Ästlinge und Nestlinge

Scheinbar hilflose Jungvögel aufnehmen und retten zu wollen ist eine oft mörderische Fehlentscheidung. Denn meist handelt es sich um von Eltern gut versorgte Ästlinge.

Die Aufzucht einer Mönchsgrasmücke ist schwierig.
Die Aufzucht einer Mönchsgrasmücke ist schwierig.
Die Aufzucht einer Mönchsgrasmücke ist schwierig. – McPHOTO / dpa Picture Alliance / picturedesk

 „Die Katze“, schrieb die italienische Malerin Leonor Fini, „ist uns zur Seite, die warme, haarige, schnurrbärtige, schnurrende Erinnerung an das verlorene Paradies.“ Derzeit sind die Schnurrbärte mehr abgängig als anhänglich. Sie haben Besseres zu tun, als ihre Dosenöffner zu umschnurren, denn sie fressen sich dank der derzeitigen Mäuseplage in der Wiese und an den Komposthaufen satt. Abends kehren sie gnadenhalber heim, die Gourmetwänste prall, die fürsorglich gefüllten Katzenschüsseln missachtend.

Gelegentlich vergreifen sie sich, und wenn sie etwa mit jungen Ringelnattern daherkommen, kann man nur hoffen, rechtzeitig zur Stelle zu sein, um ihnen das Schlänglein zu entreißen, und im Idealfall sofort zum Teich zurückzutragen. Zum Glück passiert das selten. Letztens jedoch wurde eine der Katzen gleich im Garten mit einem winzigen Vögelchen ertappt, sofort gefasst und der Beute entledigt.

Das Vogelküken war schockstarr und kam sofort in ein ausgepolstertes und mittels Wärmekissen temperiertes Schächtelchen, um sich fürs Erste zu erholen. Normalerweise soll sich der Mensch auf keinen Fall einmischen, wenn junge Vögel scheinbar hilflos in den Sträuchern sitzen. Die sogenannten Ästlinge sind, im Gegensatz zu den Nestlingen, bereits fast flügge. Sie werden von den Eltern noch tagelang weiterbetreut, gefüttert und zur Nahrungssuche angeleitet.

Es ist geradezu fahrlässig, so ein Küken mit nach Hause zu nehmen. Denn einen jungen Singvogel aufzuziehen ist unendlich mühsam und, was die Wahl des Futters anlangt, auch recht anspruchsvoll. Die Winzlinge müssen tagsüber stündlich mit der artspezifischen Nahrung geatzt werden, was insbesondere im Fall der Insektenfresser eine echte Herausforderung darstellt. Niemand beherrscht diese Übung so gut wie Vogeleltern, und auch wenn das Kleine überlebt, stellt sich die Frage, wie es später das Leben in der freien Wildbahn meistern soll, wenn ihm niemand beigebracht hat, wie es sich verhalten muss. Wer jedenfalls ein Vogelküken aufnehmen muss, macht sich am besten via Internet bei der Wildvogelhilfe schlau.

Bei dem geretteten Jungvogel handelte es sich um eine Mönchsgrasmücke, wie ein Fotoaustausch mit der hervorragenderweise praktisch rund um die Uhr hilfsbereiten Tierärztin ergab. Also Insektenfutter. Die erste Wahl in solchen Fällen, so die Expertin, sind für den Anfang eingeweichte Beoperlen, ein Spezialfutter für insekten- und obstfressende Vögel, das jede anständigen Tierhandlung haben sollte.

Das Vögelchen erwies sich in einer vorsichtigen Untersuchung zum Glück als unverletzt. Es verdaute den Schock mit unter den Flügeln gestecktem Köpfchen schlafend, erwachte jedoch recht bald wieder und begann sofort mächtig zu schreien. Einen Tag lang fraß es mit großem Behagen eine eingeweichte Beoperle nach der anderen. Als vorbildliche Riesenglucke entfernte ich regelmäßig erstaunliche Mengen wohlgeformter Kotbatzen, die übrigens über die Verdauung Auskunft geben und keinesfalls zu wässrig sein dürfen.

Apropos Wasser: Junge Vögel dürfen nicht mittels Spritze oder dergleichen getränkt werden, sie nehmen das Wasser besser mit dem Futter auf. Später können sie selbst trinken, aber so weit kam es dankenswerterweise im Fall des Grasmückenwinzlings nicht. Denn das Vöglein erwies sich nach einer ausgezeichnet ruhig verlaufenen Nacht als energische und fast flugtaugliche Persönlichkeit.

Nach einem ausgiebigen Frühstück begann es das Zimmer tüchtig flatternd und in reizenden Hüpfern zu erkunden und sehr laut zu schreien. Es saß auch zutraulich auf dem Finger, und fast hätten wir es schon zum Familienmitglied erklärt. Doch wir beschlossen, sicherheitshalber den Versuch der rechtmäßigen Familienzusammenführung zu wagen und es zu jener Stelle zurückzutragen, an der die Katze ertappt worden war. Wir würden uns dort auf die Lauer legen und abwarten, ob das Gepiepse nach den Eltern von Erfolg gekrönt wäre. Bereits nach wenigen Minuten, und damit viel schneller als erhofft, kamen beide Eltern geflogen, und für alle Beteiligten war das eine große Freude.

Wenn nächstes Frühjahr die Mönchsgrasmücken ihren wunderbaren Gesang durch den Garten zwitschern, ist der kleine Piepmatz hoffentlich dabei. Die größten Feinde der zierlichen Sänger sind übrigens nicht die Katzen und auch nicht die Marder. Es sind wir, die Menschen, die wir ihnen den Lebensraum in Form dichter Hecken und Gebüsche rauben. Noch ein Grund, das derzeit allerorten zu beobachtende Abholzen endlich zum Teufel zu wünschen.

Lexikon

Ästling. Viele Singvogelarten verlassen das Nest, wenn sie zwar schon etwas fliegen können, doch noch nicht wirklich flügge sind. Die Eltern versorgen sie bis zu zwei Wochen mit Nahrung und Überlebensstrategien.

Mönchsgrasmücke. Der etwa sperlingsgroße Vogel ist die hierzulande häufigste Grasmückenart und ein bezaubernder Sänger. Als Zugvogel überwintert die hiesige Population im Mittelmeerraum.

Wildnis. Man kann diesen Appell nicht oft genug wiederholen und betonen: Lasst Sträucher wachsen und auch das Unterholz stehen. Lasst ein bisschen Wildnis und Vielfalt zu, und vielen Tieren ist damit unendlich geholfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2019)

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