurde demnach beschlossen. Beide wurden 35.000 Euro zugesprochen, aber nur eine hat das Geld bisher erhalten. Man habe warten müssen, bis das Budget aufgestockt werde, erklärte Marianne Gammer, Geschäftsführerin des Weißen Rings.

Schloss Wilhelminenberg

Erstmals wurde im 18. Jahrhundert ein Schloss auf dem Gelände in Wien-Ottakring errichtet, 1903 bis 1908 entstand der aktuelle Palais im Neoempirestil. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg diente das Schloss Wilhelminenberg als Lazarett, um nach dem Kriegsende in ein Heim umgewidmet zu werden. Von 1961 bis 1977 wurden hier Sonderschülerinnen untergebracht - in dieser Zeit sollen sich die Übergriffe ereignet haben. Heute ist in dem Gebäude das Vier-Sterne-Ressort "Austria Trend Hotel Schloss Wilhelminenberg" untergebracht. Mehr ...

Der Darstellung der Stadt Wien zufolge langte ein erstes Schreiben des Anwaltes mit den betreffenden Vorwürfen am 21. Juli 2011 ein, also nach dem Entschädigungs-Beschluss. Der Anwalt sei daraufhin an den Weißen Ring verwiesen worden. Am 13. September 2011 langte in der MA 11 ein zweites Schreiben des Anwaltes ein, in dem die Vorwürfe näher ausgeführt und die Erzieherinnen mit vollständigem Namen genannt wurden. Daraufhin wurde laut Stadt mit Zeitzeugen gesprochen. Am 28. September 2011 seien die Unterlagen an die Staatsanwaltschaft Wien übermittelt worden, hieß es in der Aussendung.

Eine externe Kommission soll nun die Geschichte im Schloss aufarbeiten und klären, ob die nun publik gemachten Vorwürfe der Tatsache entsprechen. Ehemalige Erzieherinnen wurden bereits befragt.

Bedienstete wollen nichts bemerkt haben

Zwei Frauen, die in den frühen 1970er Jahren im Heim im Schloss Wilhelminenberg tätig waren, haben keine sexuellen Übergriffe auf Zöglinge bemerkt. "Das kann ich mir nicht vorstellen", sagte eine heute 72-Jährige im Gespräch mit der APA.

Eine weitere ehemalige Pflegerin sagte gegenüber der Tageszeitung Kurier, dass sich die Mädchen selbst prostituiert hätten: "Bei manchen war das schon Tradition. Da war das schon die Mutter und die haben irgendwie das Talent dazu gehabt", sagte die Frau der Tageszeitung.

(APA)

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