Die Welt bis gestern: Der größte Bluff des Udo Proksch

Vor 20 Jahren kam das Buch „Der Fall Lucona“ auf den Markt. Die Machthaber(er) zitterten.

Die Presse (Fabry)

Mittwoch, 16. Dezember 1987: Die Maschinen in der Großdruckerei Ueberreuter in Korneuburg laufen auf vollen Touren. Unter strikter Geheimhaltung wird die erste Auflage eines Buches gedruckt, das die politische Landschaft in Österreich verändern sollte. Es ist eine wahre Sprengbombe, die der Journalist Hans Pretterebner mitten in die vorweihnachtliche Punsch-Seligkeit der sozialistischen Schickeria schleudert. „Der Fall Lucona“ heißt das Opus ganz schlicht. Aber es wird innerhalb von wenigen Tagen zum Bestseller. Politiker und Journalisten, Advokaten und Justizbeamte der obersten Etagen verschlingen den 672 Seiten dicken Wälzer nächtens. Und so sehr die Meinungen auseinander driften, darin ist man sich einig: Wenn nur die Hälfte, wenn auch nur ein Viertel der erhobenen Anschuldigungen wahr sein sollte, dann rollen einige Köpfe in dieser Republik. Und zwar ganz oben.

Die Geheimhaltung des Manuskripts hat einen Grund. Der Hauptbeschuldigte in diesem Politik-Thriller ist längst gewarnt und hat seine Anwälte in Lauerstellung gebracht: Udo Proksch, alias Serge Kirchhofer, ein schillernder Paradiesvogel des Wiener Jet-Set, Alleinunterhalter jeder Bussi-Bussi-Gesellschaft. Im Buch unverblümt angeklagt des versuchten Versicherungsbetruges, indem er am 23. Jänner 1977 das von ihm gecharterte Motorschiff „Lucona“ im Indischen Ozean versenkte und dabei den Tod von sechs Matrosen in Kauf nahm.

 

„Machwerk beschlagnahmen!“

Noch während des Drucks der ersten 20.000 Exemplare langt prompt der Antrag des Rechtsanwaltes Gabriel Lansky beim Richter in Korneuburg ein, die gesamte Auflage zu beschlagnahmen. Das Werk greife „in die Rechtssphäre zahlreicher Personen massiv“ ein. Das ist natürlich wahr. Auch Pretterebner weiß das. In einer Nacht- und Nebelaktion wird die gesamte Auflage in Sicherheit gebracht – und ist zwei Tage später in den Wiener Buchhandlungen erhältlich.

Was sich dann abspielt, gleicht einem Erdbeben. Und das ausgerechnet in der normalerweise stillsten Zeit, nämlich zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag des Jahres 1988. Die ersten Zeitungen berichten – anfangs eher zögerlich –, weil es einfach unglaublich erscheint, wie sich Minister, Gerichtspräsidenten bzw. Oberstaatsanwälte vor den Karren eines Verbrechers spannen ließen, der letztlich – im Jahr 1992 – wegen sechsfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt werden sollte. Es ist ein erschütterndes Sittenbild der Ära Kreisky und liefert tiefe Einblicke in die damals allein regierende SPÖ. Und so ist es auch nach exakt zwanzig Jahren noch immer ein politologisches Standardwerk, auch wenn es wie ein Krimi geschrieben ist.

 

Gratz wehrt sich subtil

Bereits am Tag nach der Erscheinen schickt der protokollarisch zweite Mann im Staate, Nationalratspräsident Leopold Gratz, dem Wiener Oberstaatsanwalt Eduard Schneider ein Exemplar. Zur gefälligen Lektüre. Eine Beschlagnahme beantragt der Rechtsvertreter von Gratz, der Arbö-Funktionär Herbert Schachter, (noch) nicht. So wichtig sei das Opus ja nun doch nicht, lässt er wissen.

Ein Irrtum. Einer von vielen in diesen Tagen. Am Freitag, 18. Dezember, wird der FPÖ-Abgeordnete und frühere Justizminister Harald Ofner aktiv. Dem wird Missbrauch der Amtsgewalt während seiner Ministerschaft unterstellt. Es hagelt Beschlagnahme-Anträge ohne Ende. Auch von Georg Zanger, der den Proksch-Kumpel Hans Peter Daimler rechtsfreundlich vertritt. Zwar wird nicht der Mordvorwurf inkriminiert, dafür aber die urheberrechtswidrige Verwendung des Titelfotos. Pretterebner bekommt eine kleine Atempause: Am Wochenende amtieren höhere österreichische Justizfunktionäre nicht so gern.

Als das Buch mit den Recherchen Pretterebners erscheint – unterfüttert mit zahllosen Faksimiles von geheimen, streng vertraulichen Dokumenten –, hat Udo Proksch die Aristos, die sogenannte „Society“ und die Justiz schon jahrelang genarrt.

