Axamer Lizum: Für ein Glas Milch und ein Butterbrot

Heute wandert man am einstigen Olympia-Schauplatz auf Gras, das über eine alte Geschichte gewachsen ist.

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Als Christl Haas 1964 in der Axamer Lizum Olympiasiegerin wurde, bekam sie dafür nur ein Butterbrot. Zwölf Jahre später holte Rosi Mittermeier ihr Abfahrtsgold ebenfalls in der Lizum. Und ihre Abspeisung? Auch nur ein Butterbrot – aus heutiger Sicht.

Wen wundert's da, dass auch jener Bauer, der anlässlich der Olympischen Spiele mit dem Verkauf der Axamer Lizum das Geschäft seines Lebens machte, seinen Erben nur als der schrullige Singer Gottl in Erinnerung ist, der sich von der Olympia-AG gewaltig über den Tisch ziehen ließ.

Butterbrote haben Tradition in der Axamer Lizum, dem Lieblingsort des jungen Singer Gottl. Er verbrachte dort drei Sommer als Senner, die schönste Zeit seines Lebens. Im vierten Sommer war er dann verheiratet und Bauer im Axamer Nachbardorf Götzens.

Gottls Vater war hier Bürgermeister und allmächtiger Dorfkaiser, als dessen Meisterstück es galt, dass er 1910 den drei Kilometer entfernten Axamern die schönste und größte Alm weit und breit abgeluchst hatte. Um ein Butterbrot, sagen die Leute.

Die Axamer Bauern waren so zerstritten, dass sie lieber an einen aus dem Nachbardorf verkauften, als sich untereinander zu einigen. Das war immer noch besser, als einem nachzugeben, mit dem man schon seit Jahrhunderten um Grenzsteine oder Wegerechte gestritten hatte. Doch auch der neue Eigentümer hätte die Alm seinem eigenen Sohn wohl nie übergeben, hätte er geahnt, dass der sie schon bald wieder versilbern würde. Nicht an die Götzner, und nicht an die Axamer. Sondern an die Olympier.

Anfang der Sechzigerjahre hatte man die Lizum für den Wintersport entdeckt, und schließlich hatte sie wegen ihrer legendären Schneesicherheit das Rennen gegen das Viggartal (südlich des Patscherkofels) gemacht. Obwohl dann ausgerechnet im Olympiajahr 1964 so verflucht wenig Schnee lag, dass das Bundesheer 40.000 Kubikmeter Schnee mühsam herankarren musste, um die alpinen Disziplinen überhaupt zu gewährleisten.


Verkauftes Paradies

Immerhin hat der junge Singer Gottl ein Vielfaches von dem kassiert, was sein Vater damals für die Alm bezahlt hat. Trotzdem viel zu billig. Er hat sich übertölpeln lassen, sagen die Leute heute. Ein Schilling für den Quadratmeter Olympia-Parkplatz, 30 Schilling pro Quadratmeter für die Olympia-Lifte, 60 für das Olympia-Hotel. Ein Witz, sagen die Leute. Der alte Singer hätte das besser gemacht. Der hätte die Zeichen der Zeit erkannt.

Aber der Gottl, der als dritter Sohn zum Viehhirten erzogen worden war und nur erbte, weil zwei Brüder im Ersten Weltkrieg gefallen waren, der eine ganze Woche für die Bauernzeitung brauchte und seinen Traktorführerschein erst im dritten Anlauf geschenkt bekam (nur unter der Bedingung, dass er nie auf der Straße, sondern nur auf dem eigenen Feld fahren würde), verstand eben nur von einem was. Vom Vieh. Davon freilich verstand er so viel, dass die anständigen Leute heute noch leuchtende Augen kriegen, wenn sie von seiner legendär sanften Hand beim „Kalben“ erzählen. Die Witze der weniger Anständigen bleiben freilich auch nicht aus bei einem, der selbst „nur Töchter“ zeugte.


Die Höhl'

Wirtschaftlichen Weitblick hatte er jedenfalls keinen. Nie hätte er geahnt, dass da, wo bis zur verheerenden Lawine im Winter 50/51 die alte Almhütte stand, das Ziel einer Olympia-Abfahrt sein würde. Oder dass es in der Hütte einmal nicht nur Milch und Butterbrot, sondern auch Bier und Berner Würstel geben könnte. Und schon gar nicht hätte er sich träumen lassen, dass man eines Tages nicht mehr zu Fuß von Innsbruck über „die Höhl“ heraufgeht.

