Straches blaue Pension Enzian

Die FPÖ leistet sich ein Bildungsinstitut – in St. Jakob im Defereggental. In das Dorf zieht sich Heinz-Christian Strache gern zurück. Was die gesamte FPÖ-Spitze tun sollte, wenn eine internationale Krise ausbreche.

Bildungsinstitut St. Jakob
Bildungsinstitut St. Jakob
Bildungsinstitut St. Jakob – Norbert Rief

Es ist eine der schöneren Pensionen in St. Jakob im Defereggental. Ein altes Bauernhaus mit von der Sonne schwarz gewordenem Lärchenholz, grüne Verzierungen um die Fensterrahmen, auf drei Balkonen kann man das eindrucksvolle Panorama des Tals genießen, neben dem Haus fließt ein kleiner Fluss – ein Haus wie aus einem Heimatfilm. Pension Enzian ist der lyrische Name des Gästehauses, und wer hier um ein Zimmer anfragt, wird von einer ausgesprochen freundlichen Dame betreut.

Nichts, wirklich gar nichts, weist darauf hin, dass diese Pension der FPÖ gehört. „Hinterm Tourismusbüro, auf der andern Seitn von der Polizei“, erklärt ein Einheimischer den Weg „zum Haus der FPÖ“. Nichts in der kleinen Osttiroler Gemeinde bleibt geheim, und schon gar nicht, wenn sich eine Partei aus Wien ein Haus kauft.
Charme der 1920er-Jahre. „Zimmer frei“, steht auf einem Schild beim neu gestalteten Eingang. Der Tourismus im Defereggental ist wegen der Sperre der Felbertauernstraße schwach, da nützt auch „der Charme des ursprünglich im Jahre 1920 errichteten Bauernhauses“ wenig, wie man es auf der Website anpreist.

Früher war das Haus mit der Adresse Unterrotte 49 einmal eine Tischlerei, dann baute man es zu einer beeindruckenden Pension mit neun Doppel- und einem Einbettzimmer aus – und im Jänner 2012 kaufte es das Freiheitliche Bildungsinstitut St. Jakob in Osttirol, das eigens dafür am 19.November 2011 als Verein gegründet wurde. Die Adresse des Bildungsinstituts: Rathaus, Stiege 6, Zimmer 234, 1082 Wien. Sitz des FPÖ-Rathausklubs. „Das ist nur die Postadresse“, erklärt Hans-Jörg Jenewein, Landesparteisekretär der Wiener FPÖ. Ist auf jeden Fall recht hilfreich, weil alle Vorstandsmitglieder des Vereins Wiener FPÖ-Politiker sind: Stadtrat Johann Herzog ist Präsident des Freiheitlichen Bildungsinstituts St. Jakob, Klubobmann Johann Gudenus ist Vizepräsident, und Jenewein selbst agiert als Schriftführer.

Sinn des Instituts und der Pension in St. Jakob sei es, einen Seminarbetrieb für die Partei aufzubauen, erklärt Jenewein. „Bisher müssen wir uns immer irgendwo einmieten, daher kam die Idee, ein Seminarzentrum anzuschaffen.“ Dass es auch ein Jahr nach dem Kauf durch das Bildungsinstitut noch eine Pension ist, habe damit zu tun, dass man den Umbau erst planen müsse.

Fluchtort für den Tag X? Das Freiheitliche Bildungsinstitut St. Jakob in Osttirol ist ordentliches Mitglied der Wirtschaftskammer Tirol – nicht aber als Seminarzentrum. Am 3.August 2012 meldete man ein „Gastgewerbe gemäß § 94 Z 26 GewO 1994“ an. Eine Berechtigung, „eingeschränkt auf Frühstück und kalte Imbisse und auf Hausgäste, in der Betriebsart Gästehaus mit maximal 20 Betten“. Und dass das Haus nicht unbedingt, wie andere Parteiakademien, in der Nähe Wiens liegt, sondern weit weg in einem abgelegenen Seitental im Osttirol? Jenewein: Da habe man Ruhe.

Heinz-Christian Strache schätzt diese Ruhe: Er macht seit vielen Jahren im Sommer und Winter in St. Jakob Urlaub – heuer im Winter bereits zum elften Mal zum Skifahren. Der Immobilienankauf war auch Thema in einem Bundesparteivorstand, berichtet ein Mitglied der „Presse“. Strache selbst hatte sich für den Ankauf – und mögliche weitere – starkgemacht. Mit, wie ein Sitzungsteilnehmer gehört haben will, einer etwas eigenartigen Argumentationslinie: Eine solche Pension könnte dem inneren Führungskreis im Fall einer Krise als Zufluchtsort dienen. Tatsächlich hatte er in den Jahren der Finanzkrise ab 2008 in größeren und kleineren Kreisen immer wieder vom Tag X gesprochen, wenn in Europa bürgerkriegsähnliche Unruhen ausbrechen könnten.

Strache wäre dann sicher – in der Pension Enzian.

wahlstart

Spitzenkandidat. Mit Unterstützung von fast allen der rund 500 Delegierten beim FPÖ-Bundesparteitag in Linz wurde Obmann Heinz-Christian Strache formell zum FPÖ-Spitzenkandidaten für die Nationalratswahl am 29. September gekürt. Dahinter folgen auf der Liste Generalsekretär Herbert Kickl und Familiensprecherin Anneliese Kitzmüller.

Leitantrag. Strache nannte als Wahlziel 20 Prozent Stimmenanteil oder mehr. Die ursprünglich angestrebten 33 Prozent wurden nun zum langfristigen Ziel erklärt. Abgesegnet wurde der Leitantrag „Mit uns wird's gerecht“. Die Kerninhalte zu gerechteren Löhnen, Pensionen und Wohnen stellen vor allem eine Kampfansage an die Kanzlerpartei SPÖ dar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2013)

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