Der Architektur-Aufreger: Am Flughafen

Gegängelt bis zur Gangway: Wer in den Himmel will, muss durch die Hölle. Und die haben Architekten bis ins Detail ausgeklügelt.

(c) APA/HANS KLAUS TECHT

Irgendwann hat man sich daran gewöhnt. Außerhalb der eigenen Badewanne ist das Leben nicht immer ganz so entspannt. Aber irgendwann hört man auf sich zu wehren. Auch mit den olivgrünen Fliesen im Bad ist es so: Ein paar Jahre nach der falschen Entscheidung  spürt man sie ja fast nicht mehr. Und Flughäfen? Die müssen ja wohl sein. Oder? Wie kommen wir sonst weg hier? Wahrscheinlich geht’s gar nicht anders. Wird schon Sinn machen, dass wir hier Schlange stehen. Und dort auch. Und vor dem Klo auch. Und nachher noch mal. Und dass wir nach einer Stunde streng aufgezwungener Choreographie des Verreisens so fertig sind, als wären wir gerade über Nacht mit dem Bus nach La Paz gerumpelt.

Je fertiger wir sind, desto leichter ertragen wir die Flugzeugsitze. Denn, wenn wir dann endlich einmal sitzen dürfen mit angewinkelten Knien, dürfen wir auch zum ersten Mal - seitdem wir den Buchungscode ausgedruckt haben - wieder etwas selbst entscheiden: Käse oder Schinken. Aber auch nur, wenn wir den Spezialtarif genommen haben. Dass da auf dem Weg von der heimischen Badewanne ins Flugzeug eh nur überschaubar wenig Menschen so richtig auszucken, ist meist dem tapfer lächelnden  Personal geschuldet: Sie erledigen das, was eigentlich Aufgabe der Architekten gewesen wäre - für freundliche Gesten sorgen. Und den Stresspegel ein wenig nach unten schrauben. Weil man ist ja kurz vor Boarding dann doch ein wenig aufgeregter als in der eigenen Badewanne, wo man sich inzwischen schon ganz gut auskennt. Die Macht über die Stresshormone, die ist den Architekten wohl bewusst. Also in der Theorie hieße das: Gib den Menschen soviel Platz, wie sie brauchen, um sich wohlzufühlen. Vermeide Situationen, in denen sie sich orientierungslos fühlen. Gib ihnen etwas Farbe und Materialität, an denen sie sich psychologisch ein wenig festhalten können. Und gib ihnen menschliche Gesichter, selbst wenn es nur Maschinen sind, auf die sie schauen.

Zwangsbeglückung

Aber natürlich gilt auch in der Flughafenarchitektur: Kein Plan, über dem nicht ein größer Plan stehen würde. Einer, der sich vor allem bei Aktionären gut verkaufen lässt. Da kommt das sanfte Steuern von Verhalten nicht so gut, lieber gleich nötigen. Freundliche Gesten der Architektur? So etwas wie in Empfang oder freundlich an der Hand nehmen? Nur, wenn das direkt in den Duty Free Shop führt. Oder zum Espresso, den man um vier Euro sicher nicht trinken wollte ein paar Minuten zuvor. Künstliche Verengung und Verknappung ist die Strategie. Vor allem auch der Sitzgelegenheiten beim Gate. Das treibt die Menschen wieder in die Umlaufbahn der Geschäfte. Und lässt die Stresshormone wieder zirkulieren.

Der Stardesigner Marcel Wanders, der beschäftigt sich ja auch immer wieder mal mit dem dem Einchecken, aber eher an Orten, an denen man bleibt statt wegfliegt, den Hotels. Wiederholt meinte er schon: das größte Manko von Design-Hotels sei die Großzügigkeit. Die einfachste aller Gesten, kaum einer beherrscht sie gestalterisch. Denn in der Logik der Immobilien-Betreiber ist auch eine Katzenklappe so etwas wie eine Tür. Im Hotel, sagt Wanders, könnte es so ähnlich funktionieren: Man kommt rein in die Lobby, setzt sich aufs Sofa, irgendwann kommt ein netter Mensch mit Tablett auf dem Schoß dazu, man duzt, lächelt sich an, fertig. Beim Einchecken am Flughafen würde das Sofa währenddessen schon mal in Richtung Gate rollen. Doch leider: Romantik ist das erste, von dem man sich trennen muss, wenn man im aktuellen Jahrhundert verreist. Oder besser: verfrachtet wird. Und nicht vergessen: Auch der Privatsphäre zum Abschied noch winken.

Goldene Zeiten

Die letzte Möglichkeit zur Selbstbestimmung am Wiener Flughafen etwa ist der Spar-Supermarkt in der Abflughalle des Terminal 3. Dort darf man zumindest noch bei der Konzeption der Jausensemmel mitreden. Extrawurst, eine Scheibe Gouda, Gurkerl. 58 Sekunden Anteilnahme eines Mitarbeiters für eine Semmel, die 1 Euro 58 kostet – das ist eine Form von Großzügigkeit von der sich Flughäfen und Fluglinien noch ein paar Wursträder abschneiden könnten.  Wenn Flughäfen Hotels wären, dann würden sie dem Gast kaum mehr als eine Pritsche hinstellen und einen Automaten ins Zimmer, aus dem man dann selbst teuer sein Bettzeug rausdrücken kann.

 

Sights of the old TWA Terminal are viewed by members of the press at a press tour of the soon to be
Sights of the old TWA Terminal are viewed by members of the press at a press tour of the soon to be
Das TWA Terminal in New York wird gerade zum Hotel umgebaut. – (c) imago/UPI Photo (JOHN ANGELILLO)

Großzügig, das waren noch Terminals wie jener, an dem man nach 16 Jahren Leerstand bald wieder einchecken kann. Allerdings nicht für seinen Flug, sondern für sein Zimmer. Das TWA-Terminal am JFK Flughafen New York, erbaut im Jahre 1962, gestaltet von Eero Saarinen, wird nämlich gerade zum Hotel. Zurzeit wird es möglichst originalgetreu renoviert. Inzwischen steht das Gebäude ja auch unter Denkmalschutz. Ein Szenario, das den wenigsten Flughäfen seitdem wohl blühen würde.

Obwohl Flughäfen, wie Architekten ja andauernd bestätigen, möglichst unaufgeregte Orte sein sollen, regen sich die Fluggäste dann doch auf: Besonders vor der Öffnung oder kurz danach. Siehe Flughafen Berlin. Siehe Terminal 3 des Wiener Flughafens. Alles später verhält sich so wie die olivgrün verflieste Badewanne. Irgendwie findet man es gar nicht mehr so schlimm. Inzwischen hat man sich am Wiener Flughafen auch an die Stufen runter zu den Klos gewöhnt und an den Boden, von dem man glaubt er würde jede Sekunde an der eigenen Schuhsohle picken bleiben. Aber auch die Bewohner von Sao Paolo haben irgendwann begonnen ihren eigenen Moloch zu lieben. So eine Art Stockholm Syndrom der Architektur. Arrangiere dich damit, sonst macht es dich fertig. Wenn die Architekten keine Lösung finden: Der eigene Kopf findet schon eine.

Fliegen als Designaufgabe

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