Amanshausers Album 110: Pacific Island Forum

Zur Zeit findet das Pacific Island Forum auf Tuvalu statt. Die Inseln im Südpazifik kämpfen mittelfristig ums Überleben und wenden sich inzwischen direkt an Verursacher wie Australien.

Im Inselstaaat Tuvalu liegt der höchste Punkt fünf Meter über dem Meeresspiegel.
Im Inselstaaat Tuvalu liegt der höchste Punkt fünf Meter über dem Meeresspiegel.
Im Inselstaaat Tuvalu liegt der höchste Punkt fünf Meter über dem Meeresspiegel. – (c) Getty Images for Lumix (Fiona Goodall)

Diese Woche kommen 15 Staatschefs in der kleinen Hauptstadt Funafuti in Tuvalu zum „Pacific Island Forum“ zusammen. Auf dem Flughafen wurden sie von Kindern begrüßt, die in einem Graben rund um eine künstliche Insel saßen, halb unter Wasser, und skandierten: „Rettet Tuvalu, rettet die Welt!“ 600 Besucherinnen und Besucher werden Funafati bevölkern, drei Viertel der Unterkünfte mussten eigens errichtet werden.

Anfang 2019 war ich selbst im Südpazifik. Ich interessierte mich für jene Inseln, die laut den meisten Berechnungen in einem Jahrhundert großteils unter dem Meeresspiegel liegen werden. Der Inselstaaat Tuvalu (10.000 Einwohner, höchster Punkt fünf Meter über dem Meeresspiegel) zeichnet sich vor allem durch ein halbes Dutzend Atolle aus, ringförmige Korallenriffe, deren Landfläche meist deutlich kleiner als die eingeschlossene Lagune ist. Ich wollte damals nach Funafuti, Tuvalu, saß auf Fiji und sah die Flüge durch. Als ich merkte, es gab nur einmal wöchentlich einen extrem teuren Flug, nahm ich von dem Projekt Abstand und begriff, wieso Tuvalu zu den Nationen mit den wenigsten Touristen weltweit gehört.

Steigender Meeresspiegel bedroht die Inseln

Trotzdem ließ mich Tuvalu nicht los. Ich las viel darüber, die Headlines und Filmtitel heißen alle ungefähr „Der Untergang von Tuvalu“, „Insel unter Tag“, „Trouble in Paradise”. Der steigende Meeresspiegel bedroht zunächst nicht die Inseln selbst, zuerst vernichtet er sukzessive die Süßwasserreservoirs und macht Tuvalu von außen noch abhängiger als ohnehin schon, ohne Süßwasser muss man Entsalzungsanlagen bauen. Der ganze Südpazifik kämpft mit diesem Problem. Es ist auch eines der großen Themen des Gipfels von Staaten, in denen Umweltminister längst an den wichtigsten politischen Schaltstellen sitzen – unsere Zukunft.

Aufgrund von permanenter Überschwemmung mussten schon mehrere Ansiedlungen auf Tuvalu aufgegeben werden, noch ist ausreichend Platz. Trotzdem und auch deshalb blickt die Commonwealth-Monarchie, zu deren Hauptexportschlager Briefmarken gehörten, mit angemessener Bangigkeit in die Zukunft. Lange wurden Gespräche mit Australien und Neuseeland – den lokalen Hauptverursachern des Meeresspiegelanstiegs – über eine Umsiedlung des gesamten Volks auf das Festland geführt. Doch „the major polluting nations“ zeigten keinen ausgeprägten politischen Willen, die Idee umzusetzen. Sie förderten eher das Projekt, die Bevölkerung auf Kioa (gehört zu Fiji) umzusiedeln, eine Insel, die 1940 von Tuvaluer Siedlern gekauft wurde, die dem Bevölkerungsüberschuss von Vaitupu (größtes Atoll des Landes) entkommen wollten.

Umsiedelung als Lösung?

Es dauerte 65 Jahre, bis diese Tuvaluer als Fijianer anerkannt wurden. Die Idee hinter den Umsiedlungen besteht darin, Tuvaluer Kultur zu bewahren und die Bevölkerung nicht über die Erde zu zerstreuen, wie das derzeit der Fall ist: 4000 Staatsbürger leben etwa in Neuseeland. Doch da erheben sich auch Gegenstimmen. Einerseits ist abzusehen, wie begeistert die wenigen hundert Kioaer Tuvaluer über die Aussicht sind, an die 10.000 Menschen aufzunehmen – andererseits gibt es ernst zu nehmende Strömungen, die Umsiedlungsprojekte per se ablehnen, weil sie „self defeating“ seien.

Australien war in den ersten Gipfeltagen der steinerne Gast – Premierminister Scott Morisson wurde erst zum Hauptevent erwartet. Er gab im Vorfeld, um die Wogen zu glätten, eine 500-Millionen-Dollar-Unterstützung für klimafreundliche Projekte im Pazifik für die nächsten fünf Jahre bekannt. Die pazifischen Staatschefs nicken dazu skeptisch. Enele Sopoaga, Premierminister Tuvalus, merkte an: „Egal, wieviel Geld Sie jetzt auf den Tisch legen, es soll keine Ausrede für Sie werden, Ihre Emissionen nicht zu verringern – und dazu gehört, dass Sie die Kohleförderung drosseln. Das ist, was wir sehen wollen! Wir können nicht über Partnerschaften auf Augenhöhe diskutieren, solange unser Freund Australien die Kohlemissionen in die Luft pulvert, die mein Volk tötet oder im Wasser ertrinken lässt.“ Der resolute Sopoaga steht gemeinsam mit Frank Baninimarama von Fiji und Hilda Heine, Präsidentin der Marschallinseln und erste Frau an der Spitze eines südpazifischen Staats, für diese Aktivistengruppe lokaler Staatschefs, die neue, weltweite Klimagesetze fordern.

NEU: Martin Amanshauser, Es ist unangenehm im Sonnensystem, Kremayr & Scheriau 2019.

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