Wellness im heiligen Hinterland von Murcia

Scherben, Splitter, Dornen: Nur Pilger nach Caravaca de la Cruz wissen die sakralen Bruchstücke im Hinterland von Murcia zu schätzen. Zumal im Heiligen Jahr 2017. Dabei lieβe sich die religiöse Spurensuche auch ganz weltlich mit Wellness verbinden.

Caravaca de la Cruz hat einen besonderen Stellenwert für Pilger durch Spanien, vor allem in einem alle sieben Jahre ausgerufenen Heiligen Jahr.
Caravaca de la Cruz hat einen besonderen Stellenwert für Pilger durch Spanien, vor allem in einem alle sieben Jahre ausgerufenen Heiligen Jahr.
Caravaca de la Cruz hat einen besonderen Stellenwert für Pilger durch Spanien, vor allem in einem alle sieben Jahre ausgerufenen Heiligen Jahr. – Imago

Sechshundert Jahre lang war Gras über die Synagoge gewachsen. Dann fand die heilige Ruhe ein profanes Ende: Im Jahr 2003 schaufelten Bagger, die Erdreich für ein neues Hotel am Burgberg von Lorca aushoben, zufällig den Tempel frei. Seither sind der Parador für Touristen und das Paradies für Archäologen eine ungewöhnliche, leicht dekadente Symbiose von Historie, Heiligtum und Hedonismus eingegangen – der Spa liegt auf der Synagoge, der Hotelgast aalt sich zwischen arabischen, jüdischen und christlichen Überresten.

Das mittelalterliche castillo von Lorca, einem spanischen Städtchen unweit der Costa Cálida, war einst bedeutender Grenzposten der reconquista und ist bis heute ein Wahrzeichen der Region Murcía. Nur die judería war nach der Vertreibung ihrer Bewohner 1492 simpel vergessen worden. Mehr als 2600 Scherben von insgesamt 52 Lampen wurden hier gefunden – und bruchstückhaft wieder zusammengesetzt (zu sehen im Archäologischen Museum von Lorca). „Diese Sammlung ist weltweit einzigartig“, ist der Archäologe Enrique Pérez Richard stolz. Die Ausgrabungen sind noch lange nicht beendet. Rund um den Tempel „haben etwa 50 jüdische Familien gelebt und wir haben erst 18 Häuser ausgegraben“, sagt Pérez. Nach und nach werden die freigelegten Stätten für Besucher zugänglich gemacht.

Castillo von Lorca
Castillo von Lorca
Castillo von Lorca – Imago

Kein Autofahrer, der die Küste am Weg von oder nach Andalusien entlangfährt, kann die Burg übersehen. Doch wenige halten, noch weniger wagen sich weiter ins Landesinnere vor. Das sind zumeist Pilger am Weg zum Wahren Kreuz. Ihr Ziel ist Caravaca de la Cruz: Es liegt in der tiefen Einschicht, erreicht trotz reger Bautätigkeit noch immer nicht 27.000 Einwohner, und das beste Haus am Platz bringt es gerade einmal auf drei Sterne. Trotzdem darf sich das Städtchen in einem Atemzug mit Rom nennen – und das nicht nur, weil hier wie dort der Sommer durchschnittliche Tagestemperaturen von 31 Grad beschert. Im Schatten, so einer vorhanden ist.

Die mittelalterliche Kleinstadt gehört – neben Rom, Jerusalem, Santiago de Compostela und dem kantabrischen Santo Toribio de Liébana – zu den nur fünf katholischen Wallfahrtsorten, die ein Heiliges Jahr ausrufen dürfen. Erst Ende des 20. Jahrhunderts erhielt Murcias Pilgerstätte das päpstliche Privileg, alle sieben Jahre dieses año jubilar zu begehen, das nächste mal 2024. Zum Wallfahrtsort wurde der gepflegte Ort mit den typisch engen Altstadtgassen rund um die Plaza Mayor aber schon vor 800 Jahren. Der Legende nach schwebten zwei Engel mit einem Holzsplitter vom Kreuze Jesu in die damals maurische Festung – was den muslimischen Herrscher so beeindruckte, dass er sich prompt bekehren ließ. Wahrscheinlicher war es aber 1231 der Bischof von Jerusalem, der die in ein doppelarmiges Brustkreuz eingearbeitete Reliquie nach Caravaca brachte. 700 Jahre später, 1934, wurde der Holzsplitter gestohlen – Gott sei Dank: Papst Pius XII. schickte einige Jahre später Nachschub vom Jesus-Kreuz des Vatikans.

Am Platz vor der in rosa und hellblauem Marmor gehaltenen Barockfassade der Basilika, erbaut auf den Überresten der maurischen Festung, feiern Pilger das Heilige Jahr und die Feldmesse unter Sonnenschirmen, Ambulanzen und Polizei stehen bereit und der unvermeidliche Touristen-Zug führt Marode die paar hundert Meter von der Plaza Mayor hinauf. Doch all das in entspannt dörflichen Ausmaßen – vom Messen-Massen-Rummel à la Santiago de Compostela ist gar nichts zu spüren. Viele Wege führen hierher zum Wahren Kreuz, Descubre tu Camino – Finde deinen Weg – ist denn auch das Motto des Jubiläumsjahrs. Überlaufen ist keiner: Für ausdauernde Pilger zweigt er in Nordspanien bei Roncesvalles vom klassischen Jakobsweg ab und führt dann 900 Kilometer in den Süden. Für Wanderer unter mehr Zeitdruck gibt es verschiedene Routen durch die Region Murcia. Bequem Reisende machen sich von Lorca aus im Auto auf den Weg.