Heute beginnt man die Wanderungen am besten mit einer Postautofahrt. So kommt man gemütlich von Innsbruck in die Lizum, dann geht's mit der Standseilbahn auf das Hoadl (2340 m), von wo man bis zur Adolf Pichler Hütte und weiter auf die Kemater Alm und hinaus nach Grinzens wandert.

Vielleicht steigt man, etwas anstrengender, vom Hoadl auf die Schlicker Seespitz (2804 m) und auf der anderen Seite zur Schlicker Alm hinab, um dann weiter nach Fulpmes zu gehen, wo man mit dem Stubaital-Bahnl auf romantischem Weg wieder zurück nach Innsbruck fährt. Oder man macht die Überschreitung: am Widdersberg direkt unter den Kalkkögeln über den Hochtennboden, den Ampferstein, das „Halsl“ bis zum Birgitz-Köpfl. Oder umgekehrt.


Höllenmaschine

Der Singer Gottl hat sich die neue Standseilbahn (erbaut anlässlich des zweiten Olympia-Winters 1976, als er längst selbst zum „alten Singer“ geworden war) zwar zeigen lassen, damit fahren wollte er jedoch nicht. Er misstraute der Höllenmaschine. Genau wie dem Traktor. Wie dem Autofahren. Wie dem Zugfahren. Wie dem Skifahren. Wie dem Bergsteigen. Er hatte nie das Bedürfnis, etwas „einfach so“ zu machen.

„Freizeit“ war ein Wort, das in seinem Sprachschatz nicht vorkam. Deshalb waren ihm auch die deutschen Touristen, die ihm seine Töchter ins Haus brachten, ungefähr so vertraut wie Klingonen. Er verstand sie nicht einmal. Was auf Gegenseitigkeit beruhte.

Der Gottl hatte sich trotz Fernseher, wo er täglich „Zeit im Bild“ und sonst nichts schaute, keine neuen Wörter einreden lassen. Mit unnötigem Wissen wie den Namen seiner Enkelkinder belastete er sein Gehirn grundsätzlich nicht. Schon gar nicht, wenn es sich um ein Mädchen handelte, wie in meinem Fall. Die Namen der Kühe entfielen ihm dafür nie.

Doch das war dann schon viele Jahre nach dem Verkauf der Alm. In einer Zeit, die nicht mehr die seine war. Weil ein Bauer nichts mehr galt. Und eine Landwirtschaft nichts mehr einbrachte. Doch ganz so schlecht kann der Gottl damals beim Verkauf der Alm nicht verhandelt haben. Immerhin waren seine Töchter jetzt in der Lage, mit der Pacht für die Ski-Abfahrt seine Kühe zu subventionieren, um ihm die Schließung der Landwirtschaft möglichst lange zu ersparen.

Irgendwann wurde die künstliche Erhaltung eines aus der Zeit gefallenen Bauernhofes aber doch zu teuer. Und als es den Töchtern reichte und sie die Kühe verkauften, also nicht nur die Butterblume und die Flecki, sondern sogar die Rekordmilchkuh Rosi (nicht getauft nach der Olymiasiegerin Mittermeier), blieb auch der Gottl nicht mehr lange.

In seinem Leben hatte sich einfach zu viel geändert. Seine tiefsten Überzeugungen hingegen dürften sich ungefähr so weit bewegt haben wie die Nordkette: Ein Auto ist schlechter als ein Pferd. Ein Skigebiet ist schlechter als eine Alm. Eine Tochter ist schlechter als ein Sohn. Über einem Bauern kommt nur der Herrgott. Und das beste Leben ist das eines Senners in der Axamer Lizum.

HÖHER. Weiter.

Bergtouren „Überschreitung“ – an den Westhängen der Kalkkögel
(Hoadl–Birgitzköpfel), 3 St.
„Seejöchl“ an den Südhängen
der Kalkkögel (Hoadl–Neustift im Stubaital), 6 St.
Klettersteige
Mittel: Lustiger Bergler-Steig, ca. 3 St.
Schwer: Große Ochsenwand-Überschreitung, ca. 7 St.
Bergbahnen
Standseilbahn Hoadl, Sessellift Birgitzköpfl
Karten
Vom Alpenverein,
Kompass Verlag sowie Freytag & Berndt, jeweils mit dem Titel „Innsbruck und Umgebung“
Innsbruck Tourismus

www.innsbruck-tourismus.at
T 0512/59 850
Tirol Info:
www.tirol.at
T 0512/7272-0

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2007)

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