Zu Hause im Denkmal

Alte Bausubstanz. Vom Wohnen und Sanieren in denkmalgeschützten Häusern.

Bundesdenkmalamt

Mein Kino wollten sie leider nicht unter Denkmalschutz stellen", erzählt Anna Nitsch-Fitz in ihrem Büro. Nebenan im Saal läuft der Stummfilm "Café Electric". Das Publikum sitzt auf Originalen: Die Sessel sind so alt wie die Breitenseer Lichtspiele, die 1905 eröffnet wurden. Zu Hause hat die Kinobesitzerin ein Fauteuil ihres Großvaters, das nicht viel jünger ist. Und das längst vom Denkmalamt unter Schutz gestellt wurde, genauso wie das ganze Haus: die Villa Wustl in Wien-Hietzing.
"Wohnen in einem Denkmal": eine Vorstellung, die manchen Hauseigentümer schaudern lässt. Ein Leben unterm Glassturz, in einer Museumsvitrine? Nichts berühren, nichts verändern? Diese Ängste kennt Barbara Neubauer, Wiener Landeskonservatorin des Bundesdenkmalamts, nur allzu gut. Und auch das "Verhinderer-Image", das beharrlich an ihrer Behörde klebt. Doch die Stirnrunzeln der Denkmal-Eigentümer glätten sich meist schnell, wenn sie den ersten Schritt bei der Renovierung tun: zum Denkmalamt. Man erfährt, dass Adaptionen an moderne Wohnbedürfnisse und behördliche Auflagen einander nicht ausschließen müssen. Neubauer meint: "Innerhalb der Richtlinien gibt es Bewegungsfreiheit. Beide Seiten müssen sich nur entgegenkommen."

Sanierungs-Coaching

Zunächst heißt es, seine Wünsche zu deponieren. Seien es Raumaufteilung, Wanddurchbrüche oder Sanierungspläne. Das Denkmalamt gibt Feedback, was möglich ist und was nicht. Das Badezimmer über einer Stuckdecke etwa, sei keine optimale Lösung, so Neubauer. "Aber es gibt immer eine zweite Variante. Wir verstehen uns dabei als eine Art ,Sanierungs-Coach.'"
Entscheidend sei, welche Elemente des Gebäudes unter Denkmalschutz fallen: die Fassade, die Raumstruktur oder gar das gesamte Mobiliar. Auch bei den Kosten treffe man sich oft in der Mitte.  Ist der Intarsien-Parkettboden kaputt, schickt das Denkmalamt manchmal lieber den Holzrestaurator als den Tischler vorbei - und bezahlt dafür den Aufpreis. Denn nur "ein genutztes Denkmal ist ein gutes Denkmal. Sobald drinnen gewohnt wird, wird es auch gepflegt", sagt Neubauer.
Am Fauteuil von Anna Nitsch-Fitz in der Hietzinger Villa Wustl haben fast 100 Jahre genagt. Jetzt ist es neu bezogen, bezahlt hat das Denkmalamt. Der Originalstoff blieb bestehen - und zwar unter dem neuen. Ganz im Sinne der obersten denkmalpflegerischen Maxime: Substanzerhaltung. Auch die Fassade wurde so erhalten, wie Architekt Robert Oerley sie 1913 gebaut hatte. Damals wurde die Farbe direkt in den Verputz gemischt. Eine schützenswerte Technik, befand das Denkmalamt. Experten mit Spezialwerkzeugen, mit "Riesen-Injektionsnadeln", wie Nitsch-Fitz erzählt, rückten an. Damit wurde Plastikmasse in die Löcher der altersschwachen Gebäude-Haut gespritzt, erst dann durfte die frische Farbe drauf.

Kompromisse machen

Für jede Aufgabe, egal ob es die Badezimmerfliesen sind oder der Klavierflügel, habe das Denkmalamt Restauratoren an der Hand, berichtet Nitsch-Fitz. Das bestätigt Gerda Czedik-Eysenberg. Das Haus ihrer Familie besucht nicht nur das Denkmalamt, sondern auch japanische Germanisten oder ganze Schulklassen. Schließlich ist ihr "Schlössl" für einen ehemaligen Mieter berühmt: Hugo von Hofmannsthal.
"Natürlich muss man Kompromisse machen, wenn man in einem Denkmal lebt", erzählt Georg Czedik-Eysenberg. Aber das Denkmalamt genauso, etwa was das Dach betrifft. Holzschindeln sollten es sein in der Wiener Ketzergasse. "Das hätte geheißen, alle 15 Jahre neue Schindeln", berichtet der Hausherr. Die Einigung lautete: Nur hofseitig wurde originalgetreu gedeckt. Und auch frieren muss zwischen den alten Mauern niemand mehr. Zwar beheizt längst die Zentralheizung anstatt des historischen Kachelofens die Räume in Rodaun, wo der "Jedermann"-Dichter wohnte. Doch 9000 Liter Heizöl jährlich - ein stolzer Preis dafür, dass die Fensterscheiben noch original und mundgeblasen sind.
Zufrieden ist die Familie Czedik-Eysenberg trotz allem. Auch mit der Kooperation mit dem Denkmalamt: "Wir haben noch nie gehört: ,Das geht überhaupt nicht!'" Und sind die Auflagen schwierig und kommen teuer, gibt es finanzielle Zuschüsse.
"Einmal kratzte ein Mitarbeiter des Denkmalamts an der gelben Fassade", erzählt Georg Czedik-Eysenberg weiter, "darunter entdeckte er die Ursprungsfarbe. Und schlug vor, die Fassade doch rosa zu streichen." Daraufhin konterte sein Vater Peter: "Sobald das Schloss Schönbrunn rosa ist, schließen wir uns an."

www.bda.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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