Brüssels Architekturerzählungen über Form und Licht

Einige der schönsten Gebäude der belgischen Hauptstadt sind nicht öffentlich zugänglich, doch im Rahmen des Brussels Art Nouveau and Art Deco Festival darf man kurz einen Blick hineinwerfen.

Im März öffnen Brüsseler Baulegenden kurz die Türen für architekturbegeisterte Besucher, viele tragen die Handschrift Victor Hortas: geführte Touren zu Objekten wie Hôtel Solvay, Maison Saint-Cyr, Kulturzentrum Bozar oder Hôtel van Eetvelde.
Im März öffnen Brüsseler Baulegenden kurz die Türen für architekturbegeisterte Besucher, viele tragen die Handschrift Victor Hortas: geführte Touren zu Objekten wie Hôtel Solvay, Maison Saint-Cyr, Kulturzentrum Bozar oder Hôtel van Eetvelde.
Im März öffnen Brüsseler Baulegenden kurz die Türen für architekturbegeisterte Besucher, viele tragen die Handschrift Victor Hortas: geführte Touren zu Objekten wie Hôtel Solvay, Maison Saint-Cyr, Kulturzentrum Bozar oder Hôtel van Eetvelde. – Sophie Voituron

Bruxelles est une ville étrangement decousue“, sagen die Belgier, und ja, seltsam auseinandergetrennt und zusammengestrickt ist diese zwischen Wallonen und Flamen in zwei Sprachwelten aufgeteilte EU-Hauptstadt in der Tat: international und dörflich gleichermaßen, voller Stilbrüche, berühmt für seine Biere und Moules et frites, für Schokolade, für den Manneken Pis, das Atomium – und für seine Jugendstilvillen mit ihren kühnen Fassaden aus Glas und Stahl, kunstvollen Rankenwerken aus Eisen, den Kuppeln und Erkern und, wie Brüssels berühmtester Jugendstilarchitekt, Victor Horta, postulierte, so langsam zu erschließen wie die Handlung eines Romans.

Es waren Baukünstler wie er, der 1932 wegen seiner Verdienste geadelte Schusterssohn aus Gent, der in Mexiko geborene Michel Polak oder die aus einer Architektenfamilie stammenden Brüder Fernand und Gaston Brunfaut, die, einander befruchtend, zwischen dem Ende des 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts das Stadtbild nachhaltig veränderten. Sie passten schmalgliedrige Gebäude in dicht verbaute Straßenzüge, gestalteten kunstvoll ornamentierte Stadtpalais, Kaffeehäuser, Bahnhöfe, Geschäfte, Museen. Von den mehr als 1000 Bauwerken überstand nur etwa die Hälfte die beiden Weltkriege und den Bauboom der 1950er- und 1960er-Jahre. Viele vergammelten, wurden schlampig restauriert. Oder gleich abgerissen, weil man ihre Einzigartigkeit nicht zu schätzen wusste, so wie 1965 das Maison du Peuple, für dessen Fassade Horta erstmals ausschließlich Glas und Stahl verwendet hatte. Heute sind viele Jugendstilhäuser denkmalgeschützt, vier (das Horta-Museum im Atelier-/Wohnhaus des Architekten und die Hôtels Solvay, van Eetvelde und Tassel) Unesco-Weltkulturerbe. Mit dem Auftragswerk für seinen Freund, den Geometrieprofessor Émile Tassel, wurde der damals 32-jährige Horta 1893 schlagartig berühmt. Tassel, wie Horta Freimaurer, hatte sich für sein Haus den Grundriss eines ägyptischen Heiligtums gewünscht.

Anders als etwa das Maison Autrique im multikulturellen Schaerbeek, das Horta für seinen Freimaurer-Bruder Eugène Autrique errichtete und das heute ein Museum ist, oder auch anders als die Villa Empain, Polaks Meistersymphonie aus Glas und Stahl, tropischen Hölzern, afrikanischem Marmor sowie neun Kilo Gold allein für die Fassade, die 2006 in desaströsem Zustand von der Boghossian Foundation erworben, renoviert und in ein internationales Kunst- und Kulturzentrum verwandelt wurde, sind viele Art-déco-Häuser private Wohndomizile. Im Rahmen des Brussels Art Nouveau and Art Deco Festival (Banad) dürfen sie nun an drei Wochenenden im März bei geführten Stadttouren betreten werden.

Diskretion ist gefragt

Wer diese architektonischen Erzählungen über Form und Material, über Ornament und Raum, über Experiment und Licht, über Funktionalität und Ästhetik, über Farbe und Technologie erschließen will, muss sich zunächst, wie Forensiker bei einer Tatortbegehung, Plastik über die Schuhe stülpen. Fotografieren ist in den Privaträumen unerwünscht, Fragen nach den Kosten für Kauf und Restaurierung ebenso, Michel Gilbert ist da keine Ausnahme. Der Immobilienmagnat ist ein überzeugter Horta-Anhänger. In seinen besten Zeiten besaß er sogar vier Horta-Häuser, heute nur mehr eins. Das luxuriöse Hôtel Hallet an der Avenue Louise mit 1000 m? Wohnfläche, das Horta 1903 für den Rechtsanwalt Max Hallet entworfen hatte. Geld spielte keine Rolle, der Lieblingsarchitekt der Reichen verwendete die edelsten Materialien, fürs Dekor im Stiegenhaus engagierte er den Pointillisten Théo van Rysselberghe.

Oben eine Staffelei, Schemel, Zeichenblätter: ein kleines Malreich im schönsten Horta-Licht. „Jeder, der hier hereinkommt, ist verzaubert“, sagt Gilbert, „auch ich bewundere dieses Haus jeden Tag.“ Zum Abschied lässt sich der Hausherr doch entlocken, dass die öffentliche Hand 40 Prozent der Restaurierungskosten übernimmt, weil das Hôtel Hallet unter Denkmalschutz steht. Das Haus des Architekten Gaston Brunfaut im Stadtteil Uccle, das Alain Branchey mit seinem Lebensgefährten bewohnt, tut das nicht. Weshalb der Finanzmanager die Instandsetzung und behutsame Restaurierung des eleganten wie extravaganten Ziegelbaus, dessen Anordnung der Fenster an ein Mondrian-Gemälde erinnert, aus eigener Tasche berappte. Wie viel? Branchey lächelt. „Viel. Ich habe mich vor zwei Jahren heillos in diese perfekten Raumproportionen verliebt.“ Im Wintergarten ist es etwas frostig. Vielleicht muss ja, wer so viel Geld in die Restaurierung steckt, zumindest bei der Heizung sparen.

BRÜSSEL VON INNEN

Info: www.visitflanders.com

Besuchen: Im Rahmen der Banad finden am 16., 17., 23., 24., 30. und 31. 3. Führungen durch Jugendstil- und Art-déco-Gebäude statt, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind. Buchung vor Antritt notwendig. www.banad.brussels.fr

Bozar: Kulturzentrum, von Victor Horta, www.bozar.be, www.victorbozarcafe.be.

Villa Empain: Bau von Michel Polak, Ausstellungen, www.villaempain.com.

Horta-Museum: im Wohn- u. Atelierhaus Victor Hortas, www.hortamuseum.be.

Maison Autrique: Horta-Memorabilia und Ausstellungen, www.autrique.be.

Compliance: Die Reise fand auf Einladung von Visitflanders statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2019)

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