Hussein Chalayan: „Wir sind kuratorischer geworden“

Früher war man origineller, heute ordnet man Informationen: Hussein Chalayan blickt zurück auf seine Karriere und fünf Jahre Modeprofessur an der Angewandten.

Kreativer Geist. Hussein ­Chalayan wurde im London der Neunziger zum Stardesigner.
Kreativer Geist. Hussein ­Chalayan wurde im London der Neunziger zum Stardesigner.
Kreativer Geist. Hussein ­Chalayan wurde im London der Neunziger zum Stardesigner. – (c) Katharina F.-Roßboth

Mode und Architektur, Mode und Philosophie, Mode und Technik – für Hussein Chalayan ist Kleidung dann besonders spannend, wenn ihre Inspirationen von weit her kommen. Der Designer mit Wurzeln in Nordzypern schaffte seinen Durchbruch im London der Neunzigerjahre und ist seitdem für konzeptuell strenge und technisch innovative Kollektionen bekannt, die er in an Performances grenzenden Shows zeigt.

Seine Diplomkollektion vergrub er in der Erde und schickte ein halb zersetztes Memento mori über den Laufsteg, 1998 provozierte er in seiner Kollektion namens „Between" mit Schleiern, die die Körper der Models zusehends unbedeckt ließen. Mit Kleidungsstücken, die sich in Möbel verwandelten (legendär: der Coffeetable-Rock), machte er ebenfalls von sich reden. Während seiner erfolgreichsten Jahre wurde Chalayan zweimal in Folge zum British Designer of the Year gekürt; er arbeitete für Marken wie TSE, Puma, Marks & Spencer, Asprey und Swarovski und designte für Lady Gaga. Neben der Mode produziert Chalayan auch Kurzfilme und hat zum Beispiel 2005 den türkischen Beitrag zur Biennale in Venedig gestaltet.

2014 holte die Universität für Angewandte Kunst Chalayan als Gastprofessor der Modeklasse nach Wien. Nach fünf Jahren legt er nun diese Schlüsselposition der Wiener Modewelt zurück. Im Abschiedsinterview mit dem „Schaufenster" zieht er Bilanz über seine Arbeit, seine Zeit in Wien und den Zustand der Modeindustrie.

 

Sie haben einmal betont, wie wichtig es ist, am Anfang seiner Karriere arm zu sein. Warum?
Als Student hatte ich nie Geld. Deswegen musste ich gute Lösungen finden. Hätten wir Geld gehabt, wären diese Lösungen nicht so aufregend gewesen. Heutzutage bezahlen viele Studierende andere, um ihre Arbeit zu machen. Ich finde, dass dadurch etwas in ihrer Kreativität verloren geht. Natürlich will ich, dass Studierende genug Geld zum Leben haben. Ich will Armut nicht cool machen! Aber ich glaube, dass man außergewöhnlichere Ideen hat, wenn einem wenige Ressourcen zu Verfügung stehen.

Die Londoner Modeszene der Neunziger war speziell. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Momente wie diese versteht man erst im Rückblick. Es gab eine gewisse Energie und Verbundenheit, aber wir waren keine klar definierte Bewegung, wie es das zuvor in der Vergangenheit gegeben hatte. McQueen und ich in der Mode, die Young British Artists wie Sarah Lucas, Tracy Emin und Gavin Turk oder der Tänzer Michael Clark – wir hatten jeder unsere eigene Blase, aber waren in den gleichen Magazinen vertreten.

Ihre Arbeit ist sehr konzeptbasiert. Was ist die treibende Kraft hinter Ihren Designs?
Ich will neue Ideen erforschen und die Mode mit Bereichen verbinden, die mit ihr noch nichts zu tun haben. Für mich kommt viel Inspiration aus Feldern wie An­­thropologie und Philosophie.

FASHION-BRITAIN-CHALAYAN
FASHION-BRITAIN-CHALAYAN
FASHION-BRITAIN-CHALAYAN – (c) APA/AFP/NIKLAS HALLE´N (NIKLAS HALLE´N)

Insbesondere sind Sie für Ihre Verwendung von Technologie – als Werkzeug, aber auch als Thema – bekannt. Welche Rolle kann sie in der Mode spielen?
In der Mode ist so viel schon gemacht worden. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man nur mithilfe von Technologie Neues realisieren kann, weil diese sich ständig weiterentwickelt. Wenn ich mit einem Programmierer oder einem Ingenieur arbeite, haben sie etwas in diese Richtung noch nie gemacht. So mache ich Elemente von Technologie zu einem Teil meiner Herangehensweise. Für mich ist es immer das Konzept, das die Methode bestimmt – nicht andersherum.

