Zeitschleife: Dorian Gray, inszeniert von Karl Lagerfeld

Ewige Jugend oder eine reine Seele: Den Konflikt von Oscar Wildes Romanfigur Dorian Gray übersetzt Karl Lagerfeld in eine Fotostrecke.

(c) Karl Lagerfeld

Ein Ansinnen, das der vielseitige Modekünstler Karl Lagerfeld und sein seit zwanzig Jahren favorisierter Verlagspartner Gerhard Steidl jeweils für sich und auch Seite an Seite verfolgen, ist offenbar das Streben nach bestmöglichen Ergebnissen. Der in Göttingen ansässige Verleger Steidl nennt denn auch ein „Streben nach Perfektion, das in gesunder Weise anstrengend ist“, als einen der Punkte, den er sich von seinem Gegenüber abgeschaut hat, seit die beiden 1993 zueinanderfanden.

Dorian Gray: Unendlich schön


Damals galt es, einen Bildband mit Fotografien von Karl Lagerfeld herauszubringen, der anlässlich der Zuerkennung des „Lucky Strike Designer Award“ entstehen sollte. Lagerfeld freilich, so Gerhard Steidl, habe sich zuerst wenig für diese Option begeistert: „Als er ablehnend reagierte und meinte, es interessiere ihn wegen der oft mangelnden Qualität von Bildbänden wenig, einen solchen herauszubringen, war ich verstört – auch weil ich mich darauf gefreut hatte, mit ihm zu arbeiten.“ Darum ließ Steidl, dessen akribische Arbeitsweise Gegenstand der Dokumentation „How to Make a Book With Steidl“ (www.hotwomakeabookwithsteidl.com) ist, seine Buchmachermuskeln spielen – und überzeugte Lagerfeld von seiner Kunst: Seit 1993 haben die beiden mehr als 60 Bücher miteinander gemacht.

Die Zusammenarbeit der beiden Perfektionisten beschreibt Gerhard Steidl als ein Geben und Nehmen – von Qualitätsansprüchen, Wissen, Zugangsweisen. „Als Designer und, wenn Sie so wollen, als Schneidermeister trägt Lagerfeld dafür Sorge, dass jedes Haute-Couture-Kleid in den Pariser Ateliers zur Perfektion gelangt. Genau das habe ich mir für meinen Verlag abgeschaut: Auch hier geschieht alles in Göttingen, und ich kontrolliere selbst jeden Druckbogen.“ Dieser Manufakturcharakter stellt in Steidls Augen zugleich die Voraussetzung für das Überleben von Betrieben dar, die auf hochwertiges Handwerk spezialisiert sind. Im Unterschied zu sehr hochpreisigen Erzeugnissen der Luxusindustrie ist freilich selbst ein gut gemachtes Buch zumeist recht erschwinglich: „Bücher sind nach wie vor demokratische Objekte, und das ist mir wegen meiner Sozialisierung auch wichtig.“

Schöne Untreue. Die auf den vorangehenden Seiten abgedruckten Bilder entstanden als von Karl Lagerfeld inszeniertes Shooting mit Models: „A Portrait of Dorian Gray“ liegt als eigenes Buch vor – das freilich ganz ohne Text auskommt. Die Romanvorlage von Oscar Wilde dürfte bekannt sein, ganz im Sinn einer „schön untreuen“ Übersetzung, wie sie im Alten Rom üblich war, wird hier von Lagerfeld in einem anderen Medium eine sehr frei gehaltene Interpretation vom Jugendwahn dieses Protagonisten der dekadenten Weltliteratur gegeben. „Dorian Gray ist eine der von Karl Lagerfeld favorisierten Romanfiguren“, weiß Gerhard Steidl. „Das verwundert wenig, ist doch die Welt der Mode, in der er sich hauptsächlich bewegt, ebenfalls vom Streben nach Jugend und Schönheit geprägt.“

Eine intensivere Auseinandersetzung mit diesen und anderen, ähnlich schönheitsgetriebenen Bildwerken von Karl Lagerfeld ist übrigens demnächst im Museum Folkwang in Essen möglich: Die große Retrospektive „Karl Lagerfeld. Parallele Gegensätze: Fotografie – Buchkunst – Mode“ ist ab 15. Februar zu sehen. Der 320 Seiten starke Katalog zur Ausstellung erscheint, wie sollte es anders sein, als Kooperation von Karl Lagerfeld und Gerhard Steidl.

Tipp

„Karl Lagerfeld: A Portrait of Dorian Gray“. Die Bilder dieser Fotostrecke sind dem gleichnamigen Band, verlegt von Steidl, entnommen (Leineneinband, 88 Seiten, 45 Euro). Siehe auch www.steidl.de

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