Wohnen: Komm, wir bauen uns ein Dorf

Gemeinsam bauen. Gemeinschaftlich wohnen. Selbstbestimmt leben. In den letzten Jahren haben ganz unterschiedliche Formen davon Gestalt angenommen.

(c) die Presse (Carolina Frank)

Tür an Tür. Und trotzdem ganz schön weit weg voneinander. So wohnen ja die meisten. Aber gerade wie die meisten wollen ja viele dennoch nicht wohnen. Da suchen sich Menschen lieber Wohnmodelle, in denen ihre Lebensmodelle irgendwie besser aufgehoben scheinen. Als in den vorgefertigten Wohnschablonen, mit denen der Wohnungsmarkt die Gesellschaft kollektiv abfertigt.

Peter Santner, Daniela Knie und Anita Scharl und 55 andere Erwachsene konfektionierten sich da lieber einiges selbst: Wie sie miteinander wohnen und was sie dabei voneinander haben. Ihre Lebensform: Sie leben aufeinander zu statt aneinander vorbei – in einem Gemeinschaftswohnprojekt, das zu einem kleinen Dorf geraten ist. Dort hört man herzliche Hallos genauso wie solche Sätze: „Gell, wir müssen am Freitag noch die Zisterne ausräumen." Oder an manchen Ecken auch so etwas wie erleichtertes Seufzen. Dass man endlich angekommen ist, dort, wo man hinwollte. In Pressbaum, im Wienerwald. Dafür hat man sich auch an das Akronym gehalten, das die Gemeinschaft im Namen trägt: „B.R.O.T.". „Begegnen" steckt da drin. „Reden" auch – das muss man sowieso, stets und gar nicht wenig, sonst werden aus Vereinskollegen auch keine Nachbarn. Und das mit dem Offensein, das schadet auch nicht. „Selbst wenn man manchmal erst hineinwachsen muss in so ein Projekt", sagt Peter Santner. Doch bei aller Aufgeschlossenheit darf man Türen auch mal zu lassen, sagt Anita Scharl. Besonders jetzt, kurz nach dem Einzug, wenn es ziemlich oft klingelt.

Wohnmodelle: Tür an Tür

„Meist sind es die Nachbarskinder, die aufs Klo müssen." Und ja, „teilen" war da auch noch: ein Gemeinschaftshaus, das war von Anfang an der Plan. Mit Atelier, Küche, Gästezimmern, Kinderraum und der Kapazität, eine Vollversammlung des Vereins spielend aufnehmen zu können. Sowie die Lebensmittel der eigenen Food Coop im Lagerraum. Aber auch das Teilen von Haltungen hilft: allein bei der Gruppenbildung. Und auch beim Durchhalten, bis zum März dieses Jahres, als die ersten Bewohner hinter die sägerauen Holzfassaden schlüpften. Langsam können sich Santner, Knie und Scharl, wie alle anderen auch, fallen lassen. In einen Traum, der viele Jahre so vage war wie eine Wolke: rechtlich, finanziell, auch gruppendynamisch. Das Grundstück war zwar da, die Pfarre Pressbaum hatte es schon 2011 gestellt. Der Rest: selbst organisiert. Und selbst erarbeitet. Jetzt heißt es für alle: sich entspannt einrichten in einem neuen Lebensmodell. Der Weg dorthin war holprig genug, auch emotional, erzählt Peter Santner. Schließlich waren auch einige Unsicherheiten treue Wegbegleiter. Ohne Bauträger mussten die Familien selbst die tragenden Rollen spielen, die Verantwortung selbst schleppen. Und die lastete auch mal schwer: Schließlich steckten alle mit Zeit, Energie, Hoffnungen und vor allem Geld tief drin in diesem Projekt.

Pionierarbeiter. „Der Prozess hat sicher auch so manche belastet. Wir haben alle viel investiert an Energie", sagt Scharl. „Wenn man im Vorstand ist, ist das fast, als hätte man eine zweite Arbeit." Und die begann vor dem Bau mit dem Bauen – der Gruppe nämlich. Auch da kann es bröseln. „Die erste Gruppe hat sich bis auf zwei wieder zerstreut", erzählt Santner. Bei der zweiten war er von Anfang an dabei, für ihn war gemeinschaftliches Wohnen schon immer das Modell der Wahl. Fast 30 Jahre hatte er zuvor in einem Pionierprojekt gewohnt, im „Ökotopischen Dorf" in Maria Lanzendorf. Ein Pionier war auch Helmut Schattovits, der 2016 verstarb. Er hatte den „B.R.O.T. Verband" initiiert, das weltanschauliche Dach, das sich über inzwischen vier Baugruppen-Projekte spannt. Das erste entstand in Wien Hernals, das letzte hier in Pressbaum. Eine neue Form des Zusammenlebens schwebte Schattovits vor, ursprünglich auch in einem Selbstverständnis, in dem B auch noch für „Beten" stand, statt wie in Pressbaum etwas profaner für „Begegnen".

Mit Engagement, etwas Verbissenheit und Optimismus haben sich die Familien in jene Lage gebracht, in der sie heute sind: Das inkludiert Blicke auf die bewaldeten Hügel ringsum, enge Verbindungen zu den Nachbarn sowie kreuz und quer über die geschotterte Dorfstraße. Beziehungen, die gewachsen sind wie die Gruppe selbst und die Überzeugung, dass man hier seine Kinder aufwachsen sehen will. Wie bei Anita Scharl: „Wir haben in Meidling gewohnt, Lärm, Beton. Das war keine Umgebung, in der ich meine Kinder groß werden lassen wollte." Und Meidling, das liegt auch im Radius von Daniela Knie, manchmal fährt sie mit dem Rennrad dorthin, wo sie unterrichtet. Reingestolpert in die Gruppe ist sie, als eine der Letzten, durch eine Infoveranstaltung. Und auf wundersame Weise wollte das gute Gefühl, das sie sofort hatte, nicht mehr schwinden. Es hat sich sogar verstärkt, wie sie sagt. „Eigene Kinder habe ich keine. Aber mit Kindern wohnen wollte ich", erzählt sie. Jetzt hat sie 54 Kinder um sich. „Und ich glaube, dass ich die Namen der meisten schon kenne."

Grätzlleben. In Wien hat sich die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens in den letzten Jahren schon ein paar Mal verortet, auch in Form von Baugruppen. Und gern dort, wo neben Stadtteilen noch etwas anderes wachsen sollte. Soziale Kohäsion etwa. Das „Wohnprojekt Wien" am ehemaligen Nordbahnhofgelände wurde inzwischen auch fast zu einem Vorzeigemodell. Eines, das man früher in Städten vermutet hätte, wo Wohnnöte zu Tugenden werden mussten. À la Berlin. 2013 wurde das Projekt fertiggestellt. Und erledigt seitdem auch seine selbst gesteckten Grätzlaufgaben direkt am Rudolf-Bednar-Park. Im Erdgeschoß bringt der „Salon am Park" Kaffee, Liegestühle und Torten ins Stadtleben ein. Daneben das Architekturbüro Einszueins seine Ideen. Und vor allem auch seine Expertise, wie aus Baugruppen, die sich finden, auch jene Häuser werden, die sie gesucht haben.

Wohnmodelle, an die sie selbst glauben, wollten sie als Architekten schon immer fachlich unterstützen, erzählen die Büropartner Markus Zilker, Katharina Bayer und Markus Pendlmayr. Mit diesem Vorsatz begleiteten sie schon einige Menschen: Die Baugruppe „Gleis 21" im Sonnwendviertel oder das Hasendorf im Tullnerfeld stehen da etwa auf einer langen Liste. Oder auch „Willda Wohnen", eine Gruppe, die sich im Projekt Wildgarten am südlichen Rand von Meidling gerade verwurzelt, aber erst in der „Visionsphase" steckt.

Markus Zilker wohnt selbst, als einer der Mitgründer der Baugruppe, im fünften Stock des Hauses. Auf dem Arbeitsweg verursacht er nicht allzu viel CO2. Passt in das Ursprungskonzept des Vereins, in dem „Nachhaltigkeit" dick und rot eingekringelt war. Auch ein reges Gemeinschaftsleben wollte man keimen lassen und diesem dafür fast 700 Quadratmeter Fläche widmen: Von einer Gemeinschaftsküche, in der Architekten und Hausbewohner heute oft dieselbe Suppe löffeln, bis in den Keller, in dem Feiern nur eine Art des kommunikativen Austausches ist. „Mir hat mal einer gesagt: Ihr habt ja kein Haus gemacht, sondern einen Staat gegründet", lacht Zilker. Eher hätten sie ein Dorf gegründet, meint er. Ein vertikales halt. Und an einem der Dorfplätze, im Eingangsbereich, bildet sich – auf Plakaten – auch noch jene Organisationsform ab, die die Prozesse und das Gemeinschaftsleben schon immer geordnet haben: die Soziokratie, „ein holländisches Konzept, das langsam auch in Österreich Fuß fasst". Seit 2009 wird „soziale Nachhaltigkeit" von der Stadt Wien auch bei Bauträger-Wettbewerben eingefordert. Deshalb organisiert die Stadt jetzt auch stärker das Selbst-Organisieren. Denn gerade jetzt, in einem stark wachsenden Stadtgefüge, könnten Baugruppen-Projekte ihre Stärken ausspielen, meint Architektin Katharina Bayer. Da formieren sich inhaltliche Klammern und Konzepte, da rücken Soziologen und professionelle Begleiter als Verstärkung an. Auch weil Experten wissen, dass Baugruppen viel mehr verknoten als die Beziehungen innerhalb des Hauses. „Gerade in Städten, die eher von oben verwaltet werden, sind Eigeninitiativen extrem wichtig", sagt Bayer, „vor allem auch, weil dabei andere und neue Qualitäten entstehen. In einer Stadt wie Wien, die hektischer, dichter, konfliktreicher wird, ist es essenziell, gemeinschaftliche Kompetenzen zu stärken". Und auch das Haus ins Grätzl wirken zu lassen. Und umgekehrt. „Mit Baugruppen entstehen lokale Netzwerke, die Keimzellen für nachhaltige Nachbarschaftsbeziehungen sind."

Solidarität. Auch die zukünftigen Bewohner des Projekts „Bikes and Rails" im Wiener Sonnwendviertel wollen mehr ins Rollen bringen als nur ihre Fahrräder. Manuel Hanke ist seit zehn Jahren Mitglied bei der „Initiative Gemeinsam Bauen & Wohnen", beruflich hat er schon so einigen Baugruppen geholfen, überhaupt Gruppen zu werden und später noch Nachbarn. Inzwischen ist er selbst Teil der Baugruppen-szene, die er gut kennt, und dabei ist er schon einmal umgezogen. In einem Haus, von dem bislang nur das Fundament gegossen ist. „Ursprünglich bin ich in die Singlewohnung ganz oben gezogen. Jetzt wohne ich in der Familienwohnung im dritten Stock", sagt Hanke. Denn auf dem Weg von der ersten Idee zum „Tür an Tür" verzweigen sich die Lebensläufe oft unerwartet. Und auch die Persönlichkeit darf sich da rege mitentwickeln während des Prozesses. Gut, wenn man an ein paar unbiegsamen Linien festhält. „Die Themen leistbares Wohnen und alternative Mobilität gehören zum Grundkonzept", erklärt Elke Rauth. Als Mitgründerin von „dérive", dem Verein für Stadtforschung, beschäftigt sie sich bereits einige Jahre mit alternativen Wohnmodellen. Bei „Bikes and Rails" hat sich parallel zur Gruppe auch ein Gedanke geformt: „Nämlich das Projekt dem konventionellen Immobilienmarkt zu entziehen", sagt Rauth. Also es alternativ zu organisieren und zu finanzieren. Ein Passivhaus wird es, in Holzriegel-Bauweise, mit Solarstrom auf dem Dach – aber seine Energie bezieht das Haus hauptsächlich aus einer viel wichtigeren Entscheidung: „Wir sind Teil von habiTAT, dem österreichischen Ableger des deutschen Mietshaussyndikats, einem Netzwerk aus solidarischen und selbstverwalteten Hausprojekten", erklärt Rauth. „Die Idee dahinter ist: Wohnen ist ein Menschenrecht, keine handelbare Ware", sagt Hanke. Das Ziel ist: die Selbstbestimmung über Räume und ihre Nutzung. Und der Weg dorthin führt über eine eigenwillige Rechtskonstruktion: „In einer HausgesmbH liegen 51 Prozent beim Hausverein, 49 beim Dachverband."

Privateigentum wird zum Nutzungseigentum. „So können wir auch der nächsten Generation leistbaren Wohnraum sichern", sagt Rauth. „Bei Baugruppen stellt sich ja grundsätzlich die Frage, wer es sich leisten kann, an diesem Modell teilzuhaben." „Bikes and Rails" jedenfalls lukriert das nötige Drittel Eigenkapital, ungefähr 1,5 Millionen Euro, über Direktkredite, also Mikrodarlehen von Privatpersonen, die das Projekt unterstützen möchten. Manchmal auch mit netten Worten: „Manchmal kleben Post-Its mit aufmunternden Botschaften auf den Verträgen", erzählt Rauth. Das Kernbekenntnis des Projekts ist jenes zur Solidarität. „Und die soll nach innen und außen wirken", sagt Hanke. Etwa dadurch, dass man einander Wissen und andere Ressourcen zur Verfügung stellt. Oder Geflüchteten auch „die größte Wohneinheit des Hauses als WG". Im Erdgeschoß sollen Gewerberäume und ein Café das Haus als „offenen Nachbarschaftsort" mit dem Grätzl verzahnen.

Offenes Konzept. Das Stadtentwicklungsgebiet Seestadt Aspern in Wien ist so ein Terrain, das neue Bewohner anzieht wie auch den Mut zum Wohnexperiment. Der Verein Que[e]rbau etwa hat dort ein Modell verwirklicht, gemeinsam mit dem Bauträger WVB-GPA. Für eine Gruppe von Bewohnern hat Mitiniator Roland Hampl, der selbst auch im Haus wohnt, Wohnungen für verschiedenste Lebens- und Familienmodelle konfektioniert. Oder „Diversitätsdimensionen", wie es Andreas Konecny, der andere Vereinsgründer, nennt. Um auch in Grundrissen und räumlichen Qualitäten abzubilden, was in gängige Wohnschablonen nicht ganz so geschmeidig rutschen will: die Diversität von Identitäten, Lebensstilen und Vorstellungen, wie man leben will. Gemeinsam beschlossen Hampl und Konecny deshalb, „Wohnen" auch mal „quer" und „queer" zu denken. „Entstanden sind schließlich Wohneinheiten zwischen 33 und 130 Qudratmetern. Vom Wohnloft mit kleinem Schlafzimmer als Rückzugsort bis hin zur Singlewohnung", erzählt Konecny. Nach intensiven Gesprächen goss Hampl die individuellen Ansprüche der Bewohner in Grundrisse: „Wir wollten mit Architektur Diversität in die genossenschaftliche Gleichförmigkeit bringen". Für viele Bewohner ein doppeltes Experiment: „Denn hier herzuziehen in die Seestadt war schon das erste." Inklusion war von Anfang an Teil des Konzepts. Genauso wie die Idee, „zwei Wohnungen für queere Geflüchtete zur Verfügung zu stellen", wie Konecny erzählt. Gemeinschaftsflächen, vom Teeraum bis zur Dachterrasse, geben dem offenen Konzept im Inneren genügend Raum. Aber auch nach außen soll sich das Haus öffnen, meint Hampl. Das Nachbarschaftscafé Yella Yella wurde schon zum kommunikativen Knotenpunkt des Grätzls. Auf dem Areal des „Wildgartens" im Süden Wiens formiert sich gerade das zweite Baugruppen-Projekt von „Que[e]rbau": „Que[e]rbeet" heißt es. Und Wohnungen werden noch vergeben.

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