Korsika: Die Insel, die so gut duftet

Napoleon sagte einst, er erkenne seine Geburtsinsel an ihrem Duft. Der Mann hatte recht. In Korsika liegt ein unverwechselbares Aroma in der Luft. Und wer sich die Zeit nimmt, lernt weise Menschen kennen.

Türkis-blaues Wasser an einem Sandstrand von Korsika.
Türkis-blaues Wasser an einem Sandstrand von Korsika.
Türkis-blaues Wasser an einem Sandstrand von Korsika. – Imago

Korsika duftet. Nach wunderbaren mediterranen Kräutern, nach Rosmarin und Salbei sowieso. Doch da liegt noch etwas in der Luft: die Immortelle, deren Name nicht zufällig nach Unsterblichkeit klingt. Sie regeneriert und verjüngt und bekämpft Entzündungen. Und sie riecht wirklich gut.

Frühsommer auf Korsika ist mehr als ein olfaktorisches Vergnügen. Auch das Auge hat viel Freude. Alles ist noch recht bunt, alles blüht, der quietschgelbe Ginster, die weiße Zistrose, deren Blätter voll mit ätherischen Ölen sind, und die rosa Zistrose, die einfach nur hübsch ist. Jetzt ist die richtige Zeit, um durch die Berge zu wandern. Korsika ist gebirgig, sanft gleich hinter den Stränden ansteigend, steil bis 2700 Meter in der Mitte. Dort oben liegt manchmal noch im Frühling Schnee.

Im Hochsommer sonnt man sich an den Stränden und freut sich, dass alle, absolut alle für jedermann frei zugänglich sind. In der Vorsaison wandert man tagsüber und genießt abends im Strandrestaurant frischen Fisch. Oder Wildschweinschinken. Mit Maronibier (Pietra). Oder korsischem Wein, rot, weiß oder rosé. Und danach einen Myrthenschnaps.

Korsika: Strand, Berge, Ziegen und Obstbäume

Legendenumrankter Esel

So viel Genuss muss man sich aber erst verdienen. Also zurück in die Berge: Auf Korsika steht ein einziges Gipfelkreuz, auf dem ohnehin nur artige 703 Meter hohen Capu di a Veta nahe der idyllischen Hafenstadt Calvi im Nordwesten. Dieses stellte der Österreichische Alpenverein auf seinem Hausberg auf, als er zu dessen Füßen ein weltweites Unikat gründete: das Feriendorf Zum Störrischen Esel.

Dessen Geschichte ist der Stoff, aus dem Legenden sind: Vor genau 60 Jahren brachen Willi von Doderer, Spross der Wiener Schriftstellerfamilie, und Kurt Müller, Doderers Lehrerkollege an der Dornbirner Elementarschule, zu einer denkwürdigen Expedition auf. Doderer hatte auf einer früheren Reise die Bucht von Calvi liebgewonnen und spontan (charakteristisch für ihn) ein Areal gepachtet. Dorthin karrte er im Folgejahr busweise seine Dornbirner Alpenvereinskollegen. Diesen erzählte er nichts von Steinen und Schlangen, nur von Sonne, Bergen und Meer.

Erst lebte man in Zelten, ein paar Jahre später in Baracken, jetzt in schlichten Bungalows. Der Störrische Esel ist weithin bekannt als das Ressort der Österreicher. Noch heute durchweht ihn der Kameradschaftsgeist des Alpenvereins.

Ihn lernt man auf jeder Bergtour in die Umgebung zu schätzen. Diese Touren darf man sich nicht wie in den Alpen vorstellen: keine gut markierten Wege, keine abgesicherten Pfade. Stattdessen Macchie, so weit das Auge reicht. Das sind hüfthohe Büsche, oft von dornigen Brombeeren durchzogen, die rasch jeden Pfad überwuchern.

Die allsommerlichen Brände tun ihr Übriges, um die Spuren früherer Wanderer unkenntlich zu machen. Nur die Guides finden den sicheren Pfad. Für Korsika gilt: Nicht ohne Bergführer.

Schon gar nicht auf dem Grande Randonnée 20, dem berühmten alpinen Weitwanderweg GR20 quer durch die Insel: 180 Kilometer, 15 Tage, 12.500 Höhenmeter. Er startet in Calenzana, einen Katzensprung vom Störrischen Esel entfernt. Erst danach hat man sich den Strand verdient.

