Symbolkräfte: Fahnen

Auch die Fahnen selbst sind Träger: Sie schleppen Bedeutungen mit und schultern Ideen. Für die Vienna Design Week auch ein paar noch recht utopische.

Utopien. Theresa Hattinger ­kreierte Fahnen, die sie mit Ideen des Postkapitalismus auflud.
Utopien. Theresa Hattinger ­kreierte Fahnen, die sie mit Ideen des Postkapitalismus auflud.
Utopien. Theresa Hattinger ­kreierte Fahnen, die sie mit Ideen des Postkapitalismus auflud. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Manchmal ist die Welt einfach noch nicht so weit. Dann muss man eben zuerst die Idee lange vor sich hertragen – wie eine Fahne. Bis die Realität endlich nachzieht. Schon beim Festival Soho in Ottakring im Juni hatte die Grafikdesignerin Theresa Hattinger ein paar utopische Inhalte gehisst und flattern lassen: im Ottakringer Sandleitenhof. Damals ließ sie sechs Autoren sechs Ideen formulieren. Und Hattinger übersetzte die sprachlichen Zeichen in ausschließlich visuelle – in ein Vokabular, das sich auch schwenken lässt: in Form von Fahnen. Gestaltet im flaggentypisch reduzierten Zeichensatz: simple Geometrien und Farben, die bedeuten und signalisieren gleichzeitig. „Das Konzept war es, jeweils einer utopischen Ideen eine utopische Fahne zuzuordnen", erzählt Hattinger. Für die Vienna Design Week formulierte sie nun selbst die Idee – eine, die sie auch weltanschaulich vor sich hertragen würde: Den „Postkapitalismus" hat Hattinger gestalterisch und inhaltlich in vier Aspekte zerlegt, die sich nun in vier Fahnendesigns manifestieren dürfen. Gehisst werden sie im ehemaligen Sophienspital in der Wiener Apollogasse, der diesjährigen Festivalzentrale der Vienna Design Week. Denn das künstlerische Experiment soll vor allem auch eines zeigen: dass man mit Fahnen Gesinnungen und Haltungen ziemlich plakativ raushängen lassen kann: „Ich finde Fahnen sehr interessante Formate, gerade weil sie grafisch sehr reduziert sind und trotzdem inhaltlich sehr dicht aufgeladen", sagt Hattinger. Als textile Speichermedien haben Fahnen so einige Geschichten und symbolische Bedeutungen aufgesogen, vor allem als Nationalflaggen. Manche triefen sogar vor Mythen und vor Blut. Wie die österreichische etwa – schließlich waren Rot und Blut in der Fahnensymbolik schon immer ein recht naheliegender Zusammenhang. Inzwischen stehen Farben, die im Wind des öffentlichen Raums flattern, gerne auch für Unternehmen, denen Grafikdesigner die Bedeutungen erst mal überstülpen mussten. So wehen heute so einige Stoffe, aus denen nicht nur die Mythen sind, in der Stadt: Baumwolle und Nylon aus jener Mythenfabrik, die da Corporate-Design-Abteilung heißt. Ein Zustand, den auch Theresa Hattinger mal kritisch hinterfragt: „Denn Flaggen im öffentlich Raum zu hissen heißt ja auch, einen Platz für sich zu beanspruchen", sagt sie. Das steht natürlich in tiefer Tradition des Flaggezeigens. Wo gehisst wird, wird vereinnahmt: Territorien genauso wie ganze Communitys. „Auch das hat mich interessiert bei meiner Beschäftigung mit Fahnen", erzählt Hattinger. Hätten Amerikaner auf dem Mond oder Norweger am Südpol die Fahne vergessen, hätten sie gleich zu Hause bleiben können. 

Stimmungsmacher. Manche Fahnen entstehen erst, wenn ihre Zeit längst überfällig ist. 1978 schwenkte die LGBT-Community auf der Gay-Pride in San Francisco erstmals die Regenbogenfahnen. Damals noch mit acht Streifen. Andere Fahnen sind längst so obsolet wie die Ideen, die jemand an sie geheftet hat. Wie der Kolonialismus in Form des „Union Jack" auf der Flagge Neuseelands etwa. Aber gegen einen Silberfarn – ein Entwurf, der aus 10.000 Ideen ausgewählt wurde – wollten ihn die Neuseeländer im letzten Jahr dann doch nicht tauschen. Hattinger beschäftigte sich in ihrem Projekt „Flags of Utopia" mit der Gestaltung von Fahnen, die Ideen noch vorwegnehmen. „Schließlich habe ich ja auch gelernt, Stimmungen zu erzeugen", in der Grafik-Klasse von Oliver Kartak an der Angewandten in Wien. Vier Fahnen verknüpfte sie mit vier Facetten des möglichen Postkapitalismus. Viel Inhalt, komplexen noch dazu, übersetzte sie in Farben und Formen. Doch Ausdruck bekommen die Ideen nicht nur als riesige, selbst genähte Fahnen, sondern auch in anderen grafischen und sogar akustischen Formaten. In den tieferen Ideencontent schlüpft man über die Fahnen selbst, via Augmented-Reality-App. Wenn man das Smartphone über die Fahne hält, legt es den Zugang zu den Inhalten dahinter: etwa kurze Animationsfilme. Oder auch Werbejingles, die jeweils den utopischen Teilaspekt der großen Über-Idee süß in die Welt säuseln, als wäre die Schokolade im Supermarkt gerade im Angebot: „Network together", das Arbeiten in informellen Netzwerken gehört da etwa dazu. Oder auch das Thema „Geistiges Eigentum", die Trennung von Lohn und Arbeit genauso wie der Aufruf „Smash Monopoly".

Als Hattinger begann, sich mit Fahnen zu beschäftigen, stach ihr außer den gängigen Farbsymboliken noch einiges ins Auge: „Auch, dass die Vexillologie, die Fahnenkunde, lang nicht so exakt und handfest ist wie etwa die Heraldik, die Wappenkunde", meint Hattinger. Und dass die Codes, die zwar spezifisch kulturell gelernt werden, global wie interkulturell trotzdem irgendwie als vereinbart gelten. Vor allem bemerkte Hattinger aber, dass an den genähten Geometrien aus Baumwolle und Nylon sehr viel mehr hängt als nur Bedeutung: nämlich ein weites Feld an behördlichen Auflagen, wie, wann und unter welchen Umständen man Flagge zeigen darf. Genauso wie eine Liste an sonstigen Verboten, Ritualen und symbolischen Akten. Auch, um ganz andere Dinge mit Fahnen zu signalisieren als das, was bloß Form und Farbe zu erzählen haben.

Tipp

„Flags of Utopia". Vom 28.  9. bis 7.  10. hängen die Fahnen und die Geschichten dahinter im ehemaligen Sophienspital, Apollogasse 19, 1070 Wien.

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