Tiflis: Eine Stadt im Umbruch

Die georgische Hauptstadt mäandert zwischen Verfall und Aufbruch. Über morsche Holzveranden, Clubkultur und Avantgardeweine.

(c) Anna Burghardt

Der Taxifahrer reißt die rechte Hand vom Lenkrad und bekreuzigt sich hektisch. Ein paar hundert Meter weiter erneut. Und gleich darauf noch einmal. Beim ersten Kreuzzeichen werfen sich die dicht ins Auto geschlichteten Fahrgäste bange Blicke zu, scannen blitzartig die nicht eben wohlgeordnete Verkehrslage durch die Hinterscheiben. Was um Himmels willen kommt denn auf sie zu? Beim dritten Kreuzzeichen die beruhigende Erleuchtung: Das Taxi passiert eine Kirche. Soweit die erste Verkehrs- (und Gottesfurcht-)erkenntnis. Die zweite Verkehrserkenntnis: Die georgische Hauptstadt geht nicht als Luftkurort durch. Das hat nicht zuletzt mit den vielen anderswo längst abgelaufenen Autos zu tun, die in Tiflis noch auf die Straße gelassen werden; viele davon aus Japan herangekarrt – deshalb die verblüffend große Zahl an Rechtslenkern. Man saugt das eklektizistische, zwischen westlichen und östlichen Baustilen mäandernde Flair dieser Stadt besser nicht zu wortwörtlich ein.

Abenteuer Autofahrt. Der Abgasdauergestank ist nicht ohne, das ändert sich auch nicht, als der Himmel am Tag darauf seine dicke diesige Decke abwirft und in nacktem Blitzblau auf persische Kuppelbäder, Art-nouveau-Wohnhäuser und stählern-gläserne Fortschrittsglaubensbekenntnisse herabstrahlt. Die dritte, vierte und fünfte Erkenntnis im Tifliser Verkehr: Der eine Taxifahrer kann den im Hotel bekritzelten Zettel mit den georgischen Schriftzeichen nicht entziffern (dass der junge Rezeptionist seinerseits nicht richtig schreiben kann, wäre theoretisch möglich, ist aber angesichts seines makellosen Englisch unwahrscheinlich). Der nächste Fahrer steigt so schwerfällig aus dem Wagen, dass man ihn als sturzbetrunken einstuft und dankend abwinkt, wieder ein anderer fährt aufs Geratewohl eine Runde und setzt die Fahrgäste ungehalten fuchtelnd bald wieder ab; er kennt das Ziel doch nicht. Tiflis im Auto zu durchqueren ist nervenaufreibend, vor allem im rotlichtigen Abendstau.

Man braucht aber, wenn man halbwegs gut zu Fuß ist und sich irgendwo in der rumpelig gepflasterten Altstadt zwischen dem Fluss Kura und dem Festungsberg Nariqala einquartiert hat, zum Glück nicht oft ein Verkehrsmittel. Eher abends, wenn man nach einem kilometerreichen Tag zwischen morschen pastelligen Jugendstilveranden, düster-goldenen orthodoxen Kircheninnenräumen und Prachtboulevard-Abgasen ein bestimmtes Restaurant ansteuert. In der Hoffnung, Lunge und Magen zur Erholung reichlich mit atembarer Innenraumluft, mit warmen Käsefladen, Frucht-Fleisch und amphorenrauen Weinen zu betanken.

Wohnzimmerlokale. Frucht und Fleisch – das ist eine süchtig machende Kombination, die die georgische Küche entscheidend prägt. Im Bina N37, einem höchst ungewöhnlich, nämlich im achten Stock eines schmucklosen Wohnblocks gelegenen Restaurant, werden kleine panierte Fische mit Kornelkirschensauce serviert, Huhn mit Granatapfelkernen und ein Eintopf namens Tschakapuli aus Lamm, grünen Ringlotten und Estragon. Besitzer Zurab Natroshvili, dank Pharmabranchengeld Verwirklicher seines Gastronomentraums, hat auf der weitläufigen Panorama-Dachterrasse Amphoren für die eigenen Weine einbetonieren lassen; der Hauswein – etwas anderes als ein Liter Rot und ein Liter Orange, maischevergorener Weißwein, steht hier nicht zur Wahl – ist wirklich einer. Ein Wohnblockwein, ein Achter-Stock-Wein. Die Trauben reisen tatsächlich per Aufzug an.