 

„Stiller Held“ Werner Masser

Die ersten Vermutungen, dass beim Untergang des Proksch-Schiffes „Lucona“ im Jahre 1977 etwas faul sei, stammten vom Wiener Anwalt Werner Masser, der die „Bundesländer-Versicherung“ beriet, bei dem die angeblich so kostbare Ladung des Schiffes (eine „Uranerzaufbereitungsanlage“) versichert war. Er verhinderte, dass die Versicherungssumme von 212 Millionen Schilling gleich an Proksch überwiesen wurde. Hier könnte es sich um ein gigantisches Schwindelmanöver handeln, notierte Masser schon am 14. Februar 1977 in sein Tagebuch.

So war es dann auch. Noch aber fehlten die Beweise. Masser engagierte einen Detektiv in Salzburg, Dietmar Guggenbichler. Dessen Verdienst bleibt es, 1983 die erste formelle Strafanzeige gegen Proksch eingebracht zu haben.

Masser war das nicht genug. Er half seinem Cartellbruder Gerald Freihofner von der „Wochenpresse“ auf die Sprünge. Der hatte sich schon einen Namen in der Branche als Aufdecker der Waffenaffäre Lütgendorf 1976 gemacht. Und er recherchierte die Mitglieder des geheimnisumwitterten „Club 45“ in der Zuckerbäckerei „Demel“. So kam er zwangsläufig auf die Fährte des Udo Proksch, seine Connection zu Lütgendorf, zum DDR-Geheimdienst, zu den Hinterzimmertreffs (damals) prominenter Journalisten im „Gutruf“ des Rudi Wein.

„Einmal lag auf meinem Redaktionsschreibtisch ein Kranz mit Schleife: ,Letzte Grüße‘ stand drauf“, erinnert sich Freihofner. „Ob Proksch oder Rudi Wein – jedenfalls ein Scherzkeks.“ Woche für Woche publizierte die „Wochenpresse“ neue Recherchen über den Fall Proksch. Die Justiz döste vor sich hin. Warum, wurde erst viel später klar. „Staatsanwälte zogen mich in ihr Büro, verriegelten die Tür und flüsterten mir zu, dass schon wieder eine Weisung von ganz oben erfolgt sei, nichts zu unternehmen“, sagt Freihofner. „Dann lagen neue Akten vor mir. Ich hab' natürlich nie hineingeschaut“, schmunzelt der Journalist vielsagend.

 

„Blaad bist d' worden . . .“

Mit Proksch hatte er mehrfach Kontakt. „Bis heute frage ich mich, was er Besonderes an sich gehabt hat, dass ihm alle hineingefallen sind“, wundert sich Freihofner. „Er war dicklich, klein, hinkte, schwitzte, rannte ständig mit einer Pistole herum. Eines muss man ihm lassen: Er hatte ein phänomenales Personengedächtnis.“ Was den „Proksch-Jäger“ bis heute wurmt: „Als wir uns im Gericht wieder sahen, sagte er nur – und das traf mich wirklich – ,Blaad bist d' worden!“

Nächsten Samstag: Der Fall Pretterebner, oder: Das Imperium schlägt zurück.

ZUR PERSON. Spaßmacher und „Lebenslänglicher“.

Udo Proksch war das Enfant terrible der österreichischen „Gesellschaft“. Der gelernte Landwirt, geboren 1934 in Rostock, wollte zuerst Fotograf für die „Presse“ werden, besuchte in den Sechzigerjahren die Wiener „Angewandte“ und wurde dann ein gefeierter Designer avantgardistischer Schmuck- und Brillenmodelle (für Viennaline, Carrera, Porsche Design, Serge Kirchhofer).

Er liebteMilitärgerät jeder Art und verkehrte mit Geheimdiensten des damaligen „Ostblocks“. Zumindest tat er so, als ob. Die ihn kannten, sagen: „Ohne Waffe ging er selten aus.“ Er lebte mit den Reichen, Schönen und Mächtigen der Welt. Er hofierte Imelda Marcos, bevor sie als Korruptionistin aufflog. Man nannte ihn den „Hofnarren von Wien“, die schillerndste Figur seiner Zeit.

Der Club 45. Als Geschäftsführer und Miteigentümer unterhielt er im „Demel“ im 4. Stockwerk einen Club für die Machtelite, den „Club 45“, maßgeschneidert für die „neue Nomenklatur“. Denn jetzt war eben die SPÖ am Ruder. Wirklich „british“ ging's dort freilich nicht immer zu, wie man heute weiß.

Aristokratisch. Er war liiert und viermal verheiratet mit der „bourgeoisen Oberschicht“, die er aber zu hassen vorgab. Der Untergang des Frachtschiffes „Lucona“ sollte schließlich zu seinem eigenen Untergang führen. Als Folge des Skandals traten Nationalratspräsident Leopold Gratz und Innenminister Karl Blecha zurück. Proksch wurde in U-Haft genommen, wieder freigelassen, flüchtete nach Asien (inkl. Gesichtsoperation in Manila) und durch halb Europa. Im Oktober 1989 wurde er leichtsinnig, und im Transitraum Wien-Schwechat klickten die Handschellen.

Urteil. Nach einem der aufwendigsten Prozesse der Zweiten Republik erhielt er wegen 6-fachen Mordes und 6-fachen Mordversuchs lebenslange Haft. Er starb 2001.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2007)

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