Cantor Fitzgerald: Getroffen, aber nicht gefallen

Die Finanzfirma Cantor Fitzgerald verlor am 11. September 2001 ein Drittel ihrer Belegschaft. Firmenchef Howard Lutnick erzählt, wie er das Erlebte verkraftet hat.

Cantor Fitzgerald Getroffen aber
Cantor Fitzgerald Getroffen aber
Howard Lutnick – (c) AP (Mary Altaffer)

Howard Lutnick ist guter Dinge, als er am 11. September 2001 aus dem Bett steigt. Sein Sohn Kyle freut sich auf den ersten Tag im Kindergarten. Deshalb will der Chef der Finanzfirma Cantor Fitzgerald an diesem sonnigen Tag später ins Büro fahren. Um vorher Kyle, gemeinsam mit seiner Ehefrau Allison, an seine neue Wirkungsstätte an der Upper East Side zu bringen.

Die Uhr steht auf kurz vor neun, als Howards und Allisons Mobiltelefone plötzlich gleichzeitig läuten. Auf kleinen Holzhockern sitzen sie im Turnsaal des Kindergartens und beobachten ihren Sohn beim Spielen. Noch bevor die Lutnicks ihre Telefone abheben können, verstummen die Klingeltöne wieder. Verdutzt sieht sich das Ehepaar an, und denkt sich zunächst nichts Besonderes dabei.

„Wir standen vor dem Ende.“ Wenig später ist klar: Die Anrufe kamen aus dem Büro von Howard Lutnick. Es waren Hilferufe, aus dem Nordturm des World Trade Center. Dort belegt Cantor Fitzgerald, jene Firma, die Lutnick als „sein Leben“ bezeichnet und für die er seit den 1980er-Jahren arbeitet, die Stockwerke 101 bis 105. Als das erste Flugzeug um 8.46 Uhr einschlägt, sind bereits 658 der 1500 Mitarbeiter im Büro. Kein Einziger von ihnen soll den Anschlag überleben.

Die Geschichte von Howard Lutnick und Cantor Fitzgerald ist bedrückend, schockierend und ermutigend zugleich. „Wir standen vor dem Ende“, sagt Lutnick zehn Jahre später in New York im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. „Ein Drittel unserer Mitarbeiter war plötzlich tot. Ich kann es kaum glauben, dass es unsere Firma immer noch gibt.“

Es ist Lutnicks Fahrer, der ihm die Nachricht im Kindergarten überbringt. „Schock. Purer Schock.“ So beschreibt Lutnick das Gefühl, als er hört, dass ein Flugzeug direkt unter seinem Büro eingeschlagen habe. „Ich muss sofort hin“, schreit er panisch zu seiner Frau, springt in den Wagen und rast über die Park Avenue in Richtung Süden. „Da sah ich den Rauch aufsteigen.“ Ein Gefühl von Ohnmacht überkommt den Topmanager. Er weiß, dass auch sein Bruder Gary und sein bester Freund Doug um diese Zeit meist schon im Büro sind.

Dass Lutnick heute noch am Leben ist, verdankt er dem Zufall. Als der Südturm um 9.59 Uhr in sich zusammenbricht, steht der Firmenchef in der Lobby des Nordturms. Er sucht nach Überlebenden, hält Ausschau nach Gary und Doug. „Wäre der Nordturm zuerst eingestürzt, wäre ich tot.“ So aber läuft der damals 40-Jährige verzweifelt um sein Leben. „Ich verschanzte mich unter einem Auto, suchte Schutz vor herabfallenden Trümmern. Ich hatte Glück.“

Als wenig später auch der Nordturm zusammensackt, ist es für Lutnick traurige Gewissheit: Ein großer Teil seiner Belegschaft ist tot. Auch seinen Bruder Gary und seinen Freund Doug Gardner wird er nicht wiedersehen. Die beiden begannen ihren Arbeitstag um 8.30. „Ich wusste nicht, wie es weitergehen soll“, sagt der Firmenchef.


„Sie haben mir zugehört.“ Doch es ging weiter, und spricht man zehn Jahre später mit dem Manager, klingt aus seiner Stimme mehr Zuversicht als Trauer. „Gary und Doug wären ewig böse gewesen, wenn ich einfach aufgegeben hätte. Ich wusste schon am 12. September, dass ich Cantor wieder aufbauen werde“, erklärt Lutnick. Dann stockt seine Stimme kurz und er beginnt davon zu erzählen, wie er alle lebenden Mitarbeiter in einem Hotel in New Jersey zusammentrommelte: „Jeder weiß, wie viel uns unsere Kollegen bedeutet haben. Aber wir dürfen uns von der Traurigkeit nicht unterkriegen lassen“, sprach Lutnick zu seinen Kollegen. „Sie haben mir zugehört. Sie wussten, dass ich meinen Bruder verloren hatte. Sie wussten, dass auch ich beinahe gestorben wäre.“

Die Investmentfirma residiert nun an der Park Avenue, schon 2002 warf das Geschäft wieder einen Gewinn ab. „Ich wusste, wie ich meine Mitarbeiter motivieren konnte“, sagt Lutnick lächelnd. Fünf Jahre lang überwies er ein Viertel des Gewinns an die Familien der 658 Toten, zusätzlich übernahm er für alle Angehörigen für zehn Jahre die Krankenversicherung. 180 Mio. Dollar kostete das Cantor. Lutnick ist sich sicher, dass die Entscheidung das Geschäft angekurbelt hat: „Wir arbeiteten härter denn je. Für uns, für unsere Kollegen und um der Welt zu zeigen, dass wir uns nicht unterkriegen lassen.“

Für den zehnten Jahrestag des Terrors hat Lutnick einen Teil des Central Parks in Manhattan gemietet: „3000 Angehörige kommen, wir verlesen gemeinsam die Namen der Verstorbenen.“ Am späten Nachmittag will sich der Familienvater dann zurückziehen. Mit seiner Frau und den vier Kindern zum Ground Zero fahren, zu dem für die Öffentlichkeit noch geschlossenen Memorial: „Dann gedenken wir in aller Stille. Und Gary und Doug, sie werden natürlich auch da sein.“

Howard Lutnick wurde 1961 auf der New Yorker Halbinsel Long Island geboren. 1983 begann der begeisterte Tennisspieler seine Karriere bei der Finanzfirma Cantor Fitzgerald, deren Chef er seit 1991 ist. Der Vater von vier Kindern verlor seine Eltern früh, mit seinem Bruder Doug kämpfte er sich in der New Yorker Finanzwelt nach oben.

Cantor Fitzgerald verlor 2001 bei den Anschlägen 658 Mitarbeiter. Lutnick überwies fünf Jahre lang ein Viertel aller Gewinne an die Angehörigen – insgesamt 180 Mio. Dollar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2011)

Kommentar zu Artikel:

Cantor Fitzgerald: Getroffen, aber nicht gefallen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen