Kirchen: Die Ewigkeit, neu evaluiert

Andächtige Stille. Oder laute Musik. Kirchen öffnen sich selbst denjenigen, die nicht zum Beten kommen. Vor allem auch gestalterisch.

Leichtigkeit. Der „Dom“-Stuhl der Schweizer Manufaktur Horgenglarus im Hildesheimer Dom.
Leichtigkeit. Der „Dom“-Stuhl der Schweizer Manufaktur Horgenglarus im Hildesheimer Dom.
Leichtigkeit. Der „Dom“-Stuhl der Schweizer Manufaktur Horgenglarus im Hildesheimer Dom. – (c) Christian Richters

Die Ewigkeit ist in Design und Architektur nicht unbedingt das primäre Konzept, auf das man hinbaut. In der Immobilienbranche spricht man ja auch von Lebenszyklen. Da fängt etwas an, da geht etwas zu Ende. Alles hat seine Phasen. In der Religion allerdings ist die Ewigkeit ungleich relevanter. Und wenn rundherum gewohnte Strukturen durcheinanderpurzeln und bröckelt, was sicher und verbindlich schien, dann muss auch die Kirche ihre Häuser und Räume durch turbulente Zeiten manövrieren. Am besten in Richtung Zukunft. „Die Lebenserwartung von Kirchen steigt jedenfalls, wenn man sie an neue Nutzungen und Notwendigkeiten adaptieren kann", sagt Harald Gnilsen, Leiter des Bauamts der Erzdiözese Wien. Auch er muss überlegen, wie sich Kirchenräume neuen Anforderungen baulich und gestalterisch stellen. Etwa auch solchen Themen wie Sicherheit, Barrierefreiheit oder Fragen wie: Wofür können Kirchenräume inhaltlich noch stehen außer für Liturgie und Gebet? Doch auch Gnilsen spürt, wie die Dogmatik, wie Kirchen auszu­sehen haben und wofür man sie nutzt, ein wenig biegsamer wird als früher.

Stimmungslage. Viel zu viel Raum für weniger Menschen – diese Kluft müssen Kirchen auch mit neuen Konzepten, Gestaltungen, Ideen und Möbeln füllen. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirchenräume ziemlich durcheinandergewürfelt. Und auch inhaltlich geben sich Kirchen heute weniger starr: Da stehen auch mal Stapelstühle statt Kirchenbänken. Zumindest wenn das Denkmalamt seinen Sanktus gibt. Und nicht nur Orgel, Weihrauch und prunkvolle Altäre sorgen für sinnliche Erlebnisse. Sondern auch einmal ein 58-Meter-LED-Lichtband hinter den Gesimsen: Die Jugendkirche Grüner Anker in Linz Urfahr flutet ihren historischen Kirchenraum, Ohren und Augen der Besucher oft mit Ungewohntem: Dann sind die weiß getünchten Wände die Leinwand, auf der sich Lichtstimmungen niederschlagen – vor allem, wenn wieder mal die Theatergruppe anrückt. Oder die DJs. „Eine Kirche darf durchaus auch mal laut sein", sagt Klemens Hager, der den Grünen Anker leitet.

Flexibel. Klemens Hager leitet den Grünen Anker, der mit Stapelstühlen von Selmer bestückt wurde.
Flexibel. Klemens Hager leitet den Grünen Anker, der mit Stapelstühlen von Selmer bestückt wurde.
Flexibel. Klemens Hager leitet den Grünen Anker, der mit Stapelstühlen von Selmer bestückt wurde. – (c) Beigestellt

Doch auch stille sakrale Räume haben ihre Qualitäten. Vor allem dort, wo sie als inhaltlich-architektonischer Gegenentwurf zu einer hochdynamischen Welt funktionieren. Wie etwa in der Hochfrequenz-Immobilie Wiener Hauptbahnhof, wo die Erzdiözese Wien einen „Raum der Stille" verortet hat. Einen Gebets- und Andachtsraum, der aber auch als etwas ganz anderes fungieren kann. Quasi ein neues Kirchenkonzept im Kleinformat, ein Schlupfloch aus der lauten Welt in die andächtige Stille.

In anderen Ländern sind aus Kirchen längst Sporthallen, Restaurants oder Buchgeschäfte geworden. Gerade die Niederlande haben hierbei fast schon eine Tradition entwickelt: Die älteste gotische Kirche des Landes etwa ist nun eines der schönsten Buchgeschäfte des Landes – in Maastricht. Dort, wo auch das Kruisherenhotel Menschen beherbergt – in einer ehemaligen Klosterkirche. Die Nachnutzung ist natürlich auch in Österreich Thema, sagt Harald Gnilsen von der Erzdiözese Wien. Doch in Wien hat die profane Zukunftsperspektive sa­­kraler Räume noch keine Präzedenzfälle. Lieber werden Kirchen an andere Religionsgemeinschaften übergeben, die in ihren Traditionen und Werthaltungen der katholischen ähneln. Wie etwa die Kirche Maria vom Siege am Mariahilfer Gürtel, die an die koptisch-orthodoxe Kirche übergeben wurde. Oder die Kirche in Neulerchenfeld – diese nutzt heute die serbisch-orthodoxe Gemeinde. Prozesse, die nicht nur „Halleluja"-Rufe begleiteten. Manche Kirchen, wie die Votivkirche etwa, positionieren sich dagegen eher als Event-, Kultur- oder Kunstkirchen, andere verstehen sich fast auch als Museum: wie die Karlskirche in Wien.

Nutzungsoffen. Der Dom in Hildesheim tauschte Kirchen­bänke gegen flexible Bestuhlung.
Nutzungsoffen. Der Dom in Hildesheim tauschte Kirchen­bänke gegen flexible Bestuhlung.
Nutzungsoffen. Der Dom in Hildesheim tauschte Kirchen­bänke gegen flexible Bestuhlung. – (c) Christian Richters

Neue Verhältnisse. „Natürlich ist eine neue Nutzung ein hochemotionales Thema", sagt Gnilsen. Denn schließlich sei die Kirche auch ein hochemotionaler Ort. Auch das religiöse Selbstverständnis der Katholiken macht eine profane Zukunft von Kirchen nicht ganz einfach: „Ein Aspekt unseres Glaubens ist, dass Gott in der Kirche gegenwärtig ist." Egal, ob nun auch gleichzeitig Vertreter der Glaubensgemeinschaft gegenwärtig sind. Die Kirchendichte jedenfalls ist vielerorts deutlich zu hoch – für die aktuelle „Nachfrage": „Allein im ersten Bezirk in Wien haben wir ungefähr 25 Gottesdienst-Stätten", erzählt Gnilsen. Die drittgrößte Kirche der Stadt, die Altlerchenfelder Kirche, wurde gebaut, als die dortige Pfarrgemeinde noch 21.000 Mitglieder hatte. Jetzt sind es kaum 5000. Damals war die Stadt noch deutlich dichter und der Kirchenraum auch so etwas wie ein sozialer Begegnungsraum.

„Jedenfalls gibt es keine Patentlösung. Man muss sich mit jeder einzelnen Situation spezifisch auseinandersetzen." Doch auch heute können Kirchenräume unterstützen, was die katholische Kirche als Aufgabe gesehen hat: Gemeinschaften bilden. Oder Identität stiften. „Gerade in neuen Stadtteilen, wo viele entwurzelte Menschen zusammenkommen, kann das eine wichtige Rolle für Kirchen sein", so Gnilsen. Vor allem, wenn ideologische Gräben und Spalten das soziale Gefüge in der Stadt allmählich zerfurchen.

In Linz-Urfahr versucht der Grüne Anker ein paar gestalterische Fäden auszulegen, an denen Menschen anknüpfen können, die normalerweise nicht allzu viel in Kirchen führt. Die dortige Stadtpfarrkirche, früher die Kirche des Kapuzinerklosters, ein schlichter Barockbau inklusive klassizistischem Turm, prägt die Silhouette des Donauufers, genauso wie das Ars Electronica Center daneben. Die barocke Bemalung im Inneren ist längst weiß übertüncht. Denn Buntheit bringt die Kirche dort lieber selbst ein, durch eine ungewöhnliche Nutzungsvielfalt. Nun ist sie auch der Hafen für die Jugendkirche Grüner Anker. Und diese möchte auch ein paar Vorstellungen, was Kirchen sind und was sie sein dürfen, über Bord werfen. Inhaltlich wie gestalterisch. „Wir wollen auf jeden Fall irritieren. In positiver Weise" sagt Klemens Hager, der Leiter des Grünen Ankers. Andocken können dort alle „von 14 bis 24, unabhängig von religiösem, sozialem oder kulturellem Hintergrund", so formuliert es das Leitbild der Jugendkirche.

Raum für Kunst. Zwei Kugel-skulpturen schweben derzeit in der Wiener Karlskirche.
Raum für Kunst. Zwei Kugel-skulpturen schweben derzeit in der Wiener Karlskirche.
Raum für Kunst. Zwei Kugel-skulpturen schweben derzeit in der Wiener Karlskirche. – (c) Karlskirche Contemporary Arts/APA-Fotoservice/Hautzinger

Experimentierflächen. Schon 2011 wurde Hager beauftragt, die Jugendkirche neu zu konzipieren. Ein Schiff an der Donau wäre es auch fast geworden, oder eine Heimat in der Tabakfabrik. „Doch der alte Sakralraum bringt das Emotionale, was Kirchen auch ausmacht, besser auf den Punkt", sagt Hager. So hat sich der Grüne Anker dort verortet, wo daneben die Jugendlichen auch gern auf den Stufen sitzen – auf dem „Maindeck" des Ars Electronica Centers, mit Bierdosen in der Hand oder anderen Dingen, die Jugendliche heute eben so in der Hand halten. In der Kirche daneben wären da noch mal 200 Sitzplätze – Modelle in Grün und Grau, mit extra Gotteslob-Halterung. „Die alten Kirchenbänke sind schon in den 1970er-Jahren herausgekommen", erzählt Hager. Die Stühle lassen sich stapeln. Wenn man Tanzfläche braucht. Oder Platz für Workshops oder die Bühne der jährlichen Theaterproduktion. Manchmal rollt man den Jugendlichen auch sprichwörtlich den roten Teppich aus. Damit Begegnungen geschehen. Und Kommunikation entsteht. „Das gelingt allein dadurch, dass manche irritiert sind und Fragen aufgeworfen werden wie: Darf man das überhaupt in einer Kirche?" Bei vielen merke man wohl, erzählt Hager, dass sie ein ganz anderes Kirchenbild mitbringen. „Jedenfalls wollen wir keine Veranstaltungshalle sein, sondern die Kirche raumsensibel nutzen". Denn spätestens am Sonntag steht wieder die Liturgie auf dem Programm. Und dazwischen alles Mögliche. „Ein Gebet muss ja auch nicht immer ein Spruch sein. Es kann auch ein Freudentanz sein zur Metal-­Musik".

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