Monasterio de la Encarnación
Monasterio de la Encarnación
Monasterio de la Encarnación – Imago

Rund 100 Kilometer sind es auf der besser ausgebauten Verbindung von Lorca nach Caravaca de la Cruz, von den Orten dazwischen haben auch die meisten Spanier noch nichts gehört – Alhama, Mula, Bullas oder Cehegín. Die Region ist ein Stück Spanien für Liebhaber, es ist, wie es Cees Nooteboom in seinem „Umweg nach Santiago“ beschreibt: „Wer viel durch Spanien gereist ist, ist daran gewöhnt und hofft darauf: mitten im Nichts eine Enklave, eine Oase, ein von Mauern umschlossener, festungsartiger, nach innen gekehrter Ort, an dem die Stille und die Abwesenheit anderer den Seelen schwer zusetzen.“

Siesta-Zeit in Mula, zum Beispiel. Eine mächtige Burg überragt den Ort, die Nachmittagssonne hält Eindringlinge besser ab als alle Kanonen. Der Ort darunter hat, um es vorsichtig zu formulieren, Potenzial. Doch zwischen den abblätternden Häusern der Altstadt erhebt sich das Kloster Monasterio de la Encarnación. Zur Feier des Heiligen Jahres nebenan stellt es in aller Ruhe seine Dorne aus der Krone Jesu aus. Oder das Dorf Alhama: ein Castillo aus dem 11./12. Jahrhundert, eine Kirche barocken Ursprungs und ein Marktplatz aus dem Jahr 1928. Die bocadillos con tomate y jamón in der unansehnlichen Bar gleich neben dem Eingang verleiten nicht nur Pilger, die knapp bei Kasse sind, zur Einkehr. Den Wein dazu liefert Bullas. Dabei gilt wie für die gesamte Region, es ist nicht das Glänzendste, das Spanien zu bieten hat, aber es hat einen Charakter, der sich nicht am Massentourismus, sondern an der Tradition orientiert. Das muss nicht immer so gut schmecken wie das Schinken-Baguette, ist nicht immer so adrett wie Caravaca de la Cruz, macht aber Spaß.

Der Vorposten Lorca mit seinem lebhaften Zentrum unten, mit einigen Hotels und den paar Boutiquen ist da im Vergleich beinahe große Welt. Beinahe. Oben gleitet der Blick über jahrhundertealte Gelassenheit: die gut erhaltene Burg, die jüdische Siedlung, die ehemalige Stadtmauer der Almohaden, der Parador, ein Stück weiter eine christliche Ermitage. Sie ist am Verfallen. Nach einer Renovierung hätte sie 2011 wieder eröffnet werden sollen. Das große Erdbeben im selben Jahr beschädigte das Gebäude schwer, das Geld für die neuerliche Renovierung fehlt. Wie erwähnt, Blenden tut Spanien woanders. Aber Hoffnung bleibt: Vielleicht wird die Kapelle ja in ein paar hundert Jahren wieder ausgegraben.

Murcia

Fiestas in Lorca: Die Osterfeierlichkeiten gehören zu den schönsten Spaniens. Besonders bekannt sind sie für ihre Wagenrennen und die kostbaren Stickereiarbeiten der Kostüme.

Caravaca de la Cruz: Von 1. Bis 5. Mai finden jedes Jahr die groβen Fiestas zu Ehren des Wahren Kreuzes statt, mit den caballos de vino (geschmückte Pferde) und den Moros-y-Cristianos-Umzügen.

Unterkunft und Wellness: Lorca bietet ein paar wenige gute Hotels. In Caravaca de la Cruz gibt es vor allem Herbergen sowie ein Altstadt-Boutique-Hotel. In der ganzen Region gibt es ländliche Casas Rurales, die Häuser oder Wohnungen vermieten. www.parador.es/es/paradores/parador-de-lorca, www.hoteljardinesdelorca.com

Nicht allzu weit entfernt liegt der spanische Thermenort Archena oder die Küstenorte wie San Pedro del Pinatar oder Cartagena mit Wellness- und Thermen-Hotels. Dieser Tourismus ist aber nicht so gut ausgebaut wie in Österreich, erwarten Sie hier nette Hotels, aber keine vergleichbaren Thermenlandschaften. „Spas“ sind meist kleinere Wellness-Circuits, die gebucht und extra bezahlt werden müssen.

Essen: Der Parador in Lorca hat zwar ein schönes Restaurant, die Küche kann aber mit dem Ambiente nicht mithalten.

In der Stadt unten gibt es Bars und Restaurants, besonders erwähnenswert: Casa Roberto, Calle Corredera, 21. +34 968 44 25 58.

Caravaca de la Cruz: La Compañía Lounge Club, Restaurant und Bar, Calle Mayor, 43. +34 968 70 30 52. Im Prinzip gilt, verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und die Einheimischen. Sie werden keine Michelin-Sterne-Küche finden, aber auch keine Touristen-Nepps.

Info: www.turismocaravaca.org; caminodelacruz.es, www.lorcaturismo.es
www.mula.eswww.turismo.alhamademurcia.es, www.bullas.es

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2019)

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