Akustik und Design: Stumme Gestaltung

Räume klingen, sprechen, dröhnen, flüstern: Interior-Design sollte auch den Ohren schmeicheln.

Der schwedische Hersteller Gärsnäs stellt seine Akustik-Stühle in Schulen, Kirchen und Lokale.
Der schwedische Hersteller Gärsnäs stellt seine Akustik-Stühle in Schulen, Kirchen und Lokale.
Der schwedische Hersteller Gärsnäs stellt seine Akustik-Stühle in Schulen, Kirchen und Lokale.

Architekturstudium statt Zirkusschule. Trotzdem: Der Balanceakt gehört zum Pflichtprogramm der Gestalter. Vor allem, wenn sie sich mit ihren Entwürfen auf einer zarten Linie bewegen müssen: jener, die geräuschvolle Atmosphäre gerade noch von Lärmbelästigung trennt. Vor allem in vollen Lokalen schwingen gern noch andere Dinge durch den Raum als die Vibes der Gäste. Im „Otto Bauer“ in der Wiener Otto-Bauer-Gasse schmecken den Besuchern jedenfalls das Essen und die Atmosphäre.

Trotzdem ist vor allem einem Stammgast, Peter Spitaler, etwas zu Ohren gekommen: dass diese Decke im Lokal akustisch recht schwer zu bändigen ist. Zum Glück lernt er gerade an der New Design University (NDU) in St. Pölten, wie man visuell-ästhetische und akustische Raumqualitäten miteinander koppeln kann, im Studiengang „Akustik und Design“. Spitaler schreibt gerade seine Abschlussarbeit. Und deshalb lesen zurzeit viele Gäste des „Otto Bauer“ am Tisch nicht nur die Speisekarte, sondern auch die Fragebögen, die Spitaler dagelassen hat.

Gerade die Decke sei akustisch eines der größten Pro­blemfelder, erzählt Franz Huber. Vor allem, wenn sie sich wölbt. Huber betreibt in Wieselburg ein Akustik-Büro und vermittelt den Studierenden an der NDU in St. Pölten, wie man Räume so plant oder transformiert, dass man anstelle jedes Löffels eher die Stecknadeln fallen hören kann. Manche Räume sind akustisch noch eine Baustelle, wenn sie längst fertig sind. Andere Architekten, so erzählt Huber, konsultierten ihn schon während des Entwurfs. Damit die Räume schließlich so klingen, wie sie sollen. Und nicht lauter geraten, als es dem Wohlbefinden der Menschen, die in ihnen Zeit verbringen, gut tun würde.

Im Hotel Die Berge in Sölden schluckt die Whisperwool vom Label Tante Lotte den Schall.
Im Hotel Die Berge in Sölden schluckt die Whisperwool vom Label Tante Lotte den Schall.
Im Hotel Die Berge in Sölden schluckt die Whisperwool vom Label Tante Lotte den Schall. –

Die akustischen Qualitäten unterscheiden sich dabei natürlich je nach Aufgabe. Denn in Lokalen etwa will man den akustischen Teil der Atmosphäre auch nicht ganz stumm schalten, weiß Huber. In Büros wiederum müsse man sorgsam austarieren, dass man zwar hört, aber nicht zu viel von dem, was man nicht hören will. „Eine der wichtigsten Schrauben, an denen man akustisch drehen kann, ist die Nachhallzeit“, erzählt Huber. In Konzertsälen sollte sie durchaus länger sein, zwei Sekunden etwa. „Weil das Publikum gern das Gefühl hat, von der Musik umgeben zu sein.“ Doch wo eher die Klarheit und Deutlichkeit der Worte zählt, im Theater oder im Hörsaal, darf auch die Nachhallzeit geringer sein.

In jedem Fall: Die Oberflächen im Raum und die Materialien, aus denen sie bestehen, haben ein lautes Wörtchen mitzureden bei der Akustik der Innenräume. „Schön“ muss nicht unbedingt gut klingen. Aber moderne Materialien und Technologien helfen, dass sich ästhetischer und akustischer Anspruch näherkommen dürfen. „Heute kann man im Interior auch scheinbar glatte Glas- oder Metalloberflächen verwenden, die so porös sind, dass sie auch Schall absorbieren“, erzählt Huber.

Im Kulturhaus Kosmos in Zürich bändigte man die Akustik mit speziellen Akustikstoffen.
Im Kulturhaus Kosmos in Zürich bändigte man die Akustik mit speziellen Akustikstoffen.
Im Kulturhaus Kosmos in Zürich bändigte man die Akustik mit speziellen Akustikstoffen. – WEISSWERT

Materialfrage

Gut vor allem, wenn sich der Lärm aufschaukelt, wie es der sogenannte „Lombard-Effekt beschreibt: „Wo es laut ist, spricht man automatisch lauter“, sagt Huber. Und da muss natürlich auch wiederum der Gesprächspartner mit ein paar Dezibel nachziehen. Im Hotel „Die Berge“ in Sölden hat die Architektur für solche Fälle vorsorglich die „Whisperwool“ an der Decke eingezogen, hergestellt aus der Wolle von Tiroler Bergschafen.

Vor allem Textilien dämpfen natürlich den Geräuschpegel, manchmal auch ganz zielgerichtet: Wie etwa im Zürcher Kulturhaus Kosmos, in dem Akustikvorhänge des Herstellers Création Baumann zum Einsatz kommen. Sie segmentieren das offene Gestaltungskonzept nach Bedarf auch akustisch.

Tipp

Akustik & Design. Ein akademischer Lehrgang an der New Design University in St. Pölten. www.ndu.ac.at

Mehr zum Thema: Stararchitekten machen jetzt Musik, Mit ihren Entwürfen neuer Musikhäuser und Konzerthallen malen die Architekten in Österreich neue Hörbilder in die Kulturlandschaft.

 

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