IS-Terrorist entwischte in Salzburg - verhaftet in Belgien

Die beiden im Dezember verhafteten IS-Terrorverdächtigen hatten einen dritten Komplizen. Bis Juli war er auf der Flucht. Nun wurde er nach Österreich ausgeliefert.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) APA/BARBARA GINDL

Wien. Zahlreiche Selbstporträts zeigen ihn auf Facebook, meistens freundlich lächelnd. Seinen Wohnort gibt er als Region Brüssel an. Der letzte Eintrag stammt vom 12. Juni. Der Marokkaner Abid T. hat sich offenbar in Sicherheit gewiegt. Zu diesem Zeitpunkt war er längst ein per Europäischem Haftbefehl gesuchter Mann. Im Juli wurde er festgenommen. Das berichtet CNN. Den umfangreichen Recherchen zufolge gehen die Ermittler davon aus, dass der Marokkaner einen „weiteren Anschlag“ geplant hatte, dass er deshalb am 10. Dezember in Salzburg war, genauer bei den IS-Terrorverdächtigen Mohammed U. (35) und Adel. H. (29) – und dass er am selben Tag Österreichs Behörden entwischte. Mittlerweile ist er zurück in Salzburg. Der Terrorverdächtige wurde von Belgien ausgeliefert. Seit 25. August sitzt er nun in U-Haft. Das erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg gegenüber der „Presse“.

Aber der Reihe nach: Der Algerier Adel H. und der Pakistaner Mohammed U. hatten sich als Flüchtlinge getarnt – und waren mit zwei späteren Paris-Attentätern in Europa eingesickert. Anders als ihre Komplizen flogen sie mit ihren gefälschten syrischen Pässen auf. Fast einen Monat lang saßen sie zunächst in Griechenland fest. Als Adel H. und Mohammed U. Ende November in Salzburg eintrafen, hatte der Terror längst Paris erreicht. Sie kamen zu spät, stellten einen Asylantrag in Salzburg, zogen in ein Flüchtlingsheim, erkundigten sich über Züge nach Paris – und warteten. Auf Abid T.

Auch der Marokkaner hatte sich laut CNN als syrischer Flüchtling über die Westbalkanroute auf den Weg gemacht. Am 10. Dezember traf er in Salzburg ein, genauer, im Flüchtlingslager, in dem Adel H. und Mohammed U. saßen. Die Ermittler vermuten, dass das Trio weitere Anschläge ausführen sollte. Aber wussten die österreichischen Behörden damals schon von Abid T. und seiner Ankunft? Jedenfalls erfolgte just an jenem 10. Dezember der Zugriff auf das Flüchtlingslager in Salzburg. Der Algerier Adel H., der Pakistaner Mohammed U. sowie weitere Verdächtige wurden festgenommen. Doch Abid T. entkam aus dem Flüchtlingslager, nur sein Handy ließ er zurück, angesteckt an einem Ladekabel, neben dem Bett des verhafteten Adel H., der in den Verhören jeden Kontakt zu ihm bestritt.

Doch der festgenommene Adel H. hatte die Kontaktdaten des Marokkaners eingespeichert. Und nur 30 Minuten vor dem Zugriff in Salzburg soll Abid T. ein Foto aufgenommen haben. Es zeigt ihn zwischen den Betten seiner beiden mutmaßlichen Komplizen. Abid T. war nun ein gesuchter Mann. Ein Europäischer Haftbefehl wurde erwirkt.

Im selben Monat, als Österreich Adel H. und Mohammed U. von Salzburg nach Frankreich auslieferte, klickten für Abid T. in Belgien die Handschellen. Die Staatsanwaltschaft Salzburg beantragte seine Überstellung, weil in Österreich gegen ihn wegen Terrorbeteiligung ermittelt wird.

Das CNN-Dossier enthüllt auch weitere Details. Demnach sollten nach dem Paris-Terror weitere IS-Zellen Anschläge in Frankreich und den Niederlanden verüben. Den Attentätern sagten ihre Auftraggeber auf ihrer Reise durch Europa immer nur so viel, wie sie wissen mussten. Eine Schlüsselrolle spielte dabei offenbar ein gewisser Abu A. Er lotste die als Flüchtlinge getarnten Terrorverdächtigen aus der Ferne von Land zu Land, organisierte Schlepper, Geld, Fahrzeuge. Die einzelnen Terroristen kannten voneinander nicht einmal die Namen, sprachen mitunter nicht dieselbe Sprache – und wussten auch nicht genau, wie ihre Mission aussah. Der in Salzburg verhaftete Adel H. kannte laut CNN nur den Zielort: Frankreich.

(strei/red. "Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2016)

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