Der Ziegenkönig

Jean-Christophe Savelli war einmal Banker. Dann traf er seine Frau, Anne-Marie, und wurde ihr zuliebe Ziegenbauer. Nicht irgendeiner: Ganz Calenzana reißt sich um seine Käsespezialitäten.

Er wollte nie wieder an einem Schreibtisch sitzen, sagt Savelli und rührt gestockte Milch mit seinen kräftigen Armen um. 350 Ziegen, das macht 40.000 Liter im Jahr. Früher molk er manuell, erzählt er, das mochten die Ziegen, weil er „so warme Hände" hat. Jetzt melkt ein Automat, zweimal am Tag, von November bis Juni. Der Automat ist kalt, die Milchmenge ging zurück.

Im November kommen die Zicklein zur Welt. Lang dürfen sie ihr junges Leben nicht genießen, denn das traditionelle korsische Weihnachtsmahl ist – erraten – geschmortes Zicklein. Savelli behält gerade so viele Jungtiere, dass seine Herde nicht überaltert. Die Muttertiere geben trotzdem weiter Milch, solang sie täglich gemolken werden. Weniger Milch als Festlandziegen, dafür fetthaltigere. Daraus fertigt der Ziegenbauer den „König der korsischen Käse", den weichen Frischkäse Brocciu. Dieser muss mit Feigenmarmelade, gezuckert oder gesalzen innerhalb von zwei bis drei Tagen verzehrt werden. Einen Teil zweigt Savelli ab, salzt ihn ein und lässt ihn ein halbes Jahr ruhen. Nicht jedermanns Geschmack: Vieux („alter") Brocciu schmeckt ausgesprochen intensiv.

Ein lautes Bimmeln kündigt die abendliche Heimkehr der Ziegen an, eine lange Prozession verschiedenfarbiger Tiere. Eine auffallend große Ziege hält sich abseits der anderen. „Das ist Biondine", sagt Savelli und lächelt. Mit ihren zwölf Jahren ist Biondine die Grande Dame der Herde (Ziegen werden acht bis zehn Jahre alt) und immer noch sehr spendierfreudig. Früher gab sie drei Liter Milch am Tag, heute sind es eineinhalb. „Biondine darf bleiben, so lang sie will", sagt Savelli mit Bestimmtheit. Irgendwie ist man erleichtert.

Im Sommer muss die Küstenstraße nach Porto eine Qual sein. Kolonnen in beide Richtungen, kaum Ausweichmöglichkeiten, kein Schatten.

Im Frühling ist man allein unterwegs. Schon von Weitem sieht man das rote Felsenmeer der Calanche. 1975 wurde es zum Naturreservat erklärt, je tausend Hektar Land und Wasser stehen unter strengem Naturschutz. Was hier sehr ernst gemeint ist: kein Bauen, kein Anlegen, kein Tauchen. Die bizarren Magmaformationen sind nur vom Wasser aus richtig zu sehen. Im Hafen des ansonsten unspektakulären Küstenstädtchens Porto warten brave Aussichtsschiffe und Speed-Schlauchboote. Abenteuerlustigen seien Letztere empfohlen.

Mondlandschaft mit Fischadler

Das Besondere an der Calanche: Überall im Nordwesten Korsikas herrscht Granitgestein vor. Dieses hier aber ist vulkanischen Ursprungs. Da schoben sich bizarre rötliche Felsen aus dem Meer, in- und übereinander getürmt, unwirklich schön. Dazwischen fraß das Meer Höhlen ins Gestein, in denen sich im Frühling kleine böse lila Quallen tummeln. Hineinspringen ist ohnehin verboten. Auf den steilen Zacken warten Kormorane auf fischige Beute, und an den Steilhängen nisten Fischadler.

Letztere sind eine weltweite Erfolgsgeschichte. Vor ein paar Jahren wurden nur mehr drei Paare des korsischen Wappentiers gezählt. Daraufhin halfen Ornithologen ein wenig nach und bauten verlockend wohnliche Horste auf günstigen Felsen. Die Fischadler mussten sie nur mehr beziehen. Das Konzept ist so erfolgreich, dass es heute in die ganze Welt exportiert wird. Das Ende der Mondlandschaft markiert der Capo Rosso, eine weich zum Meer hin abfallende Felsnase. Dahinter ist wieder Granit.