Wichtig ist Ihnen auch die Architektur. Wie bringen Sie diese ganz andere Arbeitsweise in die Mode?
Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich zuallererst das Wittgenstein-Haus besucht. Mich interessiert die Theorie hinter der Architektur viel mehr als ihre konkreten Resultate. Ich bin davon überzeugt, dass Mode und Architektur eng verbunden sind. Architekten arbeiten genauso wie Modedesigner für den Körper. In der Mode muss man genauso technisch sein wie in der Architektur. Kleidung muss funktionieren! Dafür muss man das Zusammenspiel von Bewegung und Form verstehen.

Sind subtilere Zugänge wie der Ihre in unserer hyperkommerzialisierten Zeit weniger sichtbar?
Wirklich originelle Gestaltung und Handwerk gibt es immer seltener. Viele Marken erreichen ihre Kunden nur noch über ihr Logo. Für mich ist das eine re­dun­dante Art, mit Design umzugehen. Sehr traurig eigentlich! Die Leute kaufen eine Marke, nur weil sie den Namen kennen, und nicht unbedingt, weil sie die Qualität zu schätzen wissen oder den Designethos verstehen. Aber auch das wird sich wieder ändern.

Die Modelandschaft sieht heute ganz anders aus als in Ihrer Anfangszeit. Was hat sich geändert?
Die größten Unterschiede sind das digitale Zeitalter, Social Media und der Celebrity-Kult. Dadurch gibt es viele Designer, die nur noch ein Name und ein Brand sind und andere Designer für sich arbeiten lassen. Die Menge an Daten, die uns zu Verfügung steht, ist unvergleichlich groß geworden. Dadurch entsteht zwar einerseits ein demokratischerer Zugang zu Information, andererseits beschäftigen wir uns nicht mehr so tiefgehend mit Dingen. Die junge Generation arbeitet, indem sie bestehende Informationen anordnet, anstatt Neues zu schaffen. Wir sind kuratorischer geworden.

Säulen des Modesystems wie der Kollektionszyklus oder die Geschlechtertrennung werden inzwischen hinterfragt. Wie geht es weiter mit der Industrie?
Genderless Fashion ist immens wichtig. Wenn etwas an einem Mann und einer Frau gut aussieht, kann man einfach beides haben! Und brauchen wir so viele Kollektionen pro Jahr? Nein, absolut nicht! Wenn man darüber nachdenkt, wie Leute sich wirklich anziehen, wäre es viel besser, übersaisonale Kleidung zu machen. Ich glaube an Slow Fashion, bei der man sich die Zeit nimmt, Ideen ordentlich zu entwickeln und zu perfektionieren.

Im Vergleich zu London, wo Sie wohnen, ist Wien keine Designdestination. Haben Sie es jemals bereut, die Professur hier angenommen zu haben?
Überhaupt nicht! Natürlich ist Wien keine große Metropole, aber es hat seine eigene, einzigartige Art. In Kunst und Design passiert viel, und es ist ein Tor zum Osten.

An der Angewandten traten Sie in die Fußstapfen von Lagerfeld, Westwood, Lang und Simons. Wie haben Sie sich im Vergleich positioniert?
Die Motivation, wechselnde Professoren zu haben, ist, dass jeder anders ist und seine eigene Herangehensweise hat. Ich habe keine Ahnung, wie Westwood unterrichtete, oder was Raf Simons den Studierenden erzählt hat. Es ging mir nur darum, was für mich richtig ist und was ich an die Studierenden weitergeben wollte.

Sie selbst haben in Central Saint Martins studiert. Wie haben Sie Ihre Erfahrungen als Student in Ihre Tätigkeit als Professor übersetzt?
In Saint Martins waren mir meine Mitstudenten sehr wichtig. Mit wem man studiert, ist tatsächlich wichtiger, als wer einen unterrichtet. Wenn wir die Studierenden für die Modeklasse auswählen, legen wir Wert darauf, dass sie sich stark unterscheiden und voneinander profitieren können. Außerdem ist die Angewandte, so wie Saint Martins, eine Kunsthochschule, die eben auch eine Modeabteilung hat. So kommt es zu interdisziplinären Verbindungen, die noch neuere Ideen erzeugen.

Show Angewandte 2019

OutlineBild (f8e838c0)Nach fünf Jahren verabschiedet sich der Mode(gast)professor Hussein Chalayan, die „Generation Chalayan" an der Angewandten zeigt am 6. Juni, was sie von ihm gelernt hat. Diese Show markiert auch in anderer Hinsicht einen Zeitenwechsel: Erstmals zeigt man die Kollektionen der Studierenden nicht in einer externen Location, sondern im 2018 neu bezogenen Universitätsgebäude mit größeren Räumlichkeiten. Spannend bleibt bis auf Weiteres, wer Chalayan als Leiter der Modeklasse nachfolgt. Bei Hearings stellten Glenn Martins (Y/Project), Lucie und Luke Meier (Jil Sander) und Nicolas Andreas Taralis ihre Konzepte vor. Bei Redaktionsschluss war der Name des neuen Professors noch nicht bekannt. (dk)

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