Auch das Pur Pur in der Altstadt zählt zu den echten Tifliser Wohnzimmerlokalen – einige andere Restaurants, wie das traditionell-kreative Barbarestan, sind hingegen nur wie ein Wohnzimmer eingerichtet. Zu finden ist es im ersten Stock eines klassischen gelben Altbaus, an dessen stolzgeschwellt abblätternder Brust schmiedeeiserne Balkone prangen. Hinweise, dass sich hier oben ein Lokal befindet, geben eine im Wind wehende Fahne vor dem Fenster und eine Grobspanplatte mit pinkem Aufdruck, die auf dem Gehsteig neben einem durchgesessenen Sperrmüll-Samtfauteuil und einem Schuttcontainer platziert ist. Die Adresse: Lado-Gudiaschwili-Platz. Der Maler Gudiaschwili traf in der Pariser Künstlerkolonie La Ruche in den 1920er-Jahren unter anderem auf die Zeitgenossen Pablo Picasso und Fernand Léger. Nur ein Beispiel für die Verflechtung des reichen Tifliser Kulturlebens Anfang des vorigen Jahrhunderts mit dem viel geliebten Paris, wie zum Beispiel im epochalen, üppigen Roman „Das achte Leben (Für Brilka)" von Nino Haratischwili nachspürbar ist. Das Viertel um den Lado-Gudiaschwili-Platz ist eine jener Zonen der Altstadt, in denen Investoren derzeit den historischen Baubestand heftig revitalisieren. Wo genau investiert wird, unterliegt offenbar auch hier einer Strategie, die mit touristisch frequentierten Routen zu tun hat.

Einsturzgefährdet. In manchen Straßenzügen werden die typischen, oft bunten Holzschnörkelfassaden aufwendig restauriert, etwa im Fußgängerbereich rund um das Gabriadze-Marionetten-Theater oder in den Gassen an der Legwtachewi-Schlucht samt Wasserfall. Schon eine Ecke weiter aber gibt die Stadt ähnliche Häuser dem Verfall preis. Opulent geschnitzte Veranden klammern sich in quälender Schieflage gerade noch an Hinterhofmauern, eine einsturzgefährdete, von Feigenblättern halb überwucherte Kirche in einer winzigen Gasse ist mit Ketten abgesperrt, Fassadenelemente von Jugendstilhäusern oder persisch beeinflussten Bauten bröckeln herab. Die Tifliser bewohnen die Häuser und Höfe ihrer Stadt zusätzlich mit einer gewissen Wurschtigkeit. Die einstige Pracht hängt man mit Putzfetzen und Teppichen voll, Veranden sind mit ausrangierten Bugholzschaukelstühlen und Kinderwägen zugegestopft. Ein Glück, dass fast überall auch Wein wächst; bisweilen sieht es so aus, als halten nur seine hellgrün wuchernden dünnen Arme die Bausubstanz zusammen.

Vor lauter Stirnrunzeln könnte man glatt vergessen, dass es in Tiflis auch Aufbruch gibt, dass die Stadt derzeit nicht nur wegen ihrer pittoresken Morschheit, sondern auch wegen ihrer Clubkultur ein gehyptes Reiseziel ist. Das junge, graffitibunte Kulturzentrum Fabrika auf der rechten Flussseite etwa ist das, was man früher Mehrzweckhalle genannt hätte: Ausstellungen, Konzerte, eine Bar, ein Hostel. Zahlreiche Cafés servieren neben den allgegenwärtigen Käsefladen Katschapuri auch „Third Wave Coffee" und hausgemachte Estragonlimonade, georgische Modemacher füllen Boutiquen. Das Interieur der Hotels Rooms und Stamba, letzteres in einem einstigen Sowjet-Verlagshaus beheimatet, sind State of the Art. Nicht zuletzt ein Anziehungspunkt von internationalem Rang: der Nachtclub Bassiani, gern mit dem Berliner Berghain verglichen. Das Bassiani ist Synonym für eine ebenso queerfreundliche wie korruptions- und regierungskritische junge Szene; die schwer bewaffnet durchgeführten Razzien im Vorjahr führten zu Protesten vor dem Parlament und zu internationalen Solidaritätsveranstaltungen. Und der georgische Wein: Seit die hiesigen Amphorenweine in New Yorker Restaurants serviert werden, ist Tiflis ein Zentrum der Naturweinszene, mit Lokalen wie g.Vino oder Vino Underground. Wer zu viel erwischt, halte nach der Katersuppe Tschikhirtma Ausschau.

Info

Anreise: Wien–Tbilisi nonstop: Austrian oder Georgian Airways.

Unterkunft: Rooms und Stamba sind die wohl schicksten Hotels der Stadt, ebenfalls empfehlenswert ist das hübsche Boutiquehotel No12 in der Altstadt.

Essen: Im Barbarestan variiert man vergessene Rezepte. Das Bina N37 liegt im 8. Stock eines Wohnblocks, auf der Terrasse sind Weinamphoren einbetoniert. Im Café Littera im prachtvollen Literaturhaus kocht Tekuna Gachechiladze neogeorgisch (im April ist sie Gastköchin in der „Russenvilla" in Traun­kirchen – wirtshausfestival.at).

Wein trinken: Vino Underground, Amber Bar, g.Vino.

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