Der Elsässer Robert Kran war viel in seinem Leben. Algerien-Kämpfer, Techniker, Hoteldirektor. Jetzt, mit 78 Jahren, ist er Gärtner. In Hinterland zwischen Calvi und L'?le-Rousse („rote Insel") verwirklicht er seinen Kindheitstraum. Seit 1996 pflanzt er im Jardin Botanique Fruitier d'Avapassa einen Garten nach seiner Façon: auf drei Hektar fruchttragende Bäume aus aller Herren Länder, Feigen, Khaki, Guave, Papaya, Japanische Mispel und tausende andere. Zitronenkaviar ist auch dabei, wilde australische Zitronen mit Kernen wie Kaviar. In Paris zahlt man 300 Euro für das Kilo. Ob er dorthin verkauft? Nein, lächelt er verschmitzt. Sie schmeckten viel zu gut.

Man kann sich den Garten einfach zeigen lassen. Kran liebt es, Geschichten zu seinen Bäumen und Sträuchern zu erzählen, das macht er zwischen April und September jeden Abend. Wer reserviert, bekommt einen Früchtebrunch serviert, Obst, Beeren und Früchte nach Saison. Viele sah man nie zuvor.

Der Obstbaumphilosoph

Man kann sich aber auch auf die Gedanken des Baumzüchters einlassen. Der Mensch, sagt er, halte sich für die Krone der Schöpfung, für den Herrn der Welt. Dabei sei er nicht einmal imstande, seine eigenen Gene den Umweltbedingungen anzupassen. Jede Pflanze beherrsche das, sei einmal weiblich, einmal männlich, was eben gerade gebraucht werde. Erfriert ein Baum im Winter, haben die Schösslinge des Frühjahrs „gelernt", mit Frost zurechtzukommen. Wer sei da die Krone der Schöpfung?

Vor ein paar Jahren, erzählt Kran, wurde Korsika für das Jahr 2050 dieselbe Trockenheit wie in der Wüste Tunesiens prophezeit. Das wurde kürzlich revidiert, der Klimawandel käme schneller. Es sei schon 2030 so weit. Deswegen pflanze und kreuze er Bäume, die gut mit Trockenheit zurechtkommen, damit sie groß und stark sind, wenn es so weit ist.

Früher ließ er sie einfliegen, doch das war mühsam am Zoll. Jetzt besorgt er sich Kerne und Samen, zieht sie zwei Jahre im Treibhaus groß und setzt sie dann im Garten aus. Viele Sorten kreuzen und vermehren sich von selbst, ohne sein Zutun. Bei anderen, kichert er, helfe er mit einem kleinen Pinsel nach.

Dann verdunkelt sich sein Gesicht. Er zeigt auf einen jungen, gerade mannshohen Paradeiserbaum mit leuchtend roten Früchten. 15 Jahre sei er nun alt. Bäume wachsen so langsam. Er, Kran, habe sich vorgenommen, mindestens hundert Jahre alt zu werden. Damit sich alles ausgeht, was er noch machen will. Die Chancen stünden gut, sagt er: Es hieße, dass Menschen, die mit Bäumen leben, zehn Jahre dazubekommen.

Highlights im Nordwesten Korsikas

Hin: Den Flughafen Calvi steuert der Rhomberg-Charter von Wien und Salzburg aus direkt an. Die Flugzeit beträgt ca. 90 Minuten.

Dort: Feriendorf Zum störrischen Esel, www.stoerrischeresel.com

Wandern: Der Störrische Esel organisiert auch professionell geführte Wander- und Bergtouren in die Umgebung nach unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, von „1 Esel" (leicht) bis „5 Esel" (sehr schwer).

Wert zu wissen: Calvi ist mit 5400 Einwohnern die viertgrößte Stadt Korsikas, angeblich der Geburtsort von Christoph Columbus. Sie erfreut mit malerischer Altstadt, Zitadelle und pittoreskem Jachthafen. Gleich links von der Altstadt beginnt die fünf Kilometer lange Sichelbucht mit flachem Sandstrand sowie Hotels und Ferienwohnungen in jeder Preisklasse.

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung von Rhomberg Reisen